Facetten von Hong Kong

„Hello, my name is Hong Kong“, begrüßt uns ein Schild am Victoria Peak. Darunter erstreckt sich die Millionenstadt in ihrer vollen Größe, umgeben von üppigen Hügellandschaften und 263 vorgelagerten Inseln. Man blickt auf einen der am dichtesten besiedelten Plätze der Welt, auf der einen Seite in Menschen, auf der anderen in Vögeln und Schmetterlingen gemessen.

© Carina Forster
© Carina Forster

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„Sie erschrecken die Tiere!“

Herr Madesh ist wohl das, was man eine kritische Stimme im Tourismus nennen würde. „Es ist nicht gut, dass Touristen kommen”, sagt er. „Sie verursachen Probleme. Sie erschrecken die Tiere und indigenen Menschen. Stadtleute bringen schlechte Angewohnheiten – trinken, rauchen, Autos und Müll.“ Aber Herr Madeshs Stimme wird kaum gehört. Denn die Ansichten, die am Ende zählen, sind selten die von Menschen wie ihm.

Herr Madesh ist Angehöriger eines indigenen Volkes in Indien und sein angestammtes Land wurde zu einem Schutzgebiet für Flora und Fauna erklärt. Ihm und seinem Volk drohte lange Jahre die illegale Vertreibung von ihrem Land im Namen des Naturschutzes. Wie unzählige andere Indigene noch heute, zitterte er jahrelang um sein Zukunft und die seines Volkes.

Baiga-Frau im Kanha-Tigerreservat. Angehörige der Baiga wurden 2014 aus dem Reservat vertrieben. (Foto: Survival International, 2013)
Baiga-Frau im Kanha-Tigerreservat. Angehörige der Baiga wurden 2014 aus dem Reservat vertrieben. (Foto: Survival International, 2013)

Obwohl sie Jahrhunderte mit Tigern und anderen Tieren koexistiert haben, werden Indiens indigene Völker im Namen des Naturschutzes verfolgt, vertrieben und teilweise sogar getötet. Denn die Annahme vieler PolitikerInnen und NaturschützerInnen ist, dass der Tiger nur in Schutzgebieten überleben kann, die einer unbewohnten Wildnis gleichen und – mit einer Ausnahme – frei von menschlicher Aktivität sind.

Um diese künstliche „unberührte Wildnis“ zu schaffen, werden Angehörige indigener Völker vertrieben und so dazu gezwungen, ihr angestammtes Land zu verlassen, auf dem sie seit Menschengedenken nachhaltig gelebt haben. Stattdessen enden sie in Armut und ausgegrenzt an den Rändern der indischen Gesellschaft. „Wir waren Könige des Dschungels, aber hier behandeln sie uns wie Hunde“, bringt es ein Baiga-Mann nach seiner Vertreibung aus dem Kanha-Schutzgebiet auf den Punkt.

Nur TouristInnen geduldet
Die eine Ausnahme des menschlichen Kontakts, die die Behörden in der neuen „Wildnis“ dulden oder sogar aktiv fördern, ist Tourismus. Er wird weit weniger kritisch gesehen. Während die indigenen BewohnerInnen nicht geduldet werden, können wohlhabende TouristInnen aus den Städten Indiens und der ganzen Welt in Busladungen in die Regionen kommen und auf Foto-Safari in den Schutzgebieten gehen. Sie bringen Lärm an die Orte, die eigentlich geschützt werden sollen; gewöhnen die Tiger an Menschen (und machen sie damit angreifbarer für Wilderer); und wenn sie gehen, bleiben Unterkünfte, Straßen und Müll zurück, mit all ihren Auswirkungen auf die lokale Umwelt.
Aus Sicht der Behörden scheint der Fall jedoch klar zu sein: Die BesucherInnen zahlen Unsummen, um einen Blick auf die Tiger in einer vermeintlich authentischen, menschenleeren Wildnis zu erhaschen, sodass die Rechte der indigenen Gemeinden wie der von Herrn Madesh immer den Kürzeren ziehen.

Soliga-Jungen spielen auf einer Lichtung im Rangaswamy-Temple-Schutzgebiet. Die Soliga beten die Tiger als Götter an. (Foto: Shrenk Sadalgi/Survival)
Soliga-Jungen spielen auf einer Lichtung im Rangaswamy-Temple-Schutzgebiet. Die Soliga beten die Tiger als Götter an. (Foto: Shrenik Sadalgi/Survival)

Ähnlich wie in Indien sieht es auch in vielen anderen Teilen der Welt aus. In Botswana sind die letzten jagenden Buschleute ins Visier der Regierung geraten, weil sie angeblich den Wildtierbestand gefährden – eine Behauptung, die bereits vor dem Obersten Gerichtshof widerlegt wurde. Der atemberaubende Landstrich Ngorongoro in Tansania ist eines der bekanntesten Naturschutzgebiete der Welt und auch hier wissen nur wenige der jährlich Hundertausenden BesucherInnen, dass in den 1970er-Jahren die indigenen Massai und ihre Tiere aus dem Serengeti-Nationalpark, Teil des Ngorongoro, vertrieben wurden.

Naturschutz auf Kosten der indigenen Bevölkerung
Ohne Frage haben Länder wie Indien das Recht, bedrohte Arten und biologisch wichtige Orte zu schützen. Aber warum auf Kosten der indigenen Bevölkerung, die nicht für die gnadenlosen Trophäenjagden der Vergangenheit verantwortlich ist, die Tiere wie den Tiger fast bis in die Ausrottung getrieben haben? Es ist fahrlässig gegenüber der Natur und eine Verletzung internationaler Menschenrechte, die indigenen Gemeinden zu vertreiben, die ihre Gebiete seit Jahrtausenden geschützt haben.

Der Tiger ist der „kleine Bruder“
In Indien betrachten viele Indigene den Tiger als heilig, manche nennen ihn sogar ihren „kleinen Bruder“. Ihre Beziehung zu ihrem Land ist innig und indigene Völker weltweit sind die besten Naturschützer. Und obwohl auch wissenschaftliche Studien dies zunehmend belegen, werden sie weiter behandelt wie kriminelle „Wilderer“ die das Land verlassen müssen. TouristInnen, die wirklich etwas für die Natur tun wollen, die sie auf ihren Reisen bewundern, sollten sich von dem Bild einer unberührten „Wildnis“ verabschieden. Sie sollten stutzig werden, wenn sie in Reiseprospekten darauf stoßen. Wer die Natur liebt und wer reist um sie zu genießen, sollte an der Seite jener stehen, für die sie alles bedeutet und die alles tun würden, um ihr angestammtes Land zu schützen. Menschen wie Herr Madesh.

Autorin: Linda Poppe, Survival International
Survival International ist die globale Bewegung für die Rechte indigener Völker. Survival hilft indigenen Völkern weltweit ihr Leben zu verteidigen, ihr Land zu schützen und ihre Zukunft selbst zu bestimmen. Survival wendet sich auch gegen die Verletzung der Rechte indigener Völker im Namen des Naturschutzes – für indigene Völker, für die Natur, für unsere gesamte Menschheit. Mehr: http://www.survivalinternational.de/indigener-naturschutz

Palästina und Israel – Eine Reise voller Gegensätze

Mai 2015: Nach Monaten der Vorfreude, Planung und Besprechungen ist es endlich soweit: Treffpunkt am Flughafen Berlin-Tegel für unseren Flug nach Tel Aviv. Von Tel Aviv soll es über Jerusalem nach Bethlehem gehen, wo wir unsere Partneruniversität Dar al-Kalima University College of Arts and Culture besuchen werden. Wir, das sind Studierende und Frau Prof. Dr. Claudia Brözel von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde. Im Rahmen eines Kooperationsprojekts soll in Bethlehem ein Bachelorstudiengang für Tourismus aufgebaut werden; nun steht eine erste Begegnung zwischen Studierenden aus Deutschland und Palästina an. Genauso spannend wie das Treffen mit den Studierenden war für uns ein erster Besuch dieser Region.*

Israel & Palästina – ein Reiseziel, bei dem schon die Antwort auf „Na, wohin fliegst du denn eigentlich?“ schwierig ist. Wer einigermaßen die Nachrichten verfolgt und sich ein wenig mit der Geschichte der Region beschäftigt wird schnell feststellen, dass es mehr Fragen als Antworten und mehr Vermutungen als Fakten gibt. Eine einfache Antwort auf die Frage wer wem Unrecht getan hat und tut und wer denn nun Recht hat, gibt es für mich nach dieser Reise nicht – auch wenn ich das anfangs naiverweise gehofft hatte. Schließlich ist die Welt in schwarz-weiß viel einfacher!

Tel Aviv
Am Beginn der Reise stand ein Tag in Tel Aviv an, das ein wenig an Berlin erinnert: Die Küstenstadt war die wohl am westlichsten geprägte Stadt, die wir auf unserer Reise gesehen haben. Nach einem Nachtflug kamen wir frühmorgens in Tel Aviv an. Da Flughäfen wohl überall gleich aussehen, waren es die hebräischen Schriftzeichen, die verraten haben, wo wir sind. Draußen die ersten Palmen und Vogelgezwitscher – so kann es losgehen.

Tel Aviv (Foto: Katrin Karschat)
Tel Aviv (Foto: Katrin Karschat)

Nachdem wir am Vormittag den Strand genießen konnten, stand dann später eine sehr spannende, geführte Tour durch Tel Aviv-Jaffa an. Die Stadt hat eine lange Geschichte, war lange Zeit ein wichtiger Handelsposten und auf Grund ihrer Lage auch militärisch interessant. Während das ehemalige Jaffa noch traditionell wirkt, so ist Tel Aviv das moderne Gegenstück dazu. Schon hier zeigten sich die Gegensätze zwischen Tradition und Moderne, Alltag und Konflikt, die uns immer wieder begegnen sollten.

Unser Aufenthalt in Tel Aviv bot eine erste Gelegenheit, die lokale Küche auszuprobieren, von der ich auf jeden Fall ein Fan geworden bin. Neben Falafel, Fladenbrot und Humus waren vor allem Gerichte wie Tabouleh (Bulgur-Petersilie-Salat) und Tahina (Sesampaste/-dip) ein Erlebnis. Frisches Obst und Gemüse stehen immer auf dem Speisenplan und auch wenn man sich an Gurken, Tomaten und Oliven zum Frühstück erst gewöhnen muss, so ist das eine leckere Alternative!

Jerusalem
Am nächsten Tag ging es nach Jerusalem. Die Stadt hinterlässt bleibende Eindrücke, vor allem wegen ihrer Vielfalt: Orthodoxe Juden neben Muslimen und Christen; Touristengruppen; Militär und Sicherheitsleute. Es läuten Glocken und der Muezzin ruft. Von oben hat man einen atemberaubenden Blick über die Stadt mit ihren alten Häusern und engen Gassen. Menschen überall.
Unsicher gefühlt habe ich mich nicht, auch wenn man unbewusst nach Anzeichen des Konflikts sucht. Und die gibt es, das durften wir vor allem auf einer Tour durch Jerusalem feststellen: Auch in dieser Stadt gibt es besetzte Gebiete und die Mauer, ganze Stadtteile sind quasi abgeschnitten.
Ein Rundgang durch die Innenstadt gleicht aber auch einem Spaziergang durch die Zeit: vorbei an uralten Kirchen, durch den traditionellen Souk mit Gewürzen und Schmuck bis hin zur Klagemauer bei Nacht. Bis man diesen Schmelztiegel nicht selbst erlebt hat, kann man kaum glauben, wie hier so vieles nebeneinander funktioniert, während Alltag und Konflikt nahtlos ineinander übergehen.

Jerusalem (Foto: Katrin Karschat)
Jerusalem (Foto: Katrin Karschat)

Bethlehem
Am Tag darauf haben wir uns dann auf den Weg zu unserem eigentlichen Ziel Bethlehem gemacht. Während der Vorbereitung auf diese Reise wurde vor allem an dieser Stadt deutlich, wie verworren der Konflikt eigentlich ist und welche Fehlinformationen es gibt. Mir war ehrlich gesagt vor dem Beginn der Vorbereitungen nicht klar, dass Bethlehem zu den Palästinensischen Autonomiegebieten gehört und auch in vielen Reisebeschreibungen ist lediglich von Israel die Rede. Hier gibt es noch viel Nachholbedarf an Information!
Während der Busfahrt kam irgendwann Anspannung auf – schließlich mussten wir nun zum ersten Mal durch die bekannten Checkpoints, die jeder passieren muss, der das Westjordanland betreten möchte. Unserem Bus mit einer offensichtlich europäischen Reisegruppe hat man aber wenig Beachtung geschenkt. Beeindruckend war zu sehen, wie nah die beiden Welten Israel und Palästina aneinander liegen: Zwar sieht man auf der Karte, dass sich Jerusalem und Bethlehem direkt nebeneinander befinden; das nur wenige hundert Meter zwischen den Städten sind, begreift man erst vor Ort. Ein bedrückendes Gefühl, dass Jerusalem für die Menschen auf der palästinensischen Seite so nah und doch unerreichbar ist.

Bethlehem Stadt (Foto: Katrin Karschat)
Bethlehem  (Foto: Katrin Karschat)

Bethlehem ist im Vergleich zu Jerusalem viel offener gebaut, mit vielen hellen Häusern und es wirkt irgendwie gemütlich – trotz des lebhaften Markts und dem abenteuerlichen Straßenverkehr. Spannend war es, plötzlich an Orten zu stehen, die man sonst nur aus Geschichten kennt. Irgendwie verbindet man Bethlehem dann doch immer mit der Weihnachtsgeschichte – da sind Temperaturen von über 30 Grad und Trockenheit etwas befremdlich.

Mauer in Bethlehem (Foto: Katrin Karschat)
Mauer in Bethlehem (Foto: Katrin Karschat)

Während unserer Tour durch die Stadt kamen wir immer wieder an der Mauer vorbei, die Bethlehem von Israel trennt. Die Mauer ist von Graffitis bedeckt, die oft von bekannten Künstlern wie Banksy geschaffen wurden. Einen kurzen Moment hat man das Gefühl, in Berlin an der East Side Gallery zu stehen – allerdings ist die Mauer hier noch weit davon entfernt, ein Monument zu sein.

Übernachtung bei den Beduinen
Ein unvergessliches Erlebnis war die Übernachtung bei den Beduinen – eine von mehreren Bevölkerungsgruppen, die durch die schwierige Situation vor Ort massiv eingeschränkt wird. Waren sie einst Nomaden, so sind sie jetzt gezwungen an einem Ort zu bleiben – verlassen sie ihren Aufenthaltsort, können sie wahrscheinlich nie wieder dorthin zurückkehren. So lebt das ehemals wandernde Volk nun in einem mehr oder weniger befestigten Camp und versucht touristische Touren aufzubauen.

(Foto: Katrin Karschat)
(Foto: Katrin Karschat)

Wieder einmal durften wir die enorme Gastfreundschaft in diesem Land erleben – während der zwei Tage bei den Beduinen, sind unsere Guides nicht von unserer Seite gewichen und haben uns wirklich exzellent versorgt. Los ging es mit einer traditionellen Kaffeezeremonie, abends dann „Essen aus dem Boden“ – hierbei werden Fleisch und Gemüse traditionell in einem Erdofen gegart. Morgens gab es dann frisches, ganz dünnes Fladenbrot und Ziegenmilch. Aber nicht nur das Essen war eine Erfahrung, auch die Nachtwanderung und die Übernachtung im Zelt bzw. unter freiem Himmel waren ein Erlebnis. Allerdings ist auch hier der Konflikt spürbar, wenn Settler nachts mit lautem Getöse am Camp vorbeifahren.

Am nächsten Tag stand vor der Rückreise eine Wanderung auf dem Programm. Da unsere Guides wohl sehr von unserem Fitnesslevel überzeugt waren, durften wir uns für „eine bisschen längere und schwierigere Wanderung durch das Wadi“ entscheiden. „Ein bisschen schwieriger“ hat sich dann allerdings als ungesicherter Wanderweg entlang von Abgründen und mehreren Klettersteigen herausgestellt – bei über 30 Grad Hitze. Stolz können wir berichten, dass wir es tatsächlich alle unversehrt geschafft haben – und so bleibt diese Wanderung als großes Abenteuer im Gedächtnis.

(Foto: Katrin Karschat)
Wanderung durch ein Wadi (Foto: Katrin Karschat)

Austausch mit Studierenden
Im Rahmen unseres Austauschprogrammes  trafen wir auch palästinensische Studierende in ihrer Universität. Gemeinsame Workshops und ein Rundgang durch die moderne und schön gestaltete Universität standen auf dem Programm. Wir durften auch einige Familien der Studierenden persönlich kennen lernen und deren Gastfreundschaft und Herzlichkeit genießen. Bei allen Unterschieden ist es immer wieder beeindruckend und schön zu erleben, dass man sich doch so ähnlich ist und wir haben die Zeit miteinander sehr genossen.

Außerdem war diese Reise eine einmalige Gelegenheit, mit Gleichaltrigen über kulturelle Unterschiede und die Situation in Israel und Palästina zu sprechen. Spannende Geschichten; auch wenn ich doch das eine oder andere Mal schlucken musste. Auch wenn in dieser Region auch Alltag herrscht und wir zum Glück in einer friedlichen Zeit da waren – an niemandem ziehen die Konsequenzen der Ereignisse der letzten Jahrzehnte spurlos vorbei. Als behütete Europäerin kann ich mir nur schwer vorstellen, wie das Leben dort aussieht und welche teils grausame Geschehnisse dort Teil der Lebensgeschichten sind: Tragödien in der Familie, Verwandte, die man seit Jahren nicht gesehen hat und wirtschaftliche Einschränkungen, um nur ein paar zu nennen.

Alles in allem wird mir diese Reise durch eine Region mit einer interessanten Landschaft, tollen lokalen Küche und spannenden Geschichte noch lange in Erinnerung bleiben und auch mit Sicherheit nicht die letzte dorthin sein. Was ich neben tollen Eindrücken vor allem gelernt habe, ist meine eigenen Überzeugungen immer wieder zu hinterfragen. Es ist fast unmöglich, vor allem als Außenstehende, den Konflikt in dieser Region zu verstehen oder gar abschließend zu bewerten. Fest steht nur, dass es nach dieser Reise nicht mehr DIE Israelis oder DIE Palästinenser für mich gibt.

*Die Ansichten in diesem Artikel spiegeln die Meinung der Autorin und nicht zwingend die Meinung der Reisegruppe wider.

Autorin: Katrin Karschat.
Katrin Karschat ist zurzeit damit beschäftigt, letzte Hand an ihren Masterabschluss für „Nachhaltiges Tourismusmanagement“ an der HNE Eberswalde anzulegen. Neben einem ersten Einblick in die Themen Tourismus und Nachhaltigkeit waren vor allem Exkursionen wie die nach Palästina Höhepunkte des Studiums. Wenn sie nicht gerade an der Hochschule oder auf Exkursion ist, dann trifft man sie auch privat auf Reisen – schließlich muss die gelernte Theorie in die Praxis umgesetzt werden.

 

Vom Widerspüchlichen, auf Reisen „authentisches Erleben“ zu suchen – eine selbstkritische Betrachtung

…der schmale Grat zwischen „authentischem Erleben“, Massentourismus-Kitsch und andererseits eher ödem, banalem Alltagsleben ist auch für mich „Tourismusprofi“ oft trickreich und herausfordernd! Dieser Blogeintrag soll ev. nachdenklich stimmen, aber bitte NICHT destruktiv „rüberkommen“: Unsere Welt IST WUNDERSCHÖN!
 (Aber unsere Erwartungen sind komplex und manchmal schwierig zu erfüllen …)

Ich bin ja selbst oft als „Produktentwickler“ und „Reisetester“ für meine eigene Firma in der ganzen Welt unterwegs. Dabei halte ich natürlich ständig Ausschau nach „authentischen Dingen“, nach liebevoll geführten Unterkünften & Restaurants, nach besonderen Menschen und Möglichkeiten zu persönlichen Begegnungen mit der Kultur eines Landes. Ich habe da so eine Art „inneres Radar“ entwickelt, das mich vor „Massentourismus“ warnt und unbewusst immer auf der Suche nach „Besonderheiten“ ist. Auf meiner Reise durch Sri Lanka zum Jahreswechsel 2014/15 wurde mir aber sehr bewusst, auf welch schmalen Grat sich die von uns angebotenen Reisen bewegen und wie fragil unserer Wunsch-Rahmenbedingungen heutzutage auf der Welt sind!

Eine unleugbare Tatsache ist, dass der Alltag eines Großteils der Bevölkerung sich immer ähnlicher wird. Es gleichen sich weltweit viele mittlere Großstädte mit Büros und anonymen Wohnsiedlungen in den Vororten. Die Neubau-Geschäftsstraßen in vielen mittleren Städten Asiens, Afrikas und Südamerikas, geprägt von Garagenmetalltoren-Shops und deren Schildern, sind ebenfalls sehr austauschbar. Beim Reisen ist man eindeutig NICHT auf der Suche nach dieser oben beschriebenen Eintönigkeit, nach diesem „wirklichen“ Leben. Man sucht die „Highlights“, das echte Erleben mit „Einheimischen“. Dieses „echte Leben“ soll aber möglichst nicht schmutzig, vermüllt oder gar geruchsintensiv sein, sondern soll sich möglichst harmonisch und sauber präsentieren und unserer Vorstellung von „natürlich“ entsprechen. Unser verklärtes, westliches Bild vom romantischen, glücklichen „Wilden“ spielt da eine große Rolle, sage ich nun etwas überkritisch …

Als ich heuer zu Jahresanfang in Sri Lanka durch die vielen echten Fischerdörfer entlang der “Traumstrände” nördlich von Negombo spazierte und all die Berge von Plastikmüll, den Gestank der schwelenden Müllfeuer und die sehr ärmlichen Lebensumstände erlebte, merkte ich: „Das ist nicht das Bild, das ich selbst als Tourist von diesem Land suche und mit nach Hause nehmen möchte!“ Bei Reisen in westliche Länder interessiert mich auf meiner Urlaubsreise ja auch eher weniger der “authentische Alltag” der Bevölkerung zwischen Büro, Stau im Berufsverkehr und endlosen Vorstadtsiedlungen!

In Sri Lanka besteht andererseits ein sehr professionell gemachter Tourismus: In den letzten Jahren sind sehr viele so genannte “Boutique-Hotels” inkl. Ayurveda-Behandlungen rund um die Insel aus dem Boden geschossen. Diese umfassen oftmals weit über 100 Zimmer, bieten üppige Abendbuffets und den allabendlichen Auftritt der hauseigenen Hotelband! Finanziert werden/wurden diese Anlagen von Investoren, nicht selten auch aus Singapur oder aus dem Westen. Auch solche Unterkünfte habe ich auf meiner Erkundigungsreise in Sri Lanka kennen gelernt: Für mich als nachhaltigen Reiseveranstalter ist so ein Aufenthalt aber eher ein “Albtraum” als mein “Urlaubstraum”, denn diese Anlagen sehen auf Bali, in Thailand und anderswo völlig gleich aus und sind austauschbar. Ja, und wir bei Weltweitwandern bewegen uns also sehr bewusst und behutsam genau in dem Bereich zwischen diesen “Hotelburgen” des Massentourismus (die ja optisch wunderschön sind und gar nicht mehr nach Burgen aussehen) und dem “zu banalen” oder “zu verschmutzten” Alltag.

Dieses Suchen nach dem “Besonderen” funktioniert auch sehr gut, und wir finden da immer wieder tolle Sachen für unsere Gäste. Unvergessen bleiben uns:
die eine Nacht in einer offenen Wildhüterhütte mitten im Yala-Nationalpark umgeben von den Geräuschen des Urwaldes, die kleine Hotelanlage mit nur 10 Zimmern inmitten von Palmen an einem einsamen Strand im Norden von Sri Lanka.

Foto: Christian Hlade
Foto: Christian Hlade

Unvergesslich auch „unser“ kleines, persönliches Hotel direkt am einsamen Traumstrand im Norden von Sri Lanka, das Bauernhof-Quartier einer inzwischen mit uns befreundeten Familie, das würdevolle, alte Kolonialhotel aus der Zeit der Engländer inmitten der alten Stadt Dandy. Aber auch (das sind die getesteten Unterkünfte, die wir NICHT ins Reiseprogramm aufnehmen werden): Das Boutique-Hotel mit der lauten Band, dem riesigen und lauten Abendbuffet und der doch wunderbaren Lage direkt am Strand, mit dem allabendlichem „Discowummern“ aus 10 verschiedenen Strandbars … Die Nacht in einem reizfreien Privatquartier mit ob des Regenwetters völlig überforderten Gastfamilie …

Mein persönliches Fazit: Es ist gar nicht so einfach, eine optimale Reise zu gestalten. Das ist mir in Sri Lanka sehr, sehr bewusst geworden! Es geht, bedarf aber großer Achtsamkeit, denn der Grat zwischen zu „massentouristisch“ und zu „banal“ ist oft wirklich schmal. Manchmal bewegen wir uns da zugegebenermaßen durchaus in leichten Randbereichen, wir wollen/können ja auch nicht völlig realitätsfern reisen: Ein schönes Boutiquehotel kann eine gute Lösung sein, um am Ende der Reise einige Tage auszuspannen. Ein Besuch bei den Fischern ist spannend, auch wenn es dort viel Plastikmüll zu sehen gibt. All das ist ja auch das „wirkliche“ Leben!

Foto: Christian Hlade
Foto: Christian Hlade

Dazwischen suchen und finden wir aber allerorts zum Glück noch viel schöne, saubere Natur und alte Geschichte und schöne Begegnungen. Gerade unser Natur- und Wanderschwerpunkt erleichtert das ja und so führen wir Gäste immer zu ausgesucht schönen Plätzen. Auf Elefantensafari in der Nähe von Sigirya in Sri Lanka. Ein Kompromiss: In der Hochsaison recht touristisch, aber sehr eindrucksvoll!

… all das Andere gibt´s aber auch und das ist eben auch die Realität auf unserer Welt! … sagt ein ob der Erkundigungsreise auf Sri-Lanka doch nachdenklich gestimmter Christian Hlade.

Über den Blogger: Christian Hlade über sich selbst: Mein Lebensmotto ist: Ich will nie einen „Job“ machen und ich will nie „in Pension gehen“. Ich will jene Dinge tun, die mir und anderen Menschen Freude bereiten und dadurch meinen Lebensunterhalt ermöglichen. Mit „Weltweitandern“ ist mir das bislang recht gut gelungen.

PLATZ 5 UNSERES BLOGGER/INNEN-WETTBEWERBS 2015 „FAIReisen & die Welt entdecken“.
Die Jury-Wertung: 

Dieser Artikel ist aus Sicht eines Reiseveranstalters geschrieben, dennoch beschäftigen diese Fragen sicherlich auch viele IndividualtouristInnen. Eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Reisen.

Die Jury: 
Annemarie Herzog / Chefredakteurin Magazin LEBENSART; Linda Nepicks/ Reiseleiterin & Reisefachfrau Odyssee Reisen; Katrin Karschat, Cornelia Kühhas, Andrea Lichtenecker / Naturfreunde Internationale – respect

Mongolei: Besuch bei den Nomaden

Weiß und rund stehen sie wie Tupfer in der mongolischen Landschaft. Die Jurten der Nomaden sind von außen total unscheinbar. Aber von innen gleichen manche von ihnen einem kleinen Sommerpalast.  Eindrücke von einem Besuch bei einer nomadischen Familie am Hovsgol-See.

Foto: Andrea Lammert
Foto: Andrea Lammert

Es riecht nach Butter in diesem Zelt, das von außen so klein aussieht. Ich ziehe meine Schuhe aus und betrete den sauberen PVC-Boden. Eine wahre Farbpracht leuchtet mir entgegen. Stickereien, Decken, Kissen in bunten Neonfarben zieren das Zelt. Von Mai bis September lebt Tuya 27 mit ihrem Mann Tomoroo 29 in dieser Jurte. Ihre beiden Kinder, Tselmuun (1 Jahr) und Nungun Tuya (vier Jahre) verbringen hier die schneefreie Zeit.

Foto: Andrea Lammert
Foto: Andrea Lammert

Nungun Tuya sitzt auf dem Fußboden, isst einen Teller Nudelsuppe, ihre Mutter serviert uns einen Tee mit Yaksahne und Weißbrot mit Yakbutter. Beides ist wirklich köstlich, gar nicht so streng, wie ich mir den Geschmack vorgestellt hatte. Während draußen die Sonne bei 24 Grad scheint, hat die Familie nur ein leichtes Baumwolltuch als Schutzplane über die Stangen der Jurte gespannt. „Im Winter  legen wir zwei Filzdecken drüber. Dann wird es auch bei minus 45 Grad warm hier drinnen“, erzählt Tomoroo und zeigt auf den kleinen Ofen in der Mitte des Zeltes, der Heizung und Herd zugleich ist. Yakdung und Äste geben eine Wärmequelle. „Innerhalb von zehn Minuten ist es dann warm“, sagt Tuya.

Foto: Andres Lammert
Foto: Andres Lammert

Sie steht jeden morgen um sechs auf, kocht der Familie den Tee und kümmert sich dann gemeinsam mit ihrem Mann um die Tiere. 20 Yaks gehören ihnen – sagen sie mit einem geheimnisvollen Zug um die Mundwinkel. Denn die wahre Zahl der Tiere zu nennen, bringt Unglück, deswegen macht man einfach andere Angaben.
Vor vielen Zelten stehen Solarpanele für die Handys und die Fernseher, die Jurten werden schon lange nicht mehr von Yakkarren oder Pferden zum nächsten Ort transportiert, sondern per LKW. Auch hier ist das 21. Jahrhundert längst angekommen. Nomadentum ist wie für Tuya und Tomoroo für viele Familien nur noch Hobby. Zu hart ist der jungen Generation das Leben. Das Trinkwasser kommt nicht aus der Leitung, sondern wird per Kanister vom Hovsgol-See geholt. Jeden Morgen kommen die Einwohner von Hatgal und den umliegenden Siedlungen, um  Wasser aus dem Schwestergewässer des Baikalsees zu schöpfen.
Darin baden würden sie niemals, denn der See ihnen heilig, sie behandeln ihn wie ein Lebewesen, nennen ihn Mutter Meer, singen ihm Lieder und sprühen Wodka, um den Geist des Gewässers zu besänftigen. Immerhin birgt er rund 70 Prozent der Trinkwasserreserven der Mongolei. Ein menschenleeres Gebiet in Norden des Landes, ganz nah an der Grenze zu Sibirien. Doch seitdem eine Straße die Hauptstadt Ulaan Bator mit Hatgal verbindet, lockt der Hovsgol-See zunehmend Touristen. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Besucher von einst 5.000 auf nun 45.000 gesteigert. Was bescheidenen Wohlstand in die nomadisch geprägte Region bringt, führt zwangsweise auch Probleme mit sich – Abwasser können nicht mehr geklärt werden, Müllmassen sammeln sich an, Jurtensiedlungen ohne Abwassermanagement schießen wie Pilze aus dem Boden, in der Hoffnung, mit den Tourismus Wohlstand zu erzielen.

Foto: Andrea Lammert
Foto: Andrea Lammert

„Die Region braucht Hilfe, um vernünftige Systeme aufzubauen“, sagt der deutsche Biologe Dr. Thomas Schäfer. Sein Arbeitgeber, die deutsche Umweltschutzorganisation Global Nature Fund (GNF) aus Radolfzell setzt sich mit Hilfe der EU für den Schutz der Region ein. Ranger werden ausgebildet, Einheimische sensibiliert und unterstützt, nachhaltige Camps mit Kläranlagen zu bauen. Ausstattung wie Fotoapparate und Funkgeräte werden den Rangern des Nationalparks zur Verfügung gestellt und Infomaterial geduckt. „Wir wollen nicht die Fehler machen, die in anderen Regionen mit schnell wachsendem Tourismus gemacht wurden. Das Ökosystem mit dem Permafrostboden der Taiga ist sehr empfindlich, alles wächst und vergeht sehr langsam“, sagt Schäfer. Deshalb soll der Tourismus hier auf nachhaltigen Themen fußen. Übernachtungen in Jurten bei Nomadenfamilien, Wanderwege und spirituelle Begegnungen sollen ausgebaut werden: „Wir stehen mit dem Tourismus ganz am Anfang. Das birgt Chancen.“
Es wäre schön, wenn das Ursprüngliche erhalten bliebe. Die Mongolei ist derzeit im großen Wandel, viele Menschen geben das Nomadenleben auf und ziehen in die Großstadt, nach Ulan Bator, die schon jetzt die vielen Menschen kaum verkraftet. Umso besser, wenn der Fortschritt auch sanft vorangehen kann wie am Hovsgol-See.

Über die Bloggerin: Andrea Lammert (Reisefeder Redaktions-Partnerschaft, http://reisefeder.de) liebt das Meer und die Natur. Schon als Kind war ich mit meinem Opa auf ornithologischen Touren unterwegs und auch heute liebe ich es, Tiere dort anzusehen, wo sie wohnen. Ob in der Serengeti oder in der Schweiz – Naturbeobachtungen müssen sein. Auch gerne unter Wasser, atmen durch den Schnorchel und den Fischen ins Auge sehen. Wenn ich nicht reise, erkunde ich Norddeutschland mit meinen Kindern und meinem Hund. Und richtiger Urlaub ist es erst, wenn ich den Malkasten auspacke und anfange, auf Aquarellpapier zu klecksen.

PLATZ 3 UNSERES BLOGGER/INNEN-WETTBEWERBS 2015 „FAIReisen & die Welt entdecken“.
Die Jury-Wertung: 

Farbenprächtige Sprache, kurz gehalten. Die aktuelle Situation wird kritisch betrachtet, es wird aber ein positiver Ausblick geboten: Ein sanfter Tourismus soll aufgebaut werden, dabei kann man von Fehlern anderer, die in der Vergangenheit begangen wurden, lernen.

Die Jury: 
Annemarie Herzog / Chefredakteurin Magazin LEBENSART; Linda Nepicks/ Reiseleiterin & Reisefachfrau Odyssee Reisen; Katrin Karschat, Cornelia Kühhas, Andrea Lichtenecker / Naturfreunde Internationale – respect