„Sie erschrecken die Tiere!“

Herr Madesh ist wohl das, was man eine kritische Stimme im Tourismus nennen würde. „Es ist nicht gut, dass Touristen kommen”, sagt er. „Sie verursachen Probleme. Sie erschrecken die Tiere und indigenen Menschen. Stadtleute bringen schlechte Angewohnheiten – trinken, rauchen, Autos und Müll.“ Aber Herr Madeshs Stimme wird kaum gehört. Denn die Ansichten, die am Ende zählen, sind selten die von Menschen wie ihm.

Herr Madesh ist Angehöriger eines indigenen Volkes in Indien und sein angestammtes Land wurde zu einem Schutzgebiet für Flora und Fauna erklärt. Ihm und seinem Volk drohte lange Jahre die illegale Vertreibung von ihrem Land im Namen des Naturschutzes. Wie unzählige andere Indigene noch heute, zitterte er jahrelang um sein Zukunft und die seines Volkes.

Baiga-Frau im Kanha-Tigerreservat. Angehörige der Baiga wurden 2014 aus dem Reservat vertrieben. (Foto: Survival International, 2013)
Baiga-Frau im Kanha-Tigerreservat. Angehörige der Baiga wurden 2014 aus dem Reservat vertrieben. (Foto: Survival International, 2013)

Obwohl sie Jahrhunderte mit Tigern und anderen Tieren koexistiert haben, werden Indiens indigene Völker im Namen des Naturschutzes verfolgt, vertrieben und teilweise sogar getötet. Denn die Annahme vieler PolitikerInnen und NaturschützerInnen ist, dass der Tiger nur in Schutzgebieten überleben kann, die einer unbewohnten Wildnis gleichen und – mit einer Ausnahme – frei von menschlicher Aktivität sind.

Um diese künstliche „unberührte Wildnis“ zu schaffen, werden Angehörige indigener Völker vertrieben und so dazu gezwungen, ihr angestammtes Land zu verlassen, auf dem sie seit Menschengedenken nachhaltig gelebt haben. Stattdessen enden sie in Armut und ausgegrenzt an den Rändern der indischen Gesellschaft. „Wir waren Könige des Dschungels, aber hier behandeln sie uns wie Hunde“, bringt es ein Baiga-Mann nach seiner Vertreibung aus dem Kanha-Schutzgebiet auf den Punkt.

Nur TouristInnen geduldet
Die eine Ausnahme des menschlichen Kontakts, die die Behörden in der neuen „Wildnis“ dulden oder sogar aktiv fördern, ist Tourismus. Er wird weit weniger kritisch gesehen. Während die indigenen BewohnerInnen nicht geduldet werden, können wohlhabende TouristInnen aus den Städten Indiens und der ganzen Welt in Busladungen in die Regionen kommen und auf Foto-Safari in den Schutzgebieten gehen. Sie bringen Lärm an die Orte, die eigentlich geschützt werden sollen; gewöhnen die Tiger an Menschen (und machen sie damit angreifbarer für Wilderer); und wenn sie gehen, bleiben Unterkünfte, Straßen und Müll zurück, mit all ihren Auswirkungen auf die lokale Umwelt.
Aus Sicht der Behörden scheint der Fall jedoch klar zu sein: Die BesucherInnen zahlen Unsummen, um einen Blick auf die Tiger in einer vermeintlich authentischen, menschenleeren Wildnis zu erhaschen, sodass die Rechte der indigenen Gemeinden wie der von Herrn Madesh immer den Kürzeren ziehen.

Soliga-Jungen spielen auf einer Lichtung im Rangaswamy-Temple-Schutzgebiet. Die Soliga beten die Tiger als Götter an. (Foto: Shrenk Sadalgi/Survival)
Soliga-Jungen spielen auf einer Lichtung im Rangaswamy-Temple-Schutzgebiet. Die Soliga beten die Tiger als Götter an. (Foto: Shrenik Sadalgi/Survival)

Ähnlich wie in Indien sieht es auch in vielen anderen Teilen der Welt aus. In Botswana sind die letzten jagenden Buschleute ins Visier der Regierung geraten, weil sie angeblich den Wildtierbestand gefährden – eine Behauptung, die bereits vor dem Obersten Gerichtshof widerlegt wurde. Der atemberaubende Landstrich Ngorongoro in Tansania ist eines der bekanntesten Naturschutzgebiete der Welt und auch hier wissen nur wenige der jährlich Hundertausenden BesucherInnen, dass in den 1970er-Jahren die indigenen Massai und ihre Tiere aus dem Serengeti-Nationalpark, Teil des Ngorongoro, vertrieben wurden.

Naturschutz auf Kosten der indigenen Bevölkerung
Ohne Frage haben Länder wie Indien das Recht, bedrohte Arten und biologisch wichtige Orte zu schützen. Aber warum auf Kosten der indigenen Bevölkerung, die nicht für die gnadenlosen Trophäenjagden der Vergangenheit verantwortlich ist, die Tiere wie den Tiger fast bis in die Ausrottung getrieben haben? Es ist fahrlässig gegenüber der Natur und eine Verletzung internationaler Menschenrechte, die indigenen Gemeinden zu vertreiben, die ihre Gebiete seit Jahrtausenden geschützt haben.

Der Tiger ist der „kleine Bruder“
In Indien betrachten viele Indigene den Tiger als heilig, manche nennen ihn sogar ihren „kleinen Bruder“. Ihre Beziehung zu ihrem Land ist innig und indigene Völker weltweit sind die besten Naturschützer. Und obwohl auch wissenschaftliche Studien dies zunehmend belegen, werden sie weiter behandelt wie kriminelle „Wilderer“ die das Land verlassen müssen. TouristInnen, die wirklich etwas für die Natur tun wollen, die sie auf ihren Reisen bewundern, sollten sich von dem Bild einer unberührten „Wildnis“ verabschieden. Sie sollten stutzig werden, wenn sie in Reiseprospekten darauf stoßen. Wer die Natur liebt und wer reist um sie zu genießen, sollte an der Seite jener stehen, für die sie alles bedeutet und die alles tun würden, um ihr angestammtes Land zu schützen. Menschen wie Herr Madesh.

Autorin: Linda Poppe, Survival International
Survival International ist die globale Bewegung für die Rechte indigener Völker. Survival hilft indigenen Völkern weltweit ihr Leben zu verteidigen, ihr Land zu schützen und ihre Zukunft selbst zu bestimmen. Survival wendet sich auch gegen die Verletzung der Rechte indigener Völker im Namen des Naturschutzes – für indigene Völker, für die Natur, für unsere gesamte Menschheit. Mehr: http://www.survivalinternational.de/indigener-naturschutz

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