Favelas als neue Touristenattraktion – Zwangsräumungen und Vertreibungen im Namen der Fußball-Weltmeisterschaft

Der Artikel erschien erstmals im TourismWatch Nr. 75 | Monat Juni 2014.  (http://www.tourism-watch.de/content/favelas-als-neue-touristenattraktion)


Bequem erreichbar dank Seilbahn und Aufzügen werden die Favelas Rio de Janeiros als Ausflugsziele immer beliebter: Der atemberaubende Ausblick, Rundgänge, Hostels und Restaurants sowie kulturelle Veranstaltungen locken immer mehr Besucher in die erst kürzlich von Polizeieinheiten „befriedeten“ Siedlungen auf den Hügeln der Stadt. Zugleich jedoch werden die Bewohner durch Zwangsräumungen sowie stetig steigende Lebenshaltungskosten vertrieben. Die Aktionen der Befriedungspolizei gehen nicht selten mit Menschenrechtsverletzungen, wie Folter und Misshandlungen, einher.

„Früher wurde hier geschossen, inzwischen kann ich meine Kinder hier oben problemlos spielen lassen, ohne dass ihnen etwas passiert“ erzählt Marcelo, Vater von sechs Kindern, der seit vielen Jahren auf dem Morro da Providência lebt. 1897 gegründet ist es die erste Favela Rio de Janeiros, sie liegt mitten im Zentrum der Stadt. Schon immer bildete sie den Wohnort der Arbeiterschicht – derjenigen, die sich als Bauarbeiter, Hausmädchen, Pförtner oder Straßenhändler verdingten. Sie war auch Schauplatz des Drogenkriegs. Doch seit die Favela im Februar 2010 von Befriedungseinheiten der Polizei, den Unidades de Polícia Pacificadoras (UPP), besetzt wurde, hat sich das Leben verändert. Auch in Anwesenheit dieser ’neuen Herren‘, wie die Befriedungspolizei von den Anwohnern genannt wird, geht der Drogenhandel weiter. Doch es gibt weniger Schießereien. Die Favelas gelten seitdem als friedlicher und für Touristen zugänglich. Sogar einen Rundgang für Besucher gibt es inzwischen, der an die schönsten Aussichtsplätze führt. Trotz der Kritik an den Befriedungseinheiten, denen immer häufiger Misshandlungen und Folter der Bewohner vorgeworfen werden, genießt auch Marcelo diese neue ‚Sicherheit‘.

Räumungen aus Gründen des Risikoschutzes

Doch nun soll auch er weg. Sein Haus ist eines von 832 Gebäuden, die abgerissen werden sollen, um die sogenannte Integration in die Stadt voran zu treiben. Man will Platz schaffen für die Verbreiterung von Straßen, den Bau einer Seilbahnstation, einer neuen Bibliothek und eines Museums. Auch Häuser in so genannten Risikogebieten sollen weichen – Gebieten, in denen es seit Jahrzehnten keine Vorfälle gegeben hat. Doch auch diejenigen Bewohner, die keine Räumung fürchten müssen, wissen nicht, wie lange sie noch bleiben können. Denn mit der Befriedung durch die Polizei, dem Bau von Aufzügen und Seilbahnen, der Einführung einer Müllabfuhr und der Legalisierung von Strom und Wasser steigen die Lebenshaltungskosten kontinuierlich. Die neue Sicherheit durch die UPP hat die Immobilienpreise auch in den Favelas in die Höhe getrieben.

Laje - typisches Haus in einer Favela © Phyllis Bußler
Laje – typisches Haus in einer Favela © Phyllis Bußler

„Wir wollen hier nicht weg“

Doch keiner der hier wohnhaften Menschen möchte hier weg. Manche Familien leben dort seit vielen Generationen. Sie haben mit einfachsten Mitteln ihre Häuser, die lajes, selbst gebaut, eine Strom- und Wasserversorgung eingerichtet und sich über die Jahrzehnte ein soziales Netz aufgebaut. Diese lajes dienen nicht nur als Wohnraum, der mit dem Familienzuwachs kontinuierlich erweitert werden kann, sondern sind Bestandteil einer (Über-)lebensstrategie, indem sie z.B. den Betrieb einer kleinen Werkstatt erlauben. Auch die zentrale Lage ist für viele Bewohner von großer Bedeutung, da ihre Arbeitskraft im nahe gelegenen Zentrum und in den Wohnvierteln der Mittelklasse gebraucht wird.

Ein neues Image für Rio de Janeiro

Die Fußball-Weltmeisterschaft und die Olympischen Spiele sind nur einige der Events in Brasilien, die zum Anlass genommen werden, die Städte neu zu gestalten. Indem die Favelas entfernt oder durch Aufwertung in die restliche Stadt integriert werden, möchte man sich von einem Image befreien, das von Gewalt, Armut und großer sozialer Ungleichheit geprägt ist. Die Stadt und das Stadtbild sollen an die Bedürfnisse potenzieller Besucher und investitionsfreudiger Unternehmen angepasst werden. So werden Favelas, die an Schnellstraßen liegen, durch Mauern für Besucher unsichtbar. Auf ‚googlemaps‘ sind die Favelas von Rio an vielen Stellen bereits verschwunden, ebenso wie in dem Werbeclip, der für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro wirbt. Anstatt eines ziegelsteinfarbigen Häusermeeres erstreckt sich dort grüne Waldfläche über die Hügel.

Der Immobilienmarkt als treibende Kraft

Die treibende Kraft hinter diesen Veränderungen ist der Immobilienmarkt, von dem die Stadt am Zuckerhut schon immer geprägt war. Die Erwartungen an die WM und die Olympischen Sommerspiele 2016 haben diese noch intensiviert. Die Befriedung der strategisch wichtigen Favelas, die sich von der wohlhabenden Südzone bis hin zum Maracanã-Stadion nördlich des Zentrums erstrecken, soll für einen so genannten Sicherheitskorridor während der WM sorgen. Doch die zumindest scheinbare Abwesenheit der Gewalt hat diese Favelas auch für Menschen attraktiver gemacht, die vorher keinen Fuß in dieses Gebiet gesetzt hätten. Immer mehr Brasilianer aus der Mittelschicht, aber auch viele Europäer oder US-Amerikaner kaufen die – für ihre Verhältnisse – günstigen Grundstücke in den Favelas auf. Immer mehr Hostels, Restaurants und Pensionen eröffnen, kulturelle Veranstaltungen finden statt und im März gab es in der Favela Providência einen Kongress für Start-Up-Unternehmen.

Sozialbau © Phyllis Bußler
Sozialbau für umgesiedelte FavelabewohnerInnen © Phyllis Bußler

Die Favela wird integriert, die Menschen nicht

Während einige Bewohner von diesem Aufschwung profitieren, etwa indem sie ein Restaurant eröffnen, ist ein Großteil der Betroffenen gezwungen, in eine der zahlreichen Favelas an den Stadtrand zu ziehen und sich dort unter noch schwierigeren Bedingungen eine neue Existenz aufzubauen. Anderen Betroffenen werden zwar staatlich geförderte Wohnungen zur Verfügung gestellt, jedoch liegen auch diese fernab von Schulen, Krankenhäusern oder einer guten Verkehrsanbindung in das nun oft mehrere Busstunden entfernte Stadtzentrum – und somit auch fern vom Arbeitsplatz. Die derzeitige Vertreibung der armen Bevölkerung an die Stadtränder knüpft an eine seit über 100 Jahren währende Praxis an, die immer dann einsetzte, wenn die Verantwortlichen glaubten, Rio de Janeiro als moderne Metropole vor einer Weltöffentlichkeit inszenieren zu müssen.


Phyllis Bußler hat Regionalwissenschaften Lateinamerika in Köln studiert und sich in ihrer Diplomarbeit mit Verdrängungsprozessen in Rio de Janeiro im Kontext von WM und Olympischen Spielen beschäftigt. Seit 2009 ist sie in der Brasilienkoordination von Amnesty International aktiv.

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