Palästina und Israel – Eine Reise voller Gegensätze

Mai 2015: Nach Monaten der Vorfreude, Planung und Besprechungen ist es endlich soweit: Treffpunkt am Flughafen Berlin-Tegel für unseren Flug nach Tel Aviv. Von Tel Aviv soll es über Jerusalem nach Bethlehem gehen, wo wir unsere Partneruniversität Dar al-Kalima University College of Arts and Culture besuchen werden. Wir, das sind Studierende und Frau Prof. Dr. Claudia Brözel von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde. Im Rahmen eines Kooperationsprojekts soll in Bethlehem ein Bachelorstudiengang für Tourismus aufgebaut werden; nun steht eine erste Begegnung zwischen Studierenden aus Deutschland und Palästina an. Genauso spannend wie das Treffen mit den Studierenden war für uns ein erster Besuch dieser Region.*

Israel & Palästina – ein Reiseziel, bei dem schon die Antwort auf „Na, wohin fliegst du denn eigentlich?“ schwierig ist. Wer einigermaßen die Nachrichten verfolgt und sich ein wenig mit der Geschichte der Region beschäftigt wird schnell feststellen, dass es mehr Fragen als Antworten und mehr Vermutungen als Fakten gibt. Eine einfache Antwort auf die Frage wer wem Unrecht getan hat und tut und wer denn nun Recht hat, gibt es für mich nach dieser Reise nicht – auch wenn ich das anfangs naiverweise gehofft hatte. Schließlich ist die Welt in schwarz-weiß viel einfacher!

Tel Aviv
Am Beginn der Reise stand ein Tag in Tel Aviv an, das ein wenig an Berlin erinnert: Die Küstenstadt war die wohl am westlichsten geprägte Stadt, die wir auf unserer Reise gesehen haben. Nach einem Nachtflug kamen wir frühmorgens in Tel Aviv an. Da Flughäfen wohl überall gleich aussehen, waren es die hebräischen Schriftzeichen, die verraten haben, wo wir sind. Draußen die ersten Palmen und Vogelgezwitscher – so kann es losgehen.

Tel Aviv (Foto: Katrin Karschat)
Tel Aviv (Foto: Katrin Karschat)

Nachdem wir am Vormittag den Strand genießen konnten, stand dann später eine sehr spannende, geführte Tour durch Tel Aviv-Jaffa an. Die Stadt hat eine lange Geschichte, war lange Zeit ein wichtiger Handelsposten und auf Grund ihrer Lage auch militärisch interessant. Während das ehemalige Jaffa noch traditionell wirkt, so ist Tel Aviv das moderne Gegenstück dazu. Schon hier zeigten sich die Gegensätze zwischen Tradition und Moderne, Alltag und Konflikt, die uns immer wieder begegnen sollten.

Unser Aufenthalt in Tel Aviv bot eine erste Gelegenheit, die lokale Küche auszuprobieren, von der ich auf jeden Fall ein Fan geworden bin. Neben Falafel, Fladenbrot und Humus waren vor allem Gerichte wie Tabouleh (Bulgur-Petersilie-Salat) und Tahina (Sesampaste/-dip) ein Erlebnis. Frisches Obst und Gemüse stehen immer auf dem Speisenplan und auch wenn man sich an Gurken, Tomaten und Oliven zum Frühstück erst gewöhnen muss, so ist das eine leckere Alternative!

Jerusalem
Am nächsten Tag ging es nach Jerusalem. Die Stadt hinterlässt bleibende Eindrücke, vor allem wegen ihrer Vielfalt: Orthodoxe Juden neben Muslimen und Christen; Touristengruppen; Militär und Sicherheitsleute. Es läuten Glocken und der Muezzin ruft. Von oben hat man einen atemberaubenden Blick über die Stadt mit ihren alten Häusern und engen Gassen. Menschen überall.
Unsicher gefühlt habe ich mich nicht, auch wenn man unbewusst nach Anzeichen des Konflikts sucht. Und die gibt es, das durften wir vor allem auf einer Tour durch Jerusalem feststellen: Auch in dieser Stadt gibt es besetzte Gebiete und die Mauer, ganze Stadtteile sind quasi abgeschnitten.
Ein Rundgang durch die Innenstadt gleicht aber auch einem Spaziergang durch die Zeit: vorbei an uralten Kirchen, durch den traditionellen Souk mit Gewürzen und Schmuck bis hin zur Klagemauer bei Nacht. Bis man diesen Schmelztiegel nicht selbst erlebt hat, kann man kaum glauben, wie hier so vieles nebeneinander funktioniert, während Alltag und Konflikt nahtlos ineinander übergehen.

Jerusalem (Foto: Katrin Karschat)
Jerusalem (Foto: Katrin Karschat)

Bethlehem
Am Tag darauf haben wir uns dann auf den Weg zu unserem eigentlichen Ziel Bethlehem gemacht. Während der Vorbereitung auf diese Reise wurde vor allem an dieser Stadt deutlich, wie verworren der Konflikt eigentlich ist und welche Fehlinformationen es gibt. Mir war ehrlich gesagt vor dem Beginn der Vorbereitungen nicht klar, dass Bethlehem zu den Palästinensischen Autonomiegebieten gehört und auch in vielen Reisebeschreibungen ist lediglich von Israel die Rede. Hier gibt es noch viel Nachholbedarf an Information!
Während der Busfahrt kam irgendwann Anspannung auf – schließlich mussten wir nun zum ersten Mal durch die bekannten Checkpoints, die jeder passieren muss, der das Westjordanland betreten möchte. Unserem Bus mit einer offensichtlich europäischen Reisegruppe hat man aber wenig Beachtung geschenkt. Beeindruckend war zu sehen, wie nah die beiden Welten Israel und Palästina aneinander liegen: Zwar sieht man auf der Karte, dass sich Jerusalem und Bethlehem direkt nebeneinander befinden; das nur wenige hundert Meter zwischen den Städten sind, begreift man erst vor Ort. Ein bedrückendes Gefühl, dass Jerusalem für die Menschen auf der palästinensischen Seite so nah und doch unerreichbar ist.

Bethlehem Stadt (Foto: Katrin Karschat)
Bethlehem  (Foto: Katrin Karschat)

Bethlehem ist im Vergleich zu Jerusalem viel offener gebaut, mit vielen hellen Häusern und es wirkt irgendwie gemütlich – trotz des lebhaften Markts und dem abenteuerlichen Straßenverkehr. Spannend war es, plötzlich an Orten zu stehen, die man sonst nur aus Geschichten kennt. Irgendwie verbindet man Bethlehem dann doch immer mit der Weihnachtsgeschichte – da sind Temperaturen von über 30 Grad und Trockenheit etwas befremdlich.

Mauer in Bethlehem (Foto: Katrin Karschat)
Mauer in Bethlehem (Foto: Katrin Karschat)

Während unserer Tour durch die Stadt kamen wir immer wieder an der Mauer vorbei, die Bethlehem von Israel trennt. Die Mauer ist von Graffitis bedeckt, die oft von bekannten Künstlern wie Banksy geschaffen wurden. Einen kurzen Moment hat man das Gefühl, in Berlin an der East Side Gallery zu stehen – allerdings ist die Mauer hier noch weit davon entfernt, ein Monument zu sein.

Übernachtung bei den Beduinen
Ein unvergessliches Erlebnis war die Übernachtung bei den Beduinen – eine von mehreren Bevölkerungsgruppen, die durch die schwierige Situation vor Ort massiv eingeschränkt wird. Waren sie einst Nomaden, so sind sie jetzt gezwungen an einem Ort zu bleiben – verlassen sie ihren Aufenthaltsort, können sie wahrscheinlich nie wieder dorthin zurückkehren. So lebt das ehemals wandernde Volk nun in einem mehr oder weniger befestigten Camp und versucht touristische Touren aufzubauen.

(Foto: Katrin Karschat)
(Foto: Katrin Karschat)

Wieder einmal durften wir die enorme Gastfreundschaft in diesem Land erleben – während der zwei Tage bei den Beduinen, sind unsere Guides nicht von unserer Seite gewichen und haben uns wirklich exzellent versorgt. Los ging es mit einer traditionellen Kaffeezeremonie, abends dann „Essen aus dem Boden“ – hierbei werden Fleisch und Gemüse traditionell in einem Erdofen gegart. Morgens gab es dann frisches, ganz dünnes Fladenbrot und Ziegenmilch. Aber nicht nur das Essen war eine Erfahrung, auch die Nachtwanderung und die Übernachtung im Zelt bzw. unter freiem Himmel waren ein Erlebnis. Allerdings ist auch hier der Konflikt spürbar, wenn Settler nachts mit lautem Getöse am Camp vorbeifahren.

Am nächsten Tag stand vor der Rückreise eine Wanderung auf dem Programm. Da unsere Guides wohl sehr von unserem Fitnesslevel überzeugt waren, durften wir uns für „eine bisschen längere und schwierigere Wanderung durch das Wadi“ entscheiden. „Ein bisschen schwieriger“ hat sich dann allerdings als ungesicherter Wanderweg entlang von Abgründen und mehreren Klettersteigen herausgestellt – bei über 30 Grad Hitze. Stolz können wir berichten, dass wir es tatsächlich alle unversehrt geschafft haben – und so bleibt diese Wanderung als großes Abenteuer im Gedächtnis.

(Foto: Katrin Karschat)
Wanderung durch ein Wadi (Foto: Katrin Karschat)

Austausch mit Studierenden
Im Rahmen unseres Austauschprogrammes  trafen wir auch palästinensische Studierende in ihrer Universität. Gemeinsame Workshops und ein Rundgang durch die moderne und schön gestaltete Universität standen auf dem Programm. Wir durften auch einige Familien der Studierenden persönlich kennen lernen und deren Gastfreundschaft und Herzlichkeit genießen. Bei allen Unterschieden ist es immer wieder beeindruckend und schön zu erleben, dass man sich doch so ähnlich ist und wir haben die Zeit miteinander sehr genossen.

Außerdem war diese Reise eine einmalige Gelegenheit, mit Gleichaltrigen über kulturelle Unterschiede und die Situation in Israel und Palästina zu sprechen. Spannende Geschichten; auch wenn ich doch das eine oder andere Mal schlucken musste. Auch wenn in dieser Region auch Alltag herrscht und wir zum Glück in einer friedlichen Zeit da waren – an niemandem ziehen die Konsequenzen der Ereignisse der letzten Jahrzehnte spurlos vorbei. Als behütete Europäerin kann ich mir nur schwer vorstellen, wie das Leben dort aussieht und welche teils grausame Geschehnisse dort Teil der Lebensgeschichten sind: Tragödien in der Familie, Verwandte, die man seit Jahren nicht gesehen hat und wirtschaftliche Einschränkungen, um nur ein paar zu nennen.

Alles in allem wird mir diese Reise durch eine Region mit einer interessanten Landschaft, tollen lokalen Küche und spannenden Geschichte noch lange in Erinnerung bleiben und auch mit Sicherheit nicht die letzte dorthin sein. Was ich neben tollen Eindrücken vor allem gelernt habe, ist meine eigenen Überzeugungen immer wieder zu hinterfragen. Es ist fast unmöglich, vor allem als Außenstehende, den Konflikt in dieser Region zu verstehen oder gar abschließend zu bewerten. Fest steht nur, dass es nach dieser Reise nicht mehr DIE Israelis oder DIE Palästinenser für mich gibt.

*Die Ansichten in diesem Artikel spiegeln die Meinung der Autorin und nicht zwingend die Meinung der Reisegruppe wider.

Autorin: Katrin Karschat.
Katrin Karschat ist zurzeit damit beschäftigt, letzte Hand an ihren Masterabschluss für „Nachhaltiges Tourismusmanagement“ an der HNE Eberswalde anzulegen. Neben einem ersten Einblick in die Themen Tourismus und Nachhaltigkeit waren vor allem Exkursionen wie die nach Palästina Höhepunkte des Studiums. Wenn sie nicht gerade an der Hochschule oder auf Exkursion ist, dann trifft man sie auch privat auf Reisen – schließlich muss die gelernte Theorie in die Praxis umgesetzt werden.

 

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