Calgary – San Diego: 5.200 Kilometer am Tandem-Bike durch die USA

Kaktus im Wasser – 50 Grad Celsius

Unsere Tandem-Fahrt durch die Steppe und Wüste um Glamis in Kalifornien. Entlang der „Great Divide“ zu radeln bedeutet ja, immer auf einer Höhe von 2.000 bis 3.600 Metern zu sein, dadurch sind die Temperaturen auch im Sommer „nur“ um die maximal 35 Grad Celsius. Mit Verlassen der Great Divide, in Grants/New Mexico, haben wir ständig an Höhe verloren. Das ist angenehm, weil wir dadurch ein hohes Tempo fahren konnten. Günstig für unser „Klima“ war auch der Umstand, dass es in Arizona einige Monsun-Regen gegeben hat, die wir als äußerst erfrischend empfunden haben. Und: Kakteen im Wasser – das hatten wir gar nicht erwartet :-))

© Elisabeth Mattes

© Elisabeth Mattes

Als wir dann die Grenze von Arizona nach Kalifornien überquerten, ging es nochmals einige hundert Höhenmeter durch eine hügelige Steppen- und Wüstenlandschaft nach Glamis, einem kleinen Ort inmitten von Sand-Dünen – einige Meter unterhalb des Meeresspiegels. Bereits die Abfahrt durch die Steppe hat meine furchtbarsten Erwartungen von Hitze übertroffen. Es war, wie uns ein texanischer Biker am Warm River in Colorado erzählt hat, als würde einem mit einem Haarfön heiße Luft ins Gesicht geblasen: 45 Grad Celsius+ im Schatten und in der Sonne gefühlte 50 Grad Celsius Plus. Unerträglich! Unten in Glamis war an eine Weiterfahrt nach El Centro vorerst nicht zu denken. Wir sind in das einzige Gebäude des „Ortes“, ein Warenhaus, buchstäblich hineingefallen. Die Besitzerin und ihr Assistent haben mich dann in den Kühlraum transportiert: „Das haben wir schon öfter mit Bikern erlebt – Überhitzung! – Das wird gleich wieder.“ Im Kühlraum sowie im klimatisierten Verkaufsraum, liegend vor dem Verkaufspult, versorgt mit kalten Getränken, habe ich meine Körpertemperatur wieder auf ein normales Maß senken können. An eine Weiterfahrt war vor allem am Nachmittag – um 15 Uhr ist es am heißesten in dieser Gegend – nicht zu denken. Und dann ist noch ein technisches Gebrechen dazu gekommen: Unsere Fahrrad-Schläuche, taiwanesische Produkte, die wir in Flaggstaff gekauft hatten, platzten der Reihe nach. Walter hat es mehrmals probiert mit neuen Schläuchen bzw. mit neuerlichen Reparaturen, aber: no way …. Wir haben dann im Warenhaus um Hilfe für einen Weitertransport nach El Centro gebeten und die sehr freundlichen Warenhaus-Inhaber haben prompt einen Pickup-Transport für uns nach El Centro organisiert. „Thanks a lot!“

© Elisabeth Mattes

© Elisabeth Mattes

Nach Salida – unsere schönste Tour
Das Schöne und unserer Tour durch die Rockies war die ungewöhnliche Vielfalt der Landschaft: Als wir in Hartsel/ Colorado am Morgen losgeradelt sind, war es ein Ritt über Schotterstraßen durch eine Steppen-Landschaft: hügelauf und hügelab. Aber mit zunehmender Fahrt wurde die Landschaft grüner, bis wir oben auf dem 3.000 Meter hohen Pass angekommen durch einen Aspenwald radelten mit Blick auf ein wunderschönes Fels- und Waldpanorama geblickt! In einem wilden Downhill-Ride ging es dann über die Schotterstraße 800 (!) Höhenmeter hinunter und – wir trauten unseren Augen nicht – durch einen Canyon aus rotem Stein! An dessen Ende Passierten wir die Stadt Salida, im südlichsten Colorado, und fühlten uns erstmals wie in New Mexico.

© Elisabeth Mattes

© Elisabeth Mattes

Die Stadt ist von einem südlichen Flair durchzogen und zeichnet sich, ebenso wie die Landschaft, durch ihre Vielfalt aus: Viele Kunstläden, gutes Essen aller Geschmacksrichtungen – und ein umfangreiches Sport- und Freizeitangebot. „Hinter“ der Stadt fließt der Arkansas-River und die Badenden staunten nicht schlecht, als Walter und ich mit unserem „Long Vehicle“, also Tandem und Anhänger vorfuhren, die Badeanzüge anlegten und in den Fluss sprangen. Mike, ein Wildwasser-Kanu-Fahrer aus NYC war so begeistert, dass er mir gleich sein kleines Rodeo-Kanu für eine Fahrt auf dem Arkansas und durch die Wellen und Walzen geliehen hat. Ich bin ihm ewig dankbar …. Als wir dann auch noch im Salida-Hostel, das aus einer bunten Community lebenslustiger Abenteurer bestanden hat, ein Stockbett gefunden haben, waren wir überglücklich!

Wir – nach fast 4.000 km Tandem-Radeln …
Walter und ich, strampeln jetzt die 7. Woche und haben fast 4.000 km auf Asphalt, Schotter-, Sand- und Felswegen hinter uns gebracht – und 40.000 Höhenmeter (das sind die mühsameren). Wir schleppen ein Gesamtgewicht von gut 200 kg mit uns (Eigengewicht samt Bike-Gewicht, Gepäck am Trailer und am Rücken). In den vergangenen Wochen haben wir insgesamt fast 8 kg an Körpergewicht verloren, vermuten wir … Walter mehr, bis zum Southpass hat er mich auch einigermaßen „mitgeschleppt“ – dann bin ich allerdings so richtig in Schwung gekommen – meint er. Zum Streiten sind wir nur ein paar Mal kurz gekommen, der Grund ist fast immer derselbe: Täglich kurz nach 6am von der Matte und um 8 auf dem Tandem macht mich wahnsinnig – findet er aber sinnvoll wegen Tagessonne und Hitze. In Woche 6, also der vergangenen, hatten wir alle – unsere Mitradler und wir – einen „Durchhänger“, einige sind krank geworden, andere einfach müde und „homesick“. Als wir die Freunde vor kurzem verlassen haben, hatten wir allerdings das Gefühl, dass alle schon wieder hoffnungsfroher, gesunder und mit der Zielflagge vor Augen unterwegs waren. Fazit: „Durchhänger“ einkalkulieren.

(Der Beitrag wurde beim NFI – respect Blogwettbewerb 2016 eingereicht.)

Autorin: Elisabeth Mattes – http://tandem-fiction.com
Elisabeth Mattes und Walter Hauer machten sich per MTB-Tandem auf den Weg durch Kanada und die USA: von Calgary bis San Diego (Kalifornien), großteils entlang der so genannten „Great Divide“, der US-Wasserscheide zwischen Atlantik und Pazifik. Sie legten dabei in neun Wochen ca. 5.200 Kilometer auf dem Tandem-Bike zurück. In ihrem Blog berichteten sie regelmäßig von ihrer Reise.

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