1000 Jahre Kultur – bald ein Opfer der Fluten? Maldah in Zentral Bengalen

nan-_3-dec-2007_02.thumbnailDie Reise mit dem Nachtzug ist etwas Angenehmes. Oftmals verpasst man dabei aber auch Wesentliches. Vorbeigefahren waren wir an Maldah schon zig-Mal. Immer mitten in der Nacht. Die Einladung eines Hotelbesitzers, verbunden mit der Bitte um Unterstützung beim Aufbau eines Tourismusprogrammes hat uns dieses Mal auf halbem Weg zwischen Darjeeling und Kalkutta Halt machen lassen. Maldah ist vor allem für eines bekannt, wie uns schnell klar wurde:

Für Mangos. Diese genießen international einen ausgezeichneten Ruf – man mag einem Obstverächter nachsehen, dass er das nicht wusste. Dass nahe Maldah einst die Hauptstadt eines ansehnlichen Königreiches lag und zudem die drittgrößte Moschee der Welt (die Ruinen derselben) beheimatet, hätte man als passionierter Informationssammler nach dreimonatigem Aufenthalt in Ostindien allerdings wissen können.
Wir waren überrascht: Tempel, Paläste, Hafenanlagen, Wehranlagen, Stadtmauern – alles von beeindruckenden Ausmaßen und vor Geschichte(n) nur so triefend. Was heute als Ruine ein eher tristes Dasein zwischen weidenden Kühen und weitentfernten Dörfern fristet, muss einst vor Pomp nur so gestrotzt haben. Maldah war einst so etwas wie ein Venedig des Ostens – um einen viel zu oft bemühten Ausdruck weiter Richtung der Grenze seiner Belastbarkeit zu führen. Ein dichtes Netz von Wasserwegen gab es damals, gespeist von den Flüssen Mahananda und Ganges – zwei Lebensadern Ostindiens.

Wenn heute das Wasser wieder die Dörfer verbindet, ist das allerdings kein Grund zur Freude wie man vermuten könnte. Im August hatte ein extremer Wasserstand des Ganges – nicht das erste Jahrtausend-Hochwasser in diesem Jahrhundert – den ganzen Bezirk geflutet und Tausende zu Flüchtlingen gemacht. Unser Aufenthalt ist zu kurz, um Exaktes über die Auswirkungen, Ursachen und Maßnahmen zu erfahren. Als wir bei unserem Gastgeber das Gespräch auf das Thema bringen, antwortet er ganz pragmatisch: Das Hotel ist auf einem Hügel gebaut und die Zugangsstraßen sind “wasserdicht”. Ob ich nun Reisfelder vor der Tür habe oder einen gigantischen See – für die Gäste stellt beides eine schöne Aussicht dar.” Konkurrenz braucht er bei dieser exquisiten topographischen Lage auf unbestimmte Zeit wohl nicht zu fürchten.

Leben und Reisen lassen – In der Zeitung steht immer dasselbe drin

Manchmal, wenn ich morgens die Zeitung durchblättere, bekomme ich Angst. Nicht, dass ich mich wirklich fürchten würde; die Bedrohung ist wenig emotional. Es ist eher eine rationelle Angst. Ein Beispiel mit Ereignissen aus der xy-Kalender-Woche: In Pakistan´s Hafenstadt Karachi geraten zwei sich rivalisierende Gruppen in die Haare. In der Folge brennen Häuser, es fallen Schüsse, sieben Menschen sterben. Bei den Streitparteien handelt es sich um verfeindete Rechtsanwälte. Demokratie erfordert Einsatz, keine Frage. Aber Nahkampf als Bestandteil des Jura-Studiums, ich weiß nicht…

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Die Urlaubs-Collage

Seit ich die Digitalkamera habe, lösche ich mehr Bilder, als ich behalte. Ich schieße aber auch mindestens zehnmal so viele. Ich schwimme in einem Meer von Abbildungen, Erinnerungen und Ereignissen, alle gebannt auf der Festplatte. Ähnlich geht es mir mit dem Schreiben. Während Zugfahrten schreibe ich mit Stift und Papier. Und dabei denke ich oft wie es früher war, als die großen Köpfe alle ihre Werke so verfasst haben. Ein Durchstreichen ab und an, aber ganze Seiten oder Absätze vernichten? Am Computer ist ein ganzer Satz oftmals erst der fünfte oder sechste Versuch, bis er endlich steht. Ein bisschen von hier nach da verschieben, Teile ausschneiden und andere löschen. Übrig bleibt ein Surrogat verschiedener Gedankengänge.

Sind das die Zeichen einer neuen Zeit – dem Trial- und Error-Zeitalter? Das Ausschneiden und beliebige Zusammenfügen der besten Ideen? Und falls das so ist: Mache ich das auch in anderen Bereichen so? Im Urlaub, zum Beispiel? Reise ich mal hierhin mal dorthin, um ersetze alte Erinnerungen durch neue, bessere? Falls ich eine Antwort finde, werde ich sie vermutlich im Zug aufschreiben; Wohl durchdacht.

Beschreibt doch mal euren Alltag

So die vielfach geäußerte Bitte von europäischen Bekannten.
Als ich vor einigen Jahren von meinem ersten Indienaufenthalt zurück kam, lautete der Auftrag ähnlich. Die Südbild-Agentur in Wien war frisch aus der Taufe gehoben worden. Im wuchernden Dschungel der Bildagenturen mit den allgegenwärtigen Horror- und Elendsbildern aus Entwicklungsländern wollte sie eine neue Spezies sein. Ein Pool von Bildern, die den Alltag der Menschen im Süden darstellen. Mein Bildreservoir war groß genug, um einige Alltagsschnappschüsse beizutragen.

Vollbesetzter BusHeute fällt mir die Darstellung des Alltags viel schwerer. Mit jedem Tag schwindet die Exotik und vormals Herausragendes wird „alltäglicher“. Alltäglicher bedeutet aber im Umkehrschluss: weniger bemerkenswert, weniger fotogen, weniger nachrichtentauglich. Ein übervoller Bus mit einem Dutzend Passagiere auf dem Dach hat einen anderen Reiz, wenn man regelmäßig Bestandteil der dichtgepackten Menschmasse ist. Auch die vierköpfige Familie, die mit der Rikscha vom Großeinkauf zurückfährt, taugte vor einigen Monaten noch zum Fotomotiv. Seither war ich mehrfach selbst Mitglied einer solchen Transport-Partie.

Folge ich nun der Bitte und beschreibe meinen Alltag, so muss ich mir überlegen wie.

Eine Möglichkeit ist, dass ich allgemein und nüchtern beschreibe.

„Morgens stehe ich auf, gehe ins Bad, frühstücke, fahre mit dem Fahrrad oder mit dem Bus ins Büro, arbeite, mache Mittagspause, arbeite bis zum Feierabend, fahre heim, erzähle und lese, dann gehe ich schlafen.“

Dieser Text, obwohl er meinen Alltag ziemlich genau widerspiegelt, würde wohl als Einleitung für einen Multiple Choice Test „Wo wohne ich?“ taugen.

Oder ich beschreibe detaillierter, was die Gefahr mit sich bringt, eine Steilvorlage für vergleichende Gesellschaftskritik zu liefern:

„Lautes Hundegebell weckt mich in aller Herrgottsfrühe. Der Boiler im Bad – ohnehin ein nicht selbstverständlicher Luxus – funktioniert nicht, weil der Strom ausgefallen ist. Nach der kalten Dusche ist ein heißer Kaffee eine willkommene Wärmequelle – da ist es auch egal, dass es nur Instant-Kaffee ist. Obwohl ich es erst vor zwei Tagen aus der Inspektion geholt habe, ist der Vorderreifen meines Fahrrades platt, also bleibt nur die Fahrt im überfüllten Bus…“

Der Leser ist immer auch Richter und als solcher legt er Maßstäbe an. Schnell ist dann vergessen, dass man in einigen ländlichen Gebieten Europas froh wäre, überhaupt noch einen regelmäßigen Bus-Service zu haben. Längst ist er dem Individualverkehr geopfert worden. Oder dass ein nächtlicher Stromausfall den Radiowecker von seiner Pflicht befreit hat und deshalb Dusche und Kaffee ganz ausfallen, wie es mir in Wien mehrfach gegangen ist. Hundegebell hätte das verhindern können.

Die dritte Variante ist ein Romantisieren, was dem Leser ein ebenso blauäugiges wie unglaubwürdiges Bild präsentiert:

„Wenn zum Sonnenaufgang die Hunde fröhlich den Morgen begrüßen, fühle ich die tiefe Naturverbundenheit, die mich hier umgibt. Das frische Wasser wurde nur von Mutter Erde erwärmt – keine künstliche Energiequelle, ganz Natur. Wenn ich doch nur die noch immer ausgeprägte Neigung zum Kaffee lassen könnte. Ist ein frisch gebrühter Tee – aus biologischem Landbau in einem der nahegelegenen Gärten – nicht ohnehin ein wesentlich besseres und gesünderes Heißgetränk, um in den Tag zu starten? Ob Fahrrad oder Bus: Beides eignet sich gleichermaßen, um mich in die Lebhaftigkeit und Vielfalt des indischen Alltags zu entführen…“

Kein Lärm, kein Strom, kein Kaffee, kein hektisches Gedränge. Ein glaubhaftes Bild aus dem ländlichen Indien – Modell einsame Waldhütte in Kanada oder Finnland. Ein authentisches Bild gefühlter alltäglicher Wirklichkeit ist es sicherlich nicht. Und die Leser könnten sich veralbert vorkommen; zu Recht.

Bleibt schließlich der einigermaßen gut recherchierte Hintergrundbericht. Aber der bedeutet viel Arbeit. Arbeit, die in der täglichen Informationsflut nicht von allen Lesern gleichermaßen gewürdigt wird:

„Obwohl die Anzahl von freilaufenden Hunden – umgangssprachlich ‘Straßenköter’ – seit Jahren rückläufig ist und die Stadtverwaltung das Problem mit Sterilisierungsprogrammen adressiert, ist es nach wie vor nicht unüblich, morgens von Hundegebell geweckt zu werden. Der stetig steigende Energiebedarf der schnell wachsenden Wirtschaftsmacht Indien ist noch immer nicht ausreichend und flächendeckend im Angebot berücksichtigt. Noch immer zählen Stromausfälle zum Alltag. Hoffnung auf eine regelmäßige heiße Dusche versprechen die vielen Staudammprojekte im Himalaya und der in Verhandlung befindliche Nuklearenergie-Vertrag zwischen Indien und den USA. Mit der schrittweisen Öffnung der Märkte ist zu erwarten, dass sich das Angebot internationaler Spezialitäten weiter verbreitert – ein frisch gebrühter Espresso wäre eine große Bereicherung meines Frühstücks. Frisch gemahlener KaffeeDie großen Instant-Kaffee-Marken haben bereits gute Voraussetzungen für eine weite Akzeptanz beim Verbraucher geschaffen. Täglich werden in Indien x-Tausend neue Fahrzeuge zugelassen und das 100.000-Rupien-Auto macht ‘Auto-Mobilität’ auch für die Mittelschicht immer interessanter. Der rapide Wandel der Verkehrslandschaft wird sich vermutlich in zweierlei Hinsicht auswirken: Für den öffentlichen Personentransport ist duch den zunehmenden Individualverkehr eine deutliche Entlastung zu erwarten. Die Zeiten dicht gedrängter Busfahrten sehen ihrem Ende entgegen. Andererseits wird es durch die zunehmende Verkehrsdichte zu neuen Problemen kommen – Feinstaub, CO2-Emissionen, Staus. Soll das Fahrrad, das in Indien noch viel zu oft mit Armut und als billiges Transportmittel mangels erschwinglicher Alternative angesehen wird, nicht komplett dem motorisierten Verkehr geopfert werden, ist der Auf- und Ausbau einer alternativen Infrastruktur in Form von Radwegen unabdingbar…“

Nach diesem recht langen Text bin ich noch nicht einmal im Büro angelangt. Die Beschreibung der indischen Arbeitswelt, der üblichen Mittagspausengestaltung, des Speisenangebots etc. würde auch nach vielen Seiten nur oberflächlich die Wirklichkeit reflektieren. Realität ist komplex und ihre Beschreibung immer subjektiv. Bestenfalls intersubjektiv.

Schon die Themenauswahl ist eine Wertung. Langeweile, Überforderung oder das Hinterfragen der jounalistischen Qualität – die Lesermeinungen werden sich spalten. Mein Alltag ist nicht dein Alltag. Also wähle ich als Alternative den Schnappschuss, im Idealfall das Streiflicht. Interessante Themen, die sich als klassische Nachricht nicht qualifizieren – keine Prominenten, keine direkte drängende Aktualität, kein breitentaugliches Interesse. Das ganze in greifbarem Umfang – dieser Text soll der längste bleiben. Eine lose Kombination aus Unterhaltung, Banalität und Hintergrundbericht. Ohne Furcht vor unangenehmen Themen. Und mit einem Fragezeichen, das zum Nachdenken und zur Diskussion einlädt.

Wer eine bessere Idee hat, soll erst mal seinen Alltag beschreiben.

Stadt, Land, Fluss – Kalkutta und die Sunderbans

NaN #5 SadhusLeicht verspätet zum Karneval ein Gruß nach Köln. Die quirlige Rheinmetropole ist nicht eben bekannt als Raum der Stille und Einsamkeit. Im Vergleich mit Kalkutta ist sie – mal abgesehen von der Karnevalszeit – ein Naherholungsgebiet. Die Bevölkerungsdichte der indischen Mega-City ist zehnmal höher als die der Stadt am Rhein. Diese Konzentration an Menschen hat ausgesprochen angenehme Auswirkungen. Es gibt viel Kultur, viel zu beobachten, viel zu erleben…

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Siliguri – Riesendorf und lebhafter Baumarkt?

Die größte Stadt im Norden Bengalens ist den meisten Reiseführern nur ein paar Zeilen wert. Die Tipps erschöpfen sich weitgehend in Hinweisen zum Ankommen und dem schnell wieder Wegkommen. Und tatsächlich ist Siliguri hauptsächlich als Drehkreuz von Interesse – zumindest für Erholungsreisende…

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