Südafrika einmal anders: Sümpfe, Seen und Schildkröten

Der iSimangaliso Wetland Park zwischen St. Lucia und der mosambikanischen Grenze im Norden von KwaZuluNatal verbindet unterschiedliche Lebensräume wie Grasland, Savanne, Küstenwälder, Mangrovensümpfe, Dünen, Sandstrände und Korallenriffe in einem einzigen Schutzgebiet.

Suedafrika, Daerr4
© Astrid Därr

Die Sterne funkeln über uns, als wir in völliger Dunkelheit barfuß über den weiten Sandstrand von Bhanga Nek im Kosi Bay Naturreservat wandern. Aus dem dichten Küstenwald, der sich direkt hinter den Stranddünen ausbreitet, tönt das Konzert der Zikaden bis zum Indischen Ozean. Konzentriert beobachten wir die sanften Wogen, in Erwartung, dass sie einen Schatten an den Strand spülen, der sich nach oben zu den Dünen bewegt. Schon etwa eine Stunde halten wir in Begleitung eines Rangers Ausschau nach Karett- und Lederschildkröten, die im südafrikanischen Sommer zwischen Mitte November und Mitte Februar an diesem Küstenabschnitt zwischen St. Lucia und der mosambikanischen Grenze ihre Eier am Strand ablegen. Und plötzlich ist es so weit: Eine etwa 1,50 m lange Karettschildkröte mit ihrem glatten, nach hinten spitz zulaufenden Panzer hinterlässt eine breite Schleifspur als sie über den Strand aufwärts kriecht. Am Rande der bewachsenen Küstendünen angekommen, beginnt sie mit den kräftigen Vorderflossen zu graben. Erstaunlich schnell ist ein ca. 60 cm tiefes Loch ausgehoben, in das die Schildkröte völlig geräuschlos etwa 80 golfballgroße Eier ablegt. Nach der Eiablage beginnt die schwerste Arbeit für die Schildkrötenmama: Mit den wie Schaufeln geformten Hinterflossen schiebt sie Sand links und rechts in die Mulde und knetet diesen wie einen Kuchen durch. Mit rudernden, sehr langsamen Bewegungen manövriert sie scheinbar unbeholfen im Sand herum und wir können uns kaum vorstellen, dass sie es selbst schaffen wird, das Loch zu befüllen und ihren massigen Panzer daraus zu befreien. Doch nach etwa drei Stunden hat sie es vollbracht und das Nest komplett bedeckt. Sichtlich erschöpft kriecht sie über den Strand Richtung Meer und verschwindet in den Wellen. Sofern nicht ein Honigdachs oder eine Ginsterkatze das Nest plündert, werden in etwa zwei Monaten winzige Schildkröten ausschlüpfen und den gefährlichen Weg zum Wasser antreten. Wegen der kleinen Überlebenschance von 2:1000 legt jede Schildkröte zur Saison mehrere Nester mit bis zu 150 Eiern am von Rangern überwachten Strandabschnitt im Kosi Bay Reservat an.

© Astrid Därr
© Astrid Därr

Das Kosi Bay Naturreservat in KwaZuluNatal schützt ein System aus vier, durch Kanäle miteinander verbundenen, Seen an der Kosi-Mündung. Neben der Schildkrötenbeobachtung kann man im Reservat auch Fische und, bei Boot- und Kanufahrten auf dem wilden Seensystem, seltene Vögel wie die große Pel-Fischeule oder den Palmgeier, der sich von den Früchten der heimischen Raffia-Palme ernährt, beobachten.
Kanutrips auf den Seen und Kanälen sowie Turtle Tracking Touren gehören zum Programm der Kosi Forest Lodge, deren auf Holzdecks gebauten Bungalows sich im seltenen Sandwald verstecken.

Das Kosi Bay Reservat ist die nördlichste Station einer Tour durch den St. Lucia Wetland Nationalpark, der 2007 den Zulu-Namen iSimangaliso Wetland Park erhielt. Der drittgrößte Nationalpark Südafrikas erstreckt sich über 220 km entlang der Küstenlinie des Indischen Ozeans, von Kosi Bay im Norden bis zum Mündungsgebiet des Lake St. Lucia im Süden. Er umfasst drei große Seensysteme (Kosi Bay, Lake St. Lucia, Lake Sibayi) und stellt fünf zusammenhängende Ökosysteme unter Schutz: Die Wasserwelt des Indischen Ozeans mit den südlichsten Korallenriffen Afrikas, Meeresschildkröten und der größten Population der kuriosen Quastenflosser (Coelacanthiformes); die Eastern Shores (östlicher Küstenbereich) mit weiten Grassavannen, Feuchtgebieten und den bis zu 180 m hohen, bewaldeten Küstendünen; der Lake St. Lucia mit seinem Kanalsystem im Süden; die Mkuze Sümpfe am nördlichen Ende des Lake St. Lucia mit ausgedehnten Papyrus-Sumpfland sowie die trockene Dornbuschsavanne der Western Shores (westlich des Lake St. Lucia).

© Astrid Därr
© Astrid Därr

Bevor der Nationalpark 1999 zum ersten UNESCO-Weltnaturerbe in Südafrika ernannt wurde drohte diesem einzigartigen Naturraum jedoch fast die Zerstörung: Die Jahrtausende alten Küstendünen und der sandige Boden enthalten Titaneisen, weshalb sich die Landschaft in ein großes Abbaugebiet verwandeln sollte. Dank der Proteste von Naturschützern entschied man sich schließlich für die Einrichtung eines Nationalparks und zur Förderung des Ökotourismus an diesem Küstenstreifen zwischen Mosambik und St. Lucia. Jenseits der Küstendünen, im Hinterland mit seinen Mangrovensümpfen, Riedgrasflächen, Savannen und Wäldern, leben heute wieder Elefanten, Nashörner, Büffel, Wildhunde, Geparden, Gnus, Zebras, Giraffen u.v.m. Außerdem finden Vogelliebhaber im Nationalpark die größte Artenvielfalt in ganz Afrika.

Heute bietet der St. Lucia Wetland Park nicht nur endlose Sandstrände zum Baden, Angeln, Schnorcheln und Tauchen in St. Lucia, Cape Vidal und Sodwana Bay, sondern auch interessante Wildtierbeobachtungen.

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Astrid Därr ist freie Reisejournalistin und Redakteurin. Sie veröffentlichte bereits mehr als zehn Reiseführer und -bildbände in verschiedenen Verlagen. Seit 2005 ist sie zudem als Reiseleiterin für Trekkinggruppen tätig.
2012 nahm Astrid bei der NFI-Fotomeisterschaft zu dem Thema „Nachhaltiger Tourismus“ teil, und belegte in der Kategorie „Nachhaltiger Tourismus in Entwicklungsländern“ den 4. Platz.

Wir bedanken uns sehr herzlich für ihren Beitrag zu unserem tourism_LOG!

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