Wanderschuhe oder Barfußschuhe – ein Wanderschuhtest am Zöllnerweg in der Bretagne

Sind Barfußschuhe die richtigen Begleiter für Weitwanderungen und auf welchem Weitwanderweg ist die Gefahr des sich auf die Zehen steigens nicht groß? Außerdem: Wie kann ein Weitwanderer seinen ökologischen Fußabdruck klein halten und dennoch Neues und Unbekanntes entdecken?
Die Frage des Schuhwerks habe ich so gelöst, dass ich beide einpackte: einen einen Wanderschuh mit höchst nachhaltigen Materialien und einen Barfußschuh. So sollte sich die Antwort am Weg ergeben.

Foto: Erich Schlagitweit
Foto: Erich Schlagitweit

Schwieriger war schon die Wegsuche. Das mystische der Finistiere, die zu erwartenden kulinarischen Belohnungen und letztendlich auch die spärlichen Informationen, die wenig Frequenz versprachen, waren dann ausschlaggebend für den von Ludwig XIV angelegten Zöllnerweg in der Bretagne. Anders als heutige Machthaber investierte dieser Mann ja bekanntlich in Schlösser und nicht in Banken und somit hatte seine Geldeintreiberei im Kampf gegen den Schmuggel ja deutlich mehr Nachhaltigkeit. Seine Investitionen belasten wirtschaftlich zwar auch die nachfolgenden Generationen, haben aber doch Kunstwerke von unschätzbarem Wert hinterlassen.
„Le sentier des douaniers“ wird mit 52 Tagesetappen begehbar beschrieben und sollte 1330 Kilometer lang sein, ist also nur für Ruheständler in einer Reise bewältigbar. Die mir zur Verfügung stehenden 14 Tage teile ich daher in 6 Etappen im Süden der Bretagne und 7 Tage im Norden ein, ein Reisetag sollte dazwischen benötigt werden. Meine Recherche verspricht mir genügend „gites d’etapes“ am Weg, daher spare ich mir die Zimmerreserviererei. Die Freiheit zu gehen und zu bleiben wo man will, erscheint mir wichtiger.
Die Anreise sollte aus oben erwähnten Grund natürlich mit der Bahn erfolgen, aber nachdem mir die ÖBB einfach nicht garantieren will, dass der TGV in Zürich wirklich mit dem Nachtzug aus Graz zusammenwartet, muss ich mich dann doch für den Flug nach Brest entscheiden, womit zumindest der ökologische Fußabdruck eine erste, schmerzvolle Wunde hinterlässt. Die Zweite folgt, als sich herausstellt, dass entgegen der Auskunft Sonntags keine Busverbindung von Quimper zum Ausgangspunkt, dem Pointe du Raz, existiert. Der öffentliche Busverkehr ist in der Bretagne stark auf Schülertransport und Ferien eingestellt und es empfiehlt sich daher gut auf Zeitraum und Tage zu achten, wenn man sich mit Busplänen beschäftigt. Eine Herangehensweise, die aber auch auskunftsgebenden Personen nicht immer vertraut ist.

Foto: Erich Schlagitweit
Foto: Erich Schlagitweit

Das Weltende am Pointe du Raz sollte bei windigem Schlechtwetter besucht werden, so der Reiseführer, weil nirgendwo der Atlantik in seiner Wildheit so an die Küste peitscht und die Besucherströme folglich auch geringer sind. An diesem Tag ist das Meer ruhig, die Sonne scheint und ich zähle in etwa gleich viele Möwen wie Besucher. Das beschriebene bretonische Wetter will sich in diesen letzten Junitagen auch später nie zeigen. Nur einmal zahlt es sich kurz aus den mitgeschleppten Regenschutz auszupacken und der Wind beschränkt sich immer auf angenehme Frischezufuhr. Spätabends – der Sonnenuntergang ist an diesen langen Tagen nach 22 Uhr – lässt sich erst erahnen, wie nasskalt sich hier Herbst- und Wintertage anfühlen können.
Der Weg südwärts könnte abwechslungsreicher und schöner kaum sein. Gespickt mit schönen Buchten und den erwarteten Küsten- und Gesteinsformationen geht es bis Audierne, wo dank Internet eine erste Unterkunft in einem Chateau ausfindig gemacht wird. Der Besitzer Olivier hat es in jahrelanger, mühevoller Kleinarbeit selber restauriert. Die Geschichte mit den Unterkünften am Weg bestätigt sich allerdings zumindest auf den gewählten Etappen nicht. Die Franzosen und Bretonen sind gewohnt zu reservieren und nur dank diverser Internetdienste gelingt es mir, wegnahe Unterkünfte ausfindig zu machen. So manche Quartiere sind selbst Ende Juni schon ausgebucht und in der Hauptsaison wird dann oft nur noch wochenweise vermietet. Doch am Tagesende findet sich immer wieder eine schöne Unterkunft mit teils interessanten Quartiergebern, die – wenn im Ort kein Restaurant vorhanden – auch ein Abendmahl zubereiten. Am Weg trifft man keine Weitwanderer und so wundert es auch nicht, dass keine Infrastruktur besteht. Von freundlich grüßenden Tageswanderern bekommt ein Rucksackträger mit Zehenschuhen eher staunende Blicke und manchmal kommt das Gefühl auf, sich hier als Außerirdischer zu bewegen. Der immer gut markierte Weg ist im Gegensatz zum französischen Guide auch nie als Zöllnerpfad markiert sondern immer nur als Küstenweg. So mancher Wegabschnitt lässt erahnen, dass das Losschicken von Zöllnern ähnlich sinnhaft gewesen wäre, wie wenn die griechische Regierung ihre Finanzbeamten in die Schweiz schicken würde.
Im schönen Küstenstädtchen Benodet endet die gewählte Südetappe und ich kann es nicht unterlassen, die Glenan Inselgruppe zu besuchen. Sicher auch weil ein als Franzose getarnter Deutscher mit seinen Bretagne-Krimis, die Neugierde auf das vorgelagerte Archipel geweckt hat. Der notwendige Zwischenstopp in Quimper auf dem Weg zur Nordroute erweist sich als ausgesprochener Glücksfall. Keine Stadt wirkt bretonischer und die Hauptstadt der Finistere kann mit Repräsentationsarchitektur der Renaissance beeindrucken. Aber auch die Muscheln in Currysauce bleiben in Erinnerung und es wird bis Roscoff andauern, um kulinarisch noch einmal einen neuen Höhepunkt zu erreichen.
Die Erkundung des Nordens beginnt an der Cote de Granit Rose und wie der Name schon verrät, sind es die Gesteinsformationen, die hier die erste Tagesetappe wirklich zu einem Gemeinschaftserlebnis machen. Hier ist der Küstenweg auch wirklich der historische Zöllnerpfad und auch als solcher ausgeschildert. Spätestens in der Gegend von St. Jean findet man sich jedoch wieder in der trauten Einsamkeit des GR34 mit seiner zerklüfteten Küste und erfreulich kühlen und einsamen Sandbuchten bei nunmehr 30 Grad Temperatur. Das stete Auf- und Ab sorgt auch manchmal für etliche Höhenmeter, Warnungen im französischen Führer von wegen Gefährlichkeit sind jedoch übertrieben und sicher nicht für Menschen aus alpinen Ländern gedacht.

Foto: Erich Schlagitweit
Foto: Erich Schlagitweit

Mein Weg endet in Roscoff und dort mit einer kleinen Abschlusswanderung rund um die Ile de Batz, eine vom Golfstrom klimatisch besonders begünstigte Insel und so wie überall in der Bretagne imponiert mir hier eine scheinbar intakte, kleinstrukturierte, landwirtschaftliche Kultur. Schon im 19. Jahrhundert fuhren von hier die „Johnnies“ nach Großbritannien und brachten dort die Zwiebel im Direktverkauf unters Volk, heute haben die Bauern die British Ferries in ihrer Hand und schicken vom Hafen ihre reiche Ernte ins Königreich. Und als Mühlviertler Erdäpfelbauer muss ich natürlich erwähnen, dass meine hohen Ansprüche an Speisekartoffel hier gänzlich erfüllt werden.
Eine Gegend Er-gehen, Er-riechen und Er-essen, das war das Motto der Wanderung und damit zurück zum Schuhwerk. Ja, ich hätte die 14 Tage ohne weiteres mit Barfußschuhen gehen können, getragen habe ich sie ungefähr ein Viertel der Tour. Das hatte 3 Gründe: die 1,5 Kilo der Wanderschuhe waren mir am Rucksack beschwerlicher als an den Füßen, in den Five Fingerschuhen musste ich mich immer wieder mit Sand und Steinen in den Schuhen herumplagen und zu guter Letzt war mir der Geruch meiner Füße am Abend mit den Meindl Idendity doch viel lieber. Missen wollte ich aber keines der beiden Schuhwerke.
Und nachdem schon feststeht, dass der nächste Urlaub auch wieder weitwandernd verbracht wird, werden wohl wieder zwei so unterschiedliche Fußbekleidungen im Gepäck sein.

Über den Blogger: Erich Schlagitweit / Geschäftsführer Veganova. Leben ist Bewegung, davon sind wir überzeugt. Doch nicht jede Bewegung ist gut für uns Menschen. Manches bewegt sich zu schnell und es fehlt an Ruhe. manches bewgt sich in die falsche Richtung, so mancher Fortschritt bewegt sich fort von den Menschen. Wir wollen uns zu ihm hin bewegen und den natürlichen Bedürfnissen des Menschen entgegenkommen.

DIESER ARTIKEL IST EINER DER BEIDEN SIEGER-BEITRÄGE UNSERES BLOGGER/INNEN-WETTBEWERBS 2015 “FAIReisen & die Welt entdecken”.
Die Jury-Wertung:
Obwohl hier ein Produkt beworben wird, hat die Jury diesen Artikel ausgewählt. Der Beitrag setzt sich mit vielen Aspekten einer Reise auseinander: Anreise, Fortbewegung vor Ort, Unterkunft, Essen, Kultur. Ein Artikel, der zur Wissenserweiterung beiträgt und den Aspekt der Nachhaltigkeit nie aus den Augen lässt; dazu sehr flüssig, lebendig, gut und professionell geschrieben sowie mit vielen Insiderinformationen angereichert.

Die Jury:
Annemarie Herzog / Chefredakteurin Magazin LEBENSART; Linda Nepicks/ Reiseleiterin & Reisefachfrau Odyssee Reisen; Katrin Karschat, Cornelia Kühhas, Andrea Lichtenecker / Naturfreunde Internationale – respect

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