Prainha do Canto Verde – wo Gäste und Gastgebende gleichermaßen auf ihre Kosten kommen

1992 stieg René Schärer aus seiner Karriere als Swissair-Manager aus und zog in das Fischerdorf Prainha do Canto Verde im armen Bundesstaat Ceará an der Nordostküste Brasiliens. Über zwanzig Jahre lang engagierte er sich dafür, mit den Bewohnerinnen und Bewohnern des Dorfes einen nachhaltigen Weg aus Armut und Unterdrückung zu finden. Heute gilt Prainha do Canto Verde als Messlatte für eine selbstbestimmte Entwicklung lokaler Gemeinschaften generell und für den „Turismo Comunitario“ (Community Based Tourism) im Besonderen. An einer vom arbeitskreis tourismus & entwicklung organisierten Gesprächsrunde hörten Projektinitianten, Unterstützerinnen und Besucher Prainhas die Analysen von Frauen und Männern Prainhas und tauschten sich darüber aus, was zu den Erfolgen des Fischerdorfes beigetragen hat.
1992, als der Ex-Swissair-Direktor René Schärer nach Prainha do Canto Verde kam, waren die Verhältnisse im Fischerdorf schwierig: Die Kindersterblichkeit war hoch, die Fischer verdienten zu wenig am Fang, wegen Überfischung war der Fischbestand geschrumpft und Immobilienspekulanten versuchten die Dorfbewohner zu vertreiben, um Tourismusprojekte im großen Stil zu realisieren. „Wir mussten erst mal das Problem mit den Preisen für den Fisch lösen, um auf einen grünen Zweig zu kommen“, erinnert sich René über die erste Zeit in Prainha. Über seine Freunde in der Schweiz, die sich als „Amigos da Prainha do Canto Verde“ zu einem Verein konstituiert hatten, sammelte er Geld für einen Kühlwagen. So konnten die Fischer den Zwischenhandel ausschalten und ihren Fang selber in die Stadt fahren. Ein weiterer Toyota diente dazu, die Kinder der fünften bis achten Schulklassen in den Bezirkshauptort Beberibe zu bringen, denn in der Dorfschule von Prainha wurden die Kinder nur bis in die vierte Klasse unterrichtet.

Politisches Erwachen

Protestfahrt SOS Sobrevivencia_Unterwegs nach Rio de Janeiro_Bild prainhadocantoverde.org
Protestfahrt SOS Sobrevivencia_Unterwegs nach Rio de Janeiro; Bild: prainhadocantoverde.org

Um ihre Probleme zu lösen, mussten die Küstendörfer politisch aktiv werden. 1993 unternahmen die Fischer von Prainha zusammen mit René eine spektakuläre Protestfahrt bis nach Rio de Janeiro auf der Jangada – dem traditionellen hochseetüchtigen Segelboot der Fischer – namens SOS Sobrevivência. „Wir wollten rund 100 Dörfer an der Küste erreichen“, erzählt René. „Über die 10 oder 12, die wir anliefen, konnten wir viele weitere einbeziehen.“ Bei jedem Dorf, bei dem die SOS Sobrevivência anlegte, tauschten sie sich mit den BewohnerInnen über Probleme und Lösungsansätze aus. Mit der Aktion erreichten sie, dass erstmals im ganzen Land über die Probleme der Küstenbevölkerung berichtet wurde.
Die vielen Erfolge und Rückschläge, die danach folgten, begleitete die Schweizer Filmemacherin Charlotte Eichhorn über 15 Jahre lang und dokumentierte sie in zwei Filmen*. Für den Einstieg in die Gesprächsrunde hatte sie unter dem Titel „Jetzt haben wir eine Chance“ einen Kurzfilm mit Stimmen aus Prainha zusammengestellt. Darin erzählt der Fischer Tobias aus Redonda, einem Nachbardorf Prainhas, wie er durch die Protestaktion von 1993 aufgerüttelt wurde. Er absolvierte einen der mit Unterstützung der Schweizer Amigos angebotenen Kurse für lokale Führungspersonen, den eine Gruppe von Lehrerkräften und Fachleuten von NGOs, der Universität und der Regierung durchführte. So lernte er das Führen von Gruppen und Organisationen, Planung und Projektausführung, Organisation von Kampagnen und Beteiligung in der lokalen Politik. Heute ist Tobias Präsident des Fischereiverbands und führt den Kampf gegen die Langustenpiraterie an.

 

Rechte einfordern

Noch heute sind die Piraten ein Problem. Sie versenken alte, mit Ortungsgeräten bestückte Fässer, in denen Langusten besonders gerne hausen. So fangen sie das Hundertfache eines normalen Reusenfischers. Ihr Fang enthält auch sehr junge Langusten, was den Bestand gefährdet. Einige Fischer helfen sich mit Selbstjustiz: Sie kapern die Boote der Piraten und stellen sie zur Abschreckung am Strand aus. Im Oktober letzten Jahres reichten sie eine Petition ein, die von der Regierung verlangt, einen Fangstopp für 18 Monate zu verhängen. Die Regierung ist auf diese Petition nicht eingegangen. Dafür hat sie letzte Woche in einer koordinierten Aktion mit Polizei, Marine und Umweltbeamten mehrere Piraten verhaftet und 250 Kilogramm Langusten beschlagnahmt. Die Zertifizierung der Langusten ist die nächste Forderung, mit der sich die Regierung auseinandersetzen muss. „Dafür muss sie aber erst einmal Geld für eine Studie zum Langustenbestand locker machen“, sagt René.

Ein weiteres Problem sind die Immobilienspekulanten und der Schutz der Küste. „Der Druck auf das Land ist groß“, so Tobias, „und die Regierung hält Korruptionsangeboten schlecht stand, obwohl sie weiß, dass die Küste den Bewohnern gehört. Der Verkauf des Landes und damit das schnelle Geld sind verführerisch für arme Fischer. Deshalb sind die Kurse für Führungspersonen so wichtig.“ Nach langen Jahren des Kampfes unterschrieb Präsident Lula 2009 ein Dekret zur Schaffung einer so genannten „Reserva extrativista“ (Resex), einer geschützten Zone, in der nur nachhaltige ökonomische Aktivitäten erlaubt sind. Das war ein Höhepunkt im dreißigjährigen Kampf der Einwohner gegen Bodenspekulation und für Nutzungsrechte der Meeresressourcen.

In die Menschen investieren

Die politischen Aktionen machten den Menschen Mut, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Dafür wurde in die Bildung investiert: Marlene, Leiterin der ersten Schule, war bei der Protestfahrt der SOS Sobravivência dabei. „Seit damals hat sich das Leben verbessert“, erzählt sie. In der 1970 gegründeten Dorfschule wurden früher nur die ersten vier Klassen unterrichtet, denn die Lehrkräfte hatten selbst nicht mehr besucht. Mit Hilfe der Amigos wurde die Schule ausgebaut, 15 Sekundarschüler erhielten ein Stipendium für die Lehrerausbildung in Fortaleza, darunter auch Marlene. Sie wurde nach der Ausbildung mit 33 Jahren Lehrerin: „Wir haben gelernt, bei der Regierung unser Recht auf Ausbildung einzufordern. Heute besuchen mehrere junge Leute aus Prainha die Uni.“

Das Kurswesen und der Bildungshunger erfassten allmählich das ganze Dorf: Mit einer Aufklärungskampagne für Mütter zum Stillen und zu einer ausgewogenen Ernährung für die Kinder konnte die Kindersterblichkeit drastisch gesenkt werden, eine vernünftige Familienplanung wurde zum Normalfall. Kurse in Kunsthandwerk, Qualitätstrainings und Marketinghilfe schufen die Grundlage für neue Einkommen. Zusammen mit technischer Unterstützung für die Fabrikation eigener Reusen und ab 1999 sogar für eigene Katamarane vereinfachten und erleichterten sie den Beruf des Fischers. Junge Leute lernen heute in verschiedenen kleinen Projekten Engagement und Organisation. So gibt es etwa eines zur Prävention des Denguefiebers, bei dem es auch um Abfallbeseitigung geht. In der Schule wird die Geschichte von Prainha weitergegeben, vom Kampf gegen die Bodenspekulanten, für den Erhalt der Gemeinde bis zur Erkämpfung der Resex.

 

Tourismus à mesure

1992 bis 1994 bestand für die Bevölkerung von Prainha die Gefahr, von einer Tourismusentwicklung im Rahmen eines Regierungsprojekts überrollt zu werden, das von der Weltbank unterstützt wurde. „Wir protestierten bei der interamerikanischen Entwicklungsbank und beschlossen, einen alternativen Weg aufzeichnen“, erklärt René. Mit Hilfe seiner Erfahrung und seines internationalen Netzwerkes entwickelte das Fischerdorf einen selbstbestimmten „Turismo Comunitario“, eine überzeugende Form von Community Based Tourism (CBT). Von den 984 Einwohnern sind zwar nur 35 im Tourismus-Rat der Gemeinde. Aber es profitieren auch die Fischer durch faire Marktpreise, die kleinen Ladenbesitzerinnen durch ihre Verkäufe ans Gastgewerbe und die Gäste, die Kunsthandwerkerinnen, die Gemüse- und Früchtebauern und überhaupt alle dank ihrem Recht auf Landbesitz, solange sie von Resort-Tourismus und Spekulation verschont bleiben. „Niemand hier kann nur vom Tourismus leben“, so René, „aber im Bezirk Paripueira der Gemeinde Beberibe ist Prainha das einzige Dorf, in dem Achtzehnjährige ein Stück Land für sich wählen können. Überall sonst gibt es zu wenig Land, weil die Tourismusunternehmen alles aufgekauft haben.“

Der Besuch in Prainha do Canto Verde ist ein einzigartiges Erlebnis: „Man fühlt sich willkommen, wenn man sich integriert“, sagt eine Besucherin, die sich dort mit Italienisch durchschlug. „Ich erhielt Rezepte, die Leute wollten mir alles zeigen.“ Und eine andere: „Man fühlt sich nie als Touristin, es ist ein großer Unterschied. Es gibt andernorts genug umzäunte Strände, ohne Kontaktmöglichkeiten zur Lokalbevölkerung. Dort fühle ich mich unbehaglich, reich, ohne etwas geben zu können. In Prainha hingegen kann ich die Menschen direkt unterstützen und erhalte viel zurück.“ Das bestätigt ein Paar, das jährlich nach Prainha reist: „Wir kommen nicht als Touristen; die Fischer, Ladenbesitzer, Aila und João von der Posada – dem Gasthaus – sind unsere Freunde. Wenn wir nach Prainha reisen, ist es, wie zu Hause anzukommen.“

Heute besteht eine Infrastruktur für rund 50 Gäste, die als Standard den Lebensgewohnheiten der Einheimischen entspricht. Während des Karnevals kommen etwas mehr Gäste. 85 Prozent der Gäste sind BrasilianerInnen, nur 15 Prozent kommen aus Europa. Etwas Portugiesisch müssten die weither gereisten Gäste allerdings können, um sich mit den DorfbewohnerInnen austauschen zu können. Der Tourismus soll in dieser Größenordnung bleiben. „Wir wollen qualitatives, nicht quantitatives Wachstum“, sagt René. In Prainha erwägt man, sich mit der Fairtrade- und der Slow-Food-Bewegung zusammenzuschliessen, um an dieses interessierte Zielpublikum zu gelangen. „Außerdem“, so René, „wäre es gut, wenn ein paar Dorfbewohner Englisch sprechen könnten.“

Aila in ihrem Guesthouse in Prainha do Canto Verde kümmert sich um die Wäsche ihrer Gäste Bild Christine Plüss
Aila in ihrem Guesthouse in Prainha do Canto Verde kümmert sich um die Wäsche ihrer Gäste; Bild: Christine Plüss

Weiter kämpfen – gut vernetzt

Von Anfang an arbeiteten René und die BewohnerInnen Prainhas an der Vernetzung und schmiedeten Allianzen, wo immer es ging. Bei Aktionen in Prainha wurden auch Junge aus anderen Dörfern beigezogen. AbsolventInnen der Kurse für lokale Führungskräfte sind heute mit lokalen und nationalen politischen Gremien vernetzt oder darin vertreten. Das Dorf pflegt den Austausch mit Bildungs- und Regierungsstellen, internationalen Organisationen, Fischereiverbänden, tourismuskritischen NGOs und Basisbewegungen. „Wir sind auch auf der Seite der DemonstrantInnen auf den Straßen Brasiliens“, sagt René. Denn die Politik, gegen die Prainha seit vielen Jahren kämpft, wird auf nationaler Ebene weitergeführt. Steuergelder werden statt für öffentliche Dienstleistungen, welche die Bevölkerung braucht, für die Förderung von Prestigeprojekten wie Weltcup 2014 und Olympiade 2016 verschwendet. Dabei ist die Korruption in der Regierung allgegenwärtig. Aber auch in Prainha do Canto Verde ist der Kampf um die Ressourcen nicht endgültig gewonnen: Angestachelt von außenstehenden Spekulanten torperdiert eine Gruppe von Einwohnern Prainhas die Vorschläge zur Bewirtschaftung der Resex und verzögert damit die Entwicklung der Schutzzone. „Zwar haben wir jetzt die Resex in Prainha, aber um sie zur erhalten, müssen wir weiterkämpfen“, kommentiert Tobias aus Redonda.


AutorIn: Nina Sahdeva, arbeitskreis tourismus & entwicklung, Basel
Der Text wurde erstmals am 2.Juli 2013 auf der website http://www.fairunterwegs.org veröffentlicht (link zum Originalartikel). Er beschreibt die Situation zum Zeitpunkt des eingangs beschriebenen Treffens in Basel am 02.07.2013.
Aktuelle Entwicklungen und Informationen sind auf http://prainhadocantoverde.org/ zu finden.

 

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