Kirgistan – Community Based Tourism in Zentralasien

2012 trägt die Naturfreunde Internationale (NFI) im Rahmen eines Projekts der Europäischen Union mit ihrer Expertise in Kirgistan zur Entwicklung von staatlichen Lehrgängen und Berufsausbildungen im Bergtourismus bei. Junge Menschen werden zu TrägerInnen, Outdoor-KöchInnen, Tourismusguides und ReisemanagerInnen ausgebildet. So werden Einkommensmöglichkeiten in armen ländlichen Regionen geschaffen.

Margit Leuthold und Christian Baumgartner, beide seit vielen Jahren mit der Naturfreunde-Bewegung eng verbunden, verbrachten im Sommer 2013 elf Tage in einem Land, das bis heute vom Massentourismus verschont geblieben ist. Kirgistan.

Blog_day 4_6 Baumgartner© Christian Baumgartner

Wikipedia berichtet zum Tourismus in Kirgistan (auch Kirgisistan oder Kirgisien) nur so viel:

„Die landschaftliche Schönheit Kirgisistans birgt ein gewisses touristisches Potenzial, das zur Realisierung aber eine entsprechende, noch nicht vorhandene Infrastruktur voraussetzt. So beschränkt sich der Fremdenverkehr bisher größtenteils auf die jährlich etwa 400.000 Besucher aus den ehemaligen Sowjetrepubliken und auf junge Abenteuertouristen“.

Ob sich Margit und Christian zu diesen sogenannten „AbenteuertouristInnen“ zählen, oder durch ihren Bericht aufzeigen, dass dieses Land wesentlich unterschiedlichere Charaktere (als es ihm Wikipedia zugesteht) anzieht, erzählen sie in ihren ausführlichen Tagebuchaufzeichnungen:

Da ist die Rede von längeren aber lohnenswerten Reisen zwischen Destinationen und malerischen Bildmotiven; von der Tourismusform des Community Based Tourism (CBT), welcher in den Bergen Kirgistans intensiv betrieben wird und allen Beteiligten zu Gute kommt; von Menschen die ihre Traditionen wahren aber gleichzeitig für Neues offen sind.

Vor allem ist es ein Bericht über die Macht von Begegnungen. Wie sie Menschen berühren und verbinden (können), vorausgesetzt der notwendige gegenseitige Respekt ist gegeben.

Einen Einblick in das Tagebuch geben wir bereits hier – für die „ganze Geschichte“ öffne bitte das pdf-Dokument hier oder am Ende dieses Artikels.

Tag 1: Anreise nach Bishkek

Nach rund 9 Stunden Reisezeit, Flugunterhaltung durch koreanische und indische Filme, die neben dem US-amerikanischen cineastischen Angebot auch im Board-Programm sind, kommen wir inklusive Zeitverschiebung nachts um 2.45 Uhr in Bischkek an. Zwischen Juni und Anfang September ist die beste Reisezeit für Kirgistan, das Wetter ist stabil, die Regentage wenige. Als Bestätigung dieser Regel regnet es bei unserer Ankunft und immer wieder auf unserem Transport nach Kochkor.

Tag 2: Ankunft Bishkek → Kochkor

Nach dem Mittagessen bekommen wir eine Einführung in die „Teppich-Fabrik“. Diese entpuppt sich als der Hof unserer Unterkunft. In der Jurte des Hofes zeigen Tochter und Mutter die verschiedenen Verarbeitungsweisen der Schafwolle: das Walken von Wolle zu einem Shyrdak, einem Filzstück mit Ornament. Wir dürfen mitmachen und werden für unser Talent gelobt.

Tag 3: Von Kochkor zu Fuß Richtung Son Kul See

Die Kirgisische Teezeremonie geht so: Ein kleiner Tisch ist gedeckt mit Brot, frischem Rahm, verschiedenen Marmeladen und einer Art Butter. Dazu erhalten wir Gäste zuerst, dann die Guides und abschließend die Hausherrin selbst, eine Tasse Schwarztee auf die russische Art: einen kleinen Schluck aus einer Teekanne mit Schwarztee, der dann mit heißem Wasser aus einem Samowar oder einer großen Kanne von einem Eisenofen aufgefüllt wird. Die Öfen präsentieren sich uns in den abenteuerlichsten Variationen entlang unserer Reise. Eingeschenkt wird nicht randvoll, das wäre unhöflich. Vielmehr höflich aber ist es, dem Gast mindestens drei Mal nachzuschenken und dabei im Gespräch mit Guides und Gästen zu erfahren, wer da jetzt gekommen ist.

Tag 4: Ankunft am Son Kul See

Der Weg zum Jalgyz Karagai-Pass (3400m) hinauf geht über sanfte Almlandschaften. Hinter jedem Anstieg tut sich ein weiterer Blick in Weite und unbesiedelte Berglandschaft auf. Ab und an ragen Felsen durch das Grün, aufgeschobene Gesteinsschichten. Unter dem Gras ist der Fels mal rot, mal grau, mal gelb. Die Almwiesen sind von Edelweiß bedeckt – sie scheinen die Gänseblümchen Kirgisiens zu sein. Wir sind von der Landschaft und auch von unserer Gruppe angetan. Gemütlich und voller Genuss für Landschaft und Menschen sind wir unterwegs, immer wieder in kleinen, wechselnden Gruppen zu zweit, immer wieder macht der eine oder der andere Guide Pause, so dass wir wieder zusammen kommen und weiterziehen.

Tag 5: Pause am See

Mir fällt auf, dass ich mir schon in Gedanken eine Liste für CBT zur Qualitätsverbesserung zusammen stelle. Ein Punkt ist, dass CBT dafür Sorge tragen muss, dass ihre Leute mit entsprechender Ausrüstung unterwegs sind. Festes Schuhwerk muss für Guides und BegleiterInnen ein Muss sein. Mir wird noch einmal klar, wie wichtig unsere Sammelaktion für die Schule in Karakol gewesen ist.

Tag 6: Über die Berge nach Kazarman

Zum Essen pausieren wir in einem Gästehaus in Kurtka. Nicolai musste sich mehrfach durch das Dorf durchfragen, war freundlich. Die junge Mutter hatte Munties zubereitet, gefüllte Nudeln. Nach dem Essen kommt die vierjährige Tochter und bricht die Stille, indem sie von unserem Salat die Gurkenstückchen heraus spickt. Da erst entwickelt sich ein Gespräch und wir erfahren, dass die Kleine noch zwei Brüder hat, einen 3jährigen und einen 5 Monate alten. Die werden uns nun auch, mit Großmutter, vorgestellt. Der Dreijährige ist davon gar nicht begeistert und weint laut, bis wir endlich wieder gehen.

Tag 7: Über weitere Berge von Kazarman nach Dschalalabad

Die Landschaft verändert sich zu einer intensiv genutzten Kulturlandschaft: Sonnenblumenfelder, Wallnussbaumplantagen, Getreide, über weite Hügel und Täler hinziehende landwirtschaftliche Nutzflächen. Wir folgen inzwischen einer asphaltierten Straße und kommen durch mehrere Ortschaften. Irgendwann, nach einer Straßenkreuzung und vor einem Hotelneubau bleibt Nicolai stehen und telefoniert. Er wartet und ca. 5 Minuten später kommt eine junge Frau, steigt bei uns ein und wir erfahren, wir sind in Dschalalabad angekommen. Drei Minuten später steigen wir am Gästehaus, ein schönes Haus mit Garten, einem Apfelbaum, Weichselbäumen vor dem Fenster und einer Weinlaube vor der Haustür, aus.

Tag 8: Zauberberg und Ethnienkonflikt

Richtige Freundinnen hat sie nicht, sagt sie, keine Vertraute. Das seien eher ihre Tante und ihre Mutter. Ihre Mutter hat als 15-jährige einen Heiratsantrag durch eine Familie mit einem 25-jährigen Sohn so abgewehrt, dass auch die Familie verstanden habe, dass sie noch zu jung zum Heiraten sei. Sie wolle etwas verändern, etwas machen, eine Perspektive entwickeln. Da kenne sie nur noch zwei andere, die auch so denken würden. Gott sei Dank sei hier in Kirgistan der Islam nicht so wie im Irak oder im Iran oder Pakistan, denn sie würde, auch wenn sie jetzt im Ramadan fastet, doch freier sein.

Tag 9: Nach Osh – zweitgrößte Stadt Kirgistans

Danach nimmt Lada für uns drei ein Taxi und lässt uns zum hinteren Eingang zu Salomons Berg, einer kleinen Bergkette mit 5 Gipfeln, fahren. Rund 180 Höhenmeter ragen diese Gipfel über die Stadt hinaus. Das gesamte Areal ist ein einziges archäologisches Freilichtmuseum. Wir erwandern und erklettern alte Wohn-, Kult- und Opferstätten aus neolithischer Zeit, finden an verschiedenen Stellen Petroglyphen mit bäuerlichem Hintergrund und klettern die steilen Hänge auf und ab. Seit dem 15. Jahrhundert ist die Hügelkette auch ein islamischer Pilgerort: Salomon soll hier gewesen sein. So kreuzen unsere Wege auch die von Pilgerfamilien, die sich auf den Weg zu einer kleinen Moschee zu „Babas Haus“ machen.

Tage 10 und 11: Kultur in Osh

Im Erdgeschoss ist eine Ausstellung der UNHCR zur Flüchtlingsarbeit in Kirgistan. Auch hierher flüchten sich Menschen: 2012 hat Kirgistan fast 17.000 Staatenlosen die Staatsbürgerschaft gegeben. Und auch innerhalb des Landes flüchten Menschen: 375.000 werden als Zurückkehrende genannt.

Neugierig geworden? Dann geht es hier zur ganzen Geschichte – Kirgistan – Community Based Tourism in Zentralasien

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Mag. Dr. Margit Leuthold ist Pädagogin und Evangelische Theologin, Pfarrerin im AKH Wien und im Evangelischen Krankenhaus. Von 2001 bis 2011 war sie Mitarbeiterin bei respect – Institut für Integrativen Tourismus und Entwicklung (heute eine Marke der NFI), u.a. als Geschäftsführerin. Ihre inhaltlichen Schwerpunkte setzt sie u.a. auf: Bildungsfragen, Bildung für Nachhaltige Entwicklung, Erwachsenenbildung, Lerndesign, qualitative Forschung, Qualitätsentwicklung, nachhaltige Tourismusentwicklung u.v.m.

Dr. Christian Baumgartner ist Generalsekretär der Naturfreunde Internationale (NFI) sowie Gründer und langjähriger Geschäftsführer von respect – Institut für Integrativen Tourismus und Entwicklung (heute eine Marke der NFI). Seine inhaltlichen Schwerpunkte setzt er u.a. auf: Nachhaltige Tourismusentwicklung: Projektentwicklung, –Durchführung und –Evaluation in verschiedenen Ländern der Welt, Erwachsenenbildung, Forschung u.v.m.

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