Äthiopien abseits von Touristenwegen

Jeder der schon einmal in die so genannte dritte Welt gereist ist, hat sicherlich bereits einige auf den ersten Blick verwunderliche Reaktionen erlebt, die Reisende hier auslösen können. Oft erregt man allgemeines Aufsehen und steht plötzlich unfreiwillig im Mittelpunkt, auch wenn diese „Entwicklungsländer“ schon lange kein Neuland mehr für Touristen sind. Dennoch liegt hier oft etwas Besonderes in den Begegnungen, sei es, da sich nur wenige Fremde in Gegenden abseits ausgetretener Touristenpfade verirren, oder weil kulturelle Unterschiede ganz andere Ausmaße annehmen. Denn hier treffen oft nicht nur Einzelpersonen aufeinander, sondern manchmal auch ganze Welten, zumindest war das für mich in Äthiopien der Fall.

Im benachbarten Café mit den Angestellten © Werner Schlick
Im benachbarten Café mit den Angestellten © Werner Schlick

Ich habe ein gutes halbes Jahr im ehemaligen Kaiserreich Abessinien verbracht, in Äthiopien, hauptsächlich in der Hauptstadt Addis Abeba. Mein großes Glück war meine Arbeit: In einem Recyclingprojekt gehörte es zu meinen Aufgaben, möglichst unterschiedliche Stadtteile nach gewissen Kriterien zu kartieren. Also habe ich einen großen Teil meiner Arbeitszeit im Freien verbracht, bin mit einem Taschencomputer und ein paar Karten bewaffnet durch die Straßen gepirscht und habe dadurch viele verschiedene Facetten dieser Millionenstadt und ihrer Bewohner kennen gelernt. Ich möchte hier auf die unterschiedlichen Reaktionen eingehen, die mir während dieser Arbeit und auch in meiner restlichen Zeit widerfahren sind. Häufig habe ich mich in Situationen wieder gefunden, mit denen ich erst lernen musste umzugehen, oder denen ich gar nicht gewachsen war. Einiges an Amharisch (der Landessprache Nummer eins von etwa 80 Sprachen) habe ich mir zwar angeeignet, trotzdem war es nicht nur auf Grund sprachlicher Barrieren kaum verzichtbar, während meiner Arbeit auf der Straße mit einem äthiopischen Kollegen unterwegs zu sein.

Wohnhaft mitten in Addis Abeba fühlte ich mich anfangs wie ein Außerirdischer, die Leute auf der Straße waren auch teils recht angetan ob ihres neuen weißen Nachbarn. Einer manchmal sogar übertrieben wirkenden Höflichkeit folgte jedoch bald Neugier und bald kannte ich einige Leute meiner Nachbarschaft, vom Einkaufen oder auch vom gemeinsamen Fußballabend vor dem Fernseher im benachbarten Cafe. Häufig wird einem als Europäer auf der Straße von jungen Äthiopiern „Ferenji, Ferenji!“ (Fremder) zugerufen. Hoffnungsvoll spaßend blicken sie dabei von der anderen Straßenseite herüber, gespannt auf eine Reaktion. Besonders laut lachen sie dann, wenn man ihnen die Worte „Abescha, Abescha“ (Äthiopier) zurückwirft. In solchen Momenten fühlte ich mich in Addis zu Hause und Verständigung erschien mir kein Problem zu sein.

In vielen Situationen wurde jedoch auch das ökonomische Ungleichgewicht zwischen mir und meinen Gegenübern offensichtlich. Bekanntermaßen ist Äthiopien ein Land, in dem auch viel Armut herrscht. So müssen zum Beispiel rund 40 Prozent der Bevölkerung mit
weniger als 1,25 Dollar am Tag auskommen und der HDI liegt bei 0,396 (Human Development Report 2013; http://hdr.undp.org/en/2013-report). Manche Straßen Addis Abebas bieten tatsächlich ein erschreckendes Bild. Schmutz und Armut, sowie Krankheiten oder körperliche Deformationen gehen hier Hand in Hand. Selbstverständlich bin ich im Vergleich zu 99 Prozent der Äthiopier steinreich, da spielt es auch gar keine Rolle, ob man selbst seine Miete zu Hause mehr schlecht als recht bezahlen kann. Daher wurde ich natürlich vielerorts rasch um Geld gebeten, habe aber sicher verhältnismäßig wenig ausgeteilt und vor allem bettelnden Kindern eher die kalte Schulter gezeigt. Die vieldiskutierte Frage wie viel man wo und wem gibt, die muss wohl jeder für sich selbst beantworten, aber darauf möchte ich später noch zurückkommen.

Unterschied zwischen Arm und Reich © Werner Schlick
Unterschied zwischen Arm und Reich © Werner Schlick
Unterschied zwischen Arm und Reich 2 © Werner Schlick
Unterschied zwischen Arm und Reich © Werner Schlick

 Manchmal wurde ich auch mit Situationen konfrontiert, die mich sprachlos zurückließen. Nicht nur einmal bin ich im Zuge meiner Arbeit in den ärmeren Vierteln mit Familien ins Reden gekommen (wenn man meine hauptsächlich auf Handzeichen basierende Kommunikation so nennen kann), woraufhin mir die Familienmütter kurzerhand ihre noch im Kindesalter befindlichen Töchter anboten. Geschmeichelt lehnte ich beim ersten Mal noch lachend und dankend ab, immer verweisend auf meine (in Wahrheit gar nicht existente) Familie in der Heimat. Meine Erschütterung setzte erst ein, als mir der Ernst des Angebotes klar wurde und die Bitten der Mutter bald in ein verzweifeltes Flehen übergingen. Ihre Tochter habe so wunderschöne Haare, wäre bereits eine gute Köchin, und ich könne mir doch auch eine zweite Frau nehmen, und so weiter. Sie musste ihre eigene Lage wohl recht hoffnungslos einschätzen, um einem wildfremden dahergelaufenen Weißen ohne Weiteres die minderjährige Tochter anzubieten. Obwohl Kinderverheiratungen in Äthiopien keine Seltenheit sind, werde ich doch die verzweifelten Bitten dieser Frau bestimmt nicht mehr vergessen.

Nicht nur einmal wurde ich während meiner Arbeit auch von jungen Frauen direkt angesprochen. Wenngleich Englisch im Allgemeinen nur sehr dürftig beherrscht wird, die Worte „I love you“ wurden mir manchmal schon zugerufen, bevor ich die Sprecherin überhaupt erblickt hatte. Einmal hielt mich eine heiratswillige junge Dame so lange an der Hand fest, dass mir schon ein bisschen mulmig wurde, denn eine kleine Menschenmenge hatte sich um uns versammelt und ich war mir nicht ganz sicher, wie ich aus dieser Situation wieder hinausfinden sollte. Endlich kam dann mein äthiopischer Kollege zu Hilfe. Er erklärte der Dame die Grundzüge der (protestantischen) Kirche und erzählte von Glauben und Vertrauen in Jesus, woraufhin diese dann traurig und enttäuscht ihres Weges ging. Ich war baff.

Traditionelles äthiopisches Essen: Injera, ein Fladen aus einer Hirseart (Teff) © Werner Schlick
Traditionelles äthiopisches Essen: Injera, ein Fladen aus einer Hirseart (Teff) © Werner Schlick

In diesen Situationen spielten natürlich mein (heiratsfähiges) Alter und mein (männliches) Geschlecht eine entscheidende Rolle. Besonders berührt hat mich in dieser Hinsicht ein Dienstmädchen in einer kleinen Herberge in Gondar, im Norden Äthiopiens. Sie war sehr schüchtern, und als ich nach drei Tagen abreiste, fragte sie ängstlich, ob ich sie mitnehmen würde. Fassungslos schüttelte ich den Kopf. Damit hatte ich nicht gerechnet, mehr als ein paar Worte hatten wir bis dahin auch kaum gewechselt. Die Enttäuschung war ihr ins Gesicht geschrieben. Sie wäre einfach mitgefahren, mit einem weißen Reisenden, komme was wolle. Eigentlich hätte ich ihr gerne erklärt, warum ich sie nicht mitnehmen könne und warum ich sie verschmähte, dass sie sehr wohl hübsch sei und ich aus anderen Gründen jetzt allein weiterfahren und später nach Europa zurückkehren werde, aber mir blieb nur ein schwaches Kopfschütteln. Obwohl meist freundlich aufgenommen, oder zumindest wohlwollend toleriert, wurde ich in Einzelfällen während meiner Arbeit auch richtiggehend angefeindet. Ein etwas älterer Mann warf mir einmal einen faulenden Schafskopf vor die Füße, um seine Verachtung für mich kundzutun. Zum Glück stapfte er anschließend fluchend seines Weges und legte es auf keine weitere Konfrontation an. Er hatte wohl vermutet, ich plane den Bau eines größeren Gebäudekomplexes, eben dort wo sein Haus steht (so etwas kann in Addis schon mal passieren). Ein weiteres Mal wurden mein Kollege und ich sogar mit Steinwürfen aus einer der ärmsten Gegenden vertrieben, vermutlich aus ähnlichen Gründen.

Sehr beliebt waren Fotos mit dem
Sehr beliebt waren Fotos mit dem „weißen“ Nachbarn… © Werner Schlick

Derartig negative Reaktionen waren aber eher die Seltenheit, weitaus öfter wurde ich herzlich begrüßt, zum Essen oder zur traditionellen Kaffeezeremonie eingeladen, zu Familienfotos mit meiner Kamera aufgefordert oder einfach Hände haltend gern gehabt.
Diese Herzlichkeit ist es auch, die ich sicher für immer in Erinnerung behalten werde. Und auch wenn mir mein erster Aufenthalt in Äthiopien nach ein bis zwei Monaten unglaublich mühsam erschien und ich ihn beinahe abgebrochen hätte, denn ich war zu viel allein, oft
gelangweilt, ein bisschen verloren in der Fremde, so habe ich doch später viele Dinge zu schätzen gelernt und bei meinem Abschied geheult wie ein Schlosshund. Und ich war über alle Maße glücklich ein Jahr darauf wieder zurückzukehren. Es war ein bisschen wie nach Hause kommen.

Aber ich will hier nicht weiter auf meine persönlichen Emotionen eingehen, ich möchte auf die Gemeinsamkeiten in all den unterschiedlichen Reaktionen auf mich (sowie auch auf andere Reisende) in Äthiopien (oder auch anderswo) hinweisen. Es geht hier meiner Meinung nach nicht einfach nur um Verständigungsprobleme, kulturelle Unterschiede (wie z.B. Kinderheirat) oder gesellschaftspolitische Ungleichheiten (wie etwa arm und reich). Vielmehr spiegeln die Reaktionen Rollenbilder über uns weiße Fremde wider, und damit eigentlich unser eigenes Verhalten.

So können an Touristensammelplätzen wie den Nilfällen schon die fünfjährigen Kinder die Phrase „Give me one birr i’m a student“  auswendig herunterleiern (Anm.: Birr ist die äthiopische Währung) oder so werden im Zentrum Addis Abebas junge Backpacker auf der Straße abgefangen und für den zehnfachen Touristenpreis in diverse Chat-Häuser verschleppt (Anm.: Chat ist die äthiopische „Nationaldroge“, ähnlich dem Kokablatt). Selbstverständlich sind diese bettelnden Kinder keine Studenten, aber das Betteln und Lügen sind auch keine typische Eigenschaft der Einwohner Äthiopiens. Und die reichlich zahlenden Rucksackreisenden in den Chathäusern haben auch nicht unbedingt die abessinische Gastfreundschaft erfahren, sondern eher die Folgen globaler wirtschaftlicher Ungleichheiten die viele Reisende in ihre Verhaltensrollen zwingt. Denn an vielen Orten übernehmen Touristen gerne die Rolle von Spendierhosen tragenden Geldverteilern, bettelnden Kindern werden artig ein paar Scheine gegeben, maßlos überhöhte Preise anstandslos ausgezahlt, kurzum, das Bild des weißen Touristen als Melkkuh wird in seinen schönsten Farben immer wieder neu gezeichnet.

Auch auf dem Land baten mich viele um ein Foto © Werner Schlick
Auch auf dem Land baten mich viele um ein Foto © Werner Schlick

Ich hoffe, nicht falsch verstanden zu werden; es ist gut, richtig und nobel, bedürftigen Menschen zu helfen. Aber man sollte sich zumindest dessen bewusst sein, dass man kleinen Kindern auch die Chance auf ein anderes Leben nimmt, wenn man sie zum Betteln erzieht.
Stattdessen ist es sicherlich sinnvoller, Spendengelder in nachhaltige (Entwicklungs-)Projekte oder gemeinnützige Organisationen fließen zu lassen. Und wenn man als Reisender mit den Scheinen nur so um sich wirft und das Bild vermittelt, in Europa wachse das Geld auf den
Bäumen, so stärkt man auch nicht eben das Bewusstsein für die Möglichkeiten der lokalen Wirtschaft. Häufig sagen uns die Reaktionen der örtlichen Bevölkerung mehr über uns selbst, als über kulturelle Besonderheiten der Einheimischen. So ist etwa das Verhalten bettelnder
äthiopischer Kinder gegenüber Touristen vielmehr Konsequenz unserer eigenen Handlungsweise, als etwa eine „Eigenheit des äthiopischen Volkes“.

Und wenn ich von allein stehenden, jungen Frauen unvermittelt geheiratet werden sollte, oder wenn Mütter mir ihre minderjährigen Töchter anboten, dann doch auch nur, weil sich schon einige Europäer eine äthiopische Frau „genommen“ haben, und ihr damit eventuell ein Leben mit mehr finanziellen Mitteln ermöglicht haben, sowie vielleicht auch ihrer Familie. Und vor allem auch weil ich, jung und gesund und weißhäutig, allein durch die ärmlichen Viertel spaziere, quasi wie ein Sonderangebot von einem potentiellen Ehemann. Hier kommen dann neben den offensichtlichen Wohlstandsunterschieden auch die klassischen Geschlechterrollen ins Spiel.

In den wenigen Fällen, als ich mit meinem Kollegen aus den Armenvierteln vertrieben wurde, herrschten zweifellos wiederum ganz andere Rollenbilder über mich und meinesgleichen vor. Und dies wohl auch gar nicht zu unrecht, denn in der reichlich korrupten Bauwirtschaft Addis Abebas ziehen hauptsächlich ausländische Firmen die Fäden.

Mutter und Tochter aus dem benachbarten Geschäft © Werner Schlick
Mutter und Tochter aus dem benachbarten Geschäft © Werner Schlick

Diese Rollenbilder sind offenbar nicht überall gleich, sondern treten in vielen Variationen auf. Sie reichen vom edlen Spender über den perfekten Ehemann bis zum erbarmungslosen Ausbeuter. Denn diese Bilder sind weder starr noch in Stein gemeißelt, sie
sind höchst flexibel. Sie werden täglich neu konstruiert, bestätigt oder auch verworfen. Je nachdem wie wir Touristen, Urlauber, beruflich oder privat Reisende, die gerade in Äthiopien oder sonst wo unterwegs sind, uns verhalten. Wir alle bestimmen also die Rollenverteilungen
mit. Nun, ich hoffe ich konnte ein bisschen von dem weitergeben, was ich in Äthiopien erlebt habe und zumindest zum Nachdenken anregen, und wünsche noch eine gute Reise, wohin auch immer!

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