Verantwortlicher, Öko- oder doch nachhaltiger Tourismus? Die Verwirrungen bei der Definition des Tourismus, den wir wollen [DE/EN)

For English version see below

Wenn ich Nachhaltigen Tourismus unterrichte, scheint es eines der schwierigsten Dinge für die Studierenden zu sein, den Unterschied zwischen Ökotourismus und Nachhaltigem Tourismus zu verstehen. Die Erklärung klingt eigentlich einfach: Ökotourismus ist eine Form des Tourismus, wie etwa Badetourismus, Kreuzfahrttourismus, Kulturtourismus etc., Nachhaltiger Tourismus ist eine Vision, eine Forderung für alle Tourismusformen.

Es ist allerdings nicht so einfach, wie es klingt – vor allem, wenn andere Begriffe ins Spiel kommen, wie etwa verantwortlicher Tourismus, naturnaher Tourismus, Pro-Poor-Tourismus oder gemeindebasierter Tourismus.

© Christian Baumgartner
© Christian Baumgartner

Ökotourismus oder Verantwortlicher Tourismus?

Es gibt so viele Definitionen für Ökotourismus, dass die australische Forscherin Figgis erklärte, Ökotourismus zu definieren sei zur olympischen Sportart geworden! Die Definitionen unterscheiden sich minimal, je nach politischem, wirtschaftlichem oder Umweltbezug. Die Anfänge des Ökotourismus reichen in die 60er-Jahre des letzten Jahrhunderts zurück – dabei wurde ‚jedweder Tourismus in geschützte Gebiete‘ Ökotourismus genannt, ohne auf soziale Auswirkungen oder die Umwelt Rücksicht zu nehmen. Im Jahr 1990 wurde die Internationale Gesellschaft für Ökotourismus (The International Ecotourism Society, TIES) gegründet, die Ökotourismus als „verantwortungsbewusstes Reisen in Naturgebiete, das die Umwelt erhält und den Wohlstand der örtlichen Bevölkerung mehrt“ definiert. Später – als Resultat des Internationalen Jahres des Ökotourismus 2002 – versuchten auch die Welttourismusorganisation (UNWTO) und das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP), eine einheitlich akzeptierte Definition zu schaffen. Dieser neue Ansatz basierte auch auf verantwortlichem Reisen und beinhaltete auch Lernelemente der Tourismusaktivitäten.

Doch wie kann Tourismus – ein Wirtschaftssektor – verantwortlich agieren? Oder in anderen Worten: Können wir von einer Branche erwarten oder verlangen, dass sie sich ändert, um „gut“ zu handeln?

Laut dem Ansatz des Internationalen Zentrums für verantwortlichen Tourismus (International Centre for Responsible Tourism, ICRT) möchte verantwortlicher Tourismus bessere Orte schaffen, in denen Menschen leben können, und bessere Orte, die Menschen besuchen können (‚making better places for people to live in, and better places to visit‘, laut Harold Goodwin, Direktor des ICRT). Verantwortlicher Tourismus ist also eher eine ethische Forderung, eine Aufforderung zu altruistischem Verhalten der Branche als ein konkretes Konzept, das zu klaren Forderungen und Rahmenbedingungen führt. Es ist also ein bisschen mit dem momentanen Konzept der sozialen Unternehmensverantwortung (Corporate Social Responsibility, CSR) zu vergleichen.

Die Wirtschaft ist aber leider nicht altruistisch. Zu grundlegenden Veränderungen braucht es mehr als Ethik. Solange CSR eine ‚freiwillige Handlung, die über Gesetze hinausgeht‘ bleibt, sind es nur die Spitzenreiter – manchmal wirklich die Guten, machmal aus reinen Marketingzwecken -, die ernsthafte Verbesserungsmaßnahmen umsetzen.

© Christian Baumgartner
© Christian Baumgartner

Ein Beispiel?

Es ist eine anerkannte Tatsache, dass wir die CO2-Emissionen, die durch den Flugverkehr entstehen, einschränken müssen. CO2-Kompensation ist ein passendes Instrument, mithilfe dessen zumindest dieselbe Menge an Emissionen, die durch den Flug erzeugt wurde, woanders eingespart werden kann. Momentan werden allerdings weniger als 1% der Flugtickets kompensiert, Reiseveranstalter sind nicht dazu bereit, die Kompensationskosten in die Reisekosten aufzunehmen. Solange es keine Gesetze gibt (Kerosinsteuer, CO2-Steuer, automatische Kompensation von Flugtickets etc), wird sich die Situation nicht ändern.

Altruistisches, ethisches Verhalten ist eher eine passende Forderung für Privatpersonen als für eine Branche. Konsumentinnen und Konsumenten können relevante Entscheidungen treffen und damit starken Druck auf eine Branche ausüben, indem sie bessere, gesündere, nachhaltigere Produkte kaufen. Laut der Otto Gruppe Trendstudie 2011 sagten 72% aller Konsumentinnen und Konsumenten, dass ethische Kriterien zu ihren Kaufentscheidungen beitrügen und nur 34% der Käuferinnen und Käufer vertrauen heutzutage Unternehmen im Allgemeinen, aber 77% vertrauen Unternehmen, die ‚ethisch korrekte‘ Produkte herstellen. Dies eröffnet einen riesigen Markt, auch für die Tourismusbranche.

© Kanuschule Versam
© Kanuschule Versam

Wo liegt nun der Unterschied zum Ansatz des Nachhaltigen Tourismus?

Nachhaltiger Tourismus bezieht sich auf alle verschiedenen Tourismusformen, nicht nur auf einzelne Formen wie etwa Ökotourismus. Er fordert nicht nur freiwillige Handlungen wie der verantwortliche Tourismus, sondern trachtet nach Gesetzen.

Die Umsetzung eines Nachhaltigen Tourismus erfordert u.a. neue Subventionsregelungen, klare Investitionsregulierungen, effektive Umweltverträglichkeitsprüfungen, eine breit angelegte Umsetzung des Verursacherprinzips und vieles mehr.

Nachhaltiger Tourismus ist also ein theoretischer Ansatz mit praktischen Konsequenzen, der sich an politische Entscheidungsträger und Tourismusunternehmen richtet.

Entwickelt sich Ökotourismus in Richtung Nachhaltigkeit?

Die Antwort ist ‚Ja und Nein‘.

Auf der einen Seite wird alles, was nur ein bisschen grün ist, als Ökotourismus vermarktet – ob es nun Solarpanele auf dem Hoteldach sind (eine Kostenersparnismaßnahme), Walbeobachtungen (die oft nicht gerade umweltverträglich sind) oder Kurztrips zu einem Nationalpark in Costa Rica (die viele Emissionen verursachen).

Doch andererseits wurden klare und umfassende Kriterien festgelegt, wie etwa vom Rumänischen Verband für Ökotourismus (Ecotourism Association Romania, AER). Erst vor kurzem wurden auf der zweiten Europäischen Konferenz für Ökotourismus, die 2013 in Brasov (RO) stattfand, Kriterien für „Ökotourismus-Destinationen“ entwickelt, die von AER, Europarc Federation, Naturfreunde Internationale und anderen angenommen wurden.

© AER - Ecotourism Association Romania
© AER – Ecotourism Association Romania

Beide Ansätze berücksichtigen mehr und mehr Kriterien des Nachhaltigen Tourismus.

Um also in einer Schlussfolgerung zu versuchen, die Verwirrungen um all diese Benennungen ein wenig zu entwirren, könnten wir festhalten, dass …

• Ökotourismus eine Tourismusform ist, die sich teilweise in Richtung mehr Nachhaltigkeit bewegt,

• Verantwortlicher Tourismus sich direkt an die Konsumentinnen und Konsumenten richten sollte und

• Nachhaltiger Tourismus ein Ziel für alle Tourismusformen darstellt und gesetzliche und strukturelle Umsetzung braucht und erfordert.

—————————————————

Dr. Christian Baumgartner hat Landschaftsökologie studiert und ist seit 2005 Generalsekretär der Naturfreunde Internationale (www.nf-int.org). 1995 gründete er respect – Institut für Integrativen Tourismus und Entwicklung. Neben seiner Arbeit als Dozent für Nachhaltigen Tourismus in Wien und Krems (A), Siders (CH) und China war er Mitglied der (ehemaligen) Tourism Sustainability Group der EU-Kommission, der Generaldirektion Unternehmen und Mitglied in zahlreichen nationalen und internationalen Beratungsgremien zum Thema Tourismus.

English version:

Responsible, eco- or maybe sustainable? About the confusion in defining the tourism that we want

When I teach Sustainable Tourism, it seems that for the students one of the most difficult things to understand is the difference between ecotourism and sustainable tourism. Nevertheless the explanation sounds easy: Ecotourism is another form of tourism, like beach tourism, cruise tourism, culture tourism, etc. and Sustainable Tourism is a vision, a demand for all forms of tourism.

But it is not so easy as it sounds, especially if other terms like responsible tourism, nature based tourism, pro poor tourism, community based tourism, etc. enter the stage as well.

Ecotourism or Responsible Tourism?

There are so many definitions of ecotourism that the Australian researcher Figgis declared ecotourism defining has “been nominated an Olympic sport”! Each varies subtly according to a range of political, economic and environmental agendas. The roots of ecotourism are based in the 60ies of the last century when any ‘any tourism going to protected areas was called ecotourism’ without taking any social or environmental impacts into account. In 1990 The International Ecotourism Society (TIES) was founded and TIES defined ecotourism as “responsible travel to natural areas that conserves the environment and improves the well-being of local people.” Later – as a result of the International Year of Ecotourism 2002 – also UNWTO and UNEP tries to create a unitarily accepted definition. This new approach was also based on responsible travelling and integrated also learning elements of the tourism activities.

But how could tourism – a business sector – be responsible? Or in other words: Can we expect or demand that an industry changes to be ‘good’?

Following the approach of the ICRT (International Centre for Responsible Tourism) Responsible Tourism is about making “better places for people to live, and better places for people to visit” (following Harold Goodwin, the director of the ICRT). So Responsible Tourism is rather an ethical claim, a call for altruistic behavior of the business sector than a concrete concept that leads to clear requirements and frameworks. It is therefore a bit like the current concept of Corporate Social Responsibility (CSR).

But unfortunately the business world is not altruistic. If we want to create substantial changes we need more than ethics. As long as CSR stays a ‘volunteer action that goes beyond legal requirements’, it is still just a sample of frontrunners – partly the real good guys, sometimes also for poor marketing advantages – that implement serious measures of improvement.

Want to have an example?

It is an accepted fact that we need to change the CO2 emissions caused by air traffic. CO2 compensation is an appropriate tool that at least avoids the same amount of emissions in other places than caused by travelling. But at the moment less than 1% of the air tickets are compensated, tour operators are not willing to include the price of compensation into the package prices. As long as there is no legal requirement (kerosene taxation, CO2 taxes, automatic compensation of air tickets, etc.) the situation will not change.

Altruistic, ethical behavior is an adequate demand rather for private persons than for the industry. Consumers can make relevant decisions and at the end put huge pressure on the industry, buy buying better, healthier, more sustainable products. According to the Otto Group Trendstudy in 2011 72% of all consumers said, that ethical criteria got a part of their buying decisions. And only 34% of the buyers today trust companies in general, but 77% trust companies, which produce ‘ethically correct’ products. This opens a huge market also for the tourism industry.

And what’s the different approach of Sustainable Tourism?

Sustainable Tourism is basically a demand for all different forms of tourism, not only for single forms like ecotourism and it is not only claiming on volunteer actions like responsible tourism but it strives for legal regulations.

The implementation of Sustainable Tourism calls e.g. for new subvention policies, clear investment regulations, effective EIAs (Environmental Impact Assessment), broad implementation of the cost-by-cause principle, etc.

Therefore Sustainable Tourism is a theoretical approach with very practical consequences directed to the policy makers and the tourism businesses.

© Christian Baumgartner
© Christian Baumgartner

Does ecotourism develop towards sustainability?

The answer is a clear ‘Yes and No’.

On the one hand everything that seems to be a little bit green is marketed as ecotourism – be it solar panels at the hotel roof (which is a cost saving measure), whale watching (which is not necessarily done in a eco-sound way) or short national park trips to Costa Rice (causing a lot of emissions).

But on the other hand clear and comprehensive criteria were developed, e.g. by the Romanian Ecotourism Association (AER). Recently the 2nd European Ecotourism Conference in Brasov (RO) in 2013 developed criteria for ‘ecotourism destination’, at the end adopted by AER, the Europarc Federation, Naturefriends International and others.

Both approaches do take more and more criteria of Sustainable Tourism into account.

So for a conclusion that tries to decrease the amount of confusion about all those terms we could state that …

Ecotourism is a form of tourism that partly goes into the direction of more sustainability,

Responsible Tourism should be directed towards consumers and

Sustainable Tourism is a goal for all forms of tourism that needs and demands legal and structural implementation

—————————————————

Dr. Christian Baumgartner studied landscape ecology and is Secretary General of Naturefriends International (www.nf-int.org) since 2005. 1995 he founded respect – Institute for Integrative Tourism and development. Besides his work as lecturer for Sustainable Tourism in Vienna, Krems (A), Siders (CH) and China he was member of the (former) Tourism Sustainability Group within the EU Commission, DG enterprise and member in several national and international tourism related advisory boards.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s