Im Namen der Schildkröte

© David Novillo
© David Novillo

“Es gibt so Wahnsinnige, die nur wegen der Schildkröten herauskommen. Und wenn die eine entdecken, dann holen sie sie aus dem Meer, halten sie an einem Bein hoch, posen damit herum, machen Fotos und zeigen die dann stolz auf Facebook ihren Freunden!” Davids Stimme überschlägt sich, sein Spanisch wird schneller, so schnell, dass ich nur noch hoffen kann, es richtig verstanden zu haben. Aber eigentlich will ich das gar nicht verstehen (solche *mirfehlendieworte*!)  – schon gar nicht, nachdem ich selbst vollkommen aus dem Häuschen war, als mein Tauchlehrer David Novillo unter Wasser plötzlich seine Hand ausgestreckt und mit dem Finger nach oben gedeutet hat: Eine Schildkröte! Über mir!

Und ich war nicht die Einzige: Kollegin Anja ist beim Ruf “Schildkröte” vom Boot ins Meer gesprungen, um mit einem der “GreenGirls”, wie David und sein Team die sanften Riesen liebevoll nennen, ein Weilchen mitzuschwimmen …

Zwölf dieser GreenGirls haben David und seine Kollegen seit 2004 betreut: “Wir wachen über den Tieren, kontrollieren ihren Wachstum”, erklärt er mir, “und wir retten sie, falls sie einen Unfall oder andere Schwierigkeiten hatten.” Von letzterem sind wir heute Zeugen geworden: Ein “grünes Mädel” hatte sich beim Plastikmüll, der – wie so oft – im Meer gelandet ist, geschnitten und musste – auch wie so oft – zur medizinischen Versorgung gebracht werden.

Tauchlehrer David Novillo © Doris Neubauer
Tauchlehrer David Novillo © Doris Neubauer

Derzeit gibt es sechs Stück dieser Chelona Mida in Puertito de Adeje im Süden Teneriffas, dort in der touristischen Region der kanarischen Insel, wo auch noch immer umstrittene Walbeobachtungsfahrten angeboten werden. Und wo in der Hochsaison täglich mehr als 150 Menschen mit Booten zur Bucht fahren, um dort zu schnorcheln, zu tauchen, die Unterwasserwelt zu berühren, lautstark zu feiern – und leider gar nicht sorgsam mit der Natur umzugehen. Ebenso verhalten sich leider auch die acht privaten Schnorchelboote, die Touristen alle vier Stunden in die Meeresregion karren.

Über 150 Menschen fahren regelmäßig in das Gebiet, um zu tauchen und zu schnorcheln © Doris Neubauer
Über 150 Menschen fahren regelmäßig in das Gebiet, um zu tauchen und zu schnorcheln © Doris Neubauer

Auch wenn es sich nach wenig anhören mag, sechs Schildkröten sind in dieser Region schon ein positives Zeichen und Verdienst, der David und seinen mittlerweile 10 Kollegen der privaten Non-Profit-Organisation Oceáno Sostenible zuzusprechen ist. 2004 hat der PADI Tauchinstrukteur gemeinsam mit anderen in einem Gebiet von 50m² begonnen, eine Meeresschutzzone einzurichten, um die Flora und Fauna der Region von einer zerstörerischen, nicht einheimischen Seeigelplage zu befreien und wieder zu regenerieren. Außerdem arbeitet die Organisation in einem SeaLab, wo sie wissenschaftliche Daten sammelt und auswertet. Mittlerweile hat sich das Gebiet vervielfacht und ist auf über 100.000m² angewachsen. Die Seeigel sind unter Kontrolle, und die sechs Schildkröten sind nicht die einzigen Zeichen, dass sich die Unterwasserwelt wieder etwas erholt: Seepferdchen oder Barrakudas sind bei den Tauch- und Schnorchelgängen zu entdecken.

Doris vor ihrem Tauchgang © Doris Neubauer
Doris vor ihrem Tauchgang © Doris Neubauer

Damit gibt sich Oceáno Sostenible aber natürlich nicht zufrieden – die Arbeit geht weiter: “Unsere wichtigste Arbeit ist es, das Verantwortungsbewusstsein und den Respekt der Tauchzentren und privaten Taucher gegenüber den Schildkröten zu erhöhen”, erklärt mir David später, “vor allem, weil wir täglich mehre Male dort hin fahren.” Seine Non-Profit-Organisation selbst hat mit dem FlyOver Tauchunternehmen, das von der Inselregierung und dem Fremdenverkehrsamt Turismo de Tenerife unterstützt wird, ein spezielles Angebot für Touristen geschaffen: Damit auch Anfänger die Unterwasserwelt in Puertito de Adeje kennen lernen können, begleiten erfahrene Taucher wie David Leute ohne Erfahrung – wie mich – nach unten. Die eine Hand auf der Nase (zum Druckausgleich), die andere gehalten von David oder einem seiner Kollegen gibt es das Taucherlebnis sozusagen im Schnelldurchgang – und man erfährt noch dazu etwas über die Unterwasserwelt der Region. Und das Beste: 10 Prozent der Gewinne von FlyOver gehen wieder an Projekte von Oceáno Sostenible.

© Doris Neubauer
© Doris Neubauer

Und Projekte gibt es genug:  Es geht nämlich bei Oceáno Sostenible nicht nur darum, Touristen einen nachhaltigen Umgang mit der (Unter-)Wasserwelt zu zeigen, sondern auch Einheimischen – vor allem den Kindern. Um das auch den Kleinen bewusst zu machen, werden ab September wieder Schulen, Universitäten und andere Bildungseinrichtungen in das ebenfalls entstandene Maritime Lernzentrum geladen. Und sie werden kommen – wie schon die über 900 Kinder und Jugendlichen in der Vorsaison, mit denen David gearbeitet hat. Der gibt mir zum Schluss übrigens noch ein Zitat der native americans auf den Weg mit: “Das Land ist nicht ein Erbe unserer Eltern, es ist ein Erbstück für unsere Kinder”… auch das Wasserland der Schildkröten.

Reisebloggerin Mrs. Berry war ebenfalls dabei & hat geniale Unterwasser-Bilder und ein Video gemacht.

Wer einen FlyOver-Tauchgang versuchen möchte, meldet sich am besten über die Website bei David und seinem Team. Über das Tauchen könnt Ihr auch bei meiner Kollegin Anja von happybackpacker.de weiterlesen. Nicht in freier Wildbahn, aber Schildkröten (und mehr) gibt es übrigens auch im Loro Parque im Norden Teneriffas zu sehen.

Offenlegung: Danke an Condor, GCE und Turismo de Tenerife für die Einladung. Die Meinungen und Ansichten in der Geschichte bleiben meine eigenen.

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Ein Kommentar zu „Im Namen der Schildkröte

  1. Ich habe mit Freude und Interesse diesen Bericht glesen und nehme gerne zur Kenntnis, daß die Menschen, jedenfalls teilweise, noch tatsächlich an der Natur und dem, was für uns
    Natur und Lebensqualität birgt, Interesse und Motivation haben. Das schlimmste, finde ich, ist Gedankenlosigkeit. Schön ist die Welt – sie sollte es bleiben. Besonders auch noch für kommende Generationen. Herzliche Grüße, Lewi 😀

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