Kulturschock Österreich

Als ich vor 24 Jahren in den Vorbereitungen zu meiner ersten Thailandreise steckte, erstand ich neben dem Standardreiseführer für Rucksacktouristen von Renate und Stefan Loose auch ein dünnes Büchlein mit dem Titel „Culture Shock Thailand“ von Nanthapa und Robert Cooper. Was ich darin las, mutete nicht nur exotisch an; es machte mir Angst. Nudelsuppen mit Stäbchen essen – hoffentlich verhungere ich nicht. Über die Blamage mit meiner praktisch nicht vorhandenen Stäbchenesskunst wollte ich erst gar nicht nachdenken.

Begrüßungsformeln, die in Thailand der Komplexität höherer Mathematik ähneln, machten mir plötzlich ebenso große Sorgen wie die Aussicht auf unüberwindbare Sprachbarrieren. Ich dachte bereits an den Ethno-Kollaps, den ich in den ersten Tagen unweigerlich erleiden musste.

Wie immer, es kam ganz anders. Die Thais lachten nicht so sehr über meine kläglichen Versuche mit Stäbchen zu essen (sie könnens oft selbst nicht und nehmen eine Gabel), als vielmehr über die Menge Wasser, die ich nach scharfem Essen brauchte, um das Chillifeuer im Mund zu löschen. Die komplizierten Begrüßungstechniken lehrte mir die Besitzerfamilie meiner Wahlunterkunft der ersten Tage mit viel Geduld und unser aller Spaß. Und kommuniziert wurde mit allen Körpergliedern.

24 Jahre später. Eine Gruppe von 16 StudentInnen und ihre Lektoren Mrs. Maneewan und Mr. Somphob der Siam University saßen Mitte April 2013 im Flugzeug von Bangkok nach Wien, um sich in den folgenden Wochen besondere Kenntnisse österreichischer Koch-, Service- und Weinkunde am ITM Tourismus und Management College in Bad Vöslau anzueignen. Noch ein weiteres Unterrichtsfach war für die asiatischen Gäste vorgesehen: „Austrian Culture“ mit Restaurant Management Bezug.

Welcome to Austria. Ein Besuch des Tourismusbüros im Schloss Bad Vöslau
Welcome to Austria. Ein Besuch des Schlosses Bad Vöslau und des dort ansäßigen Tourismusbüros

Wieder saß ich bei Vorbereitungen. Diesmal für keine Reise, sondern für die Unterrichtseinheiten „Austrian Culture“. Ich dachte wieder an die Coopers und meine ersten Erfahrungen mit fremder Kultur in Thailand und wie viele Thais mir damals halfen, die Thai-Kultur zu verstehen. Was sollte man angehenden TouristikerInnen wie den jungen StudentInnen aus Bangkok nun über österreichische Kultur beibringen, und wozu?

Beim Durchsehen meiner Tourismus Management Präsentationen viel mir eine Überschrift auf: „Host – Guest Relationship“ – das Gastgeber – Gast Verhältnis. „Das Verständnis beider Seiten für die Kultur des anderen ist die Basis für positive Service-Kultur.“, stand dort weiter. Diesen Leitsatz von Troung & King (2010) nahm ich schließlich als Leitfaden für meinen eigenen Kulturunterricht zur Hand. Ich wollte meinen jungen Freunden aus Thailand nicht nur eine Einführung in Heurigenkultur, Wiener Kaffeehauskultur und österreichische Braukultur geben; sie sollten auch lernen, wie wichtig es ist, die Kultur des Gastes und dessen Schwierigkeiten beim Verstehen der Fremdkultur zu respektieren. Beiderseitiges Kulturverständnis als Katalysator für Qualitätsservice im Tourismus – wie sehr fehlt uns dies immer wieder in unserer globalisierten Welt…

Kaffeekultur pur im Wiener Kaffeemuseum. Kaffeeguru Edmund Mayr zeigts vor.
Kaffeekultur pur im Wiener Kaffeemuseum. Kaffeeguru Edmund Mayr zeigts vor.

Der nächste Aspekt tat sich auf: Wie würden die jungen Thais den Kulturschock Österreich erleben? Die Antwort sollten die StudentInnen in einer Projektpräsentation am Ende der Unterrichtseinheiten „Austrian Culture“ selbst liefern. Ich war schon beim Zusammenstellen der Aufgabenstellung richtig gespannt auf die Ergebnisse. Wie sahen Thai-Tourismus-StudentInnen die Unterschiede zwischen ihrer und österreichischer Kommunikation, Service- und Esskultur? Ging es Ihnen wie den afrikanischen „Forschern“ im kritisch-skurrilen Film „Fest des Huhns“ über oberösterreichische Kultur?

Nach drei Wochen Vorlesungen, vielen Ausflügen und einer Einführung in die österreichische Kulinarik und deren Vielfalt präsentierten die Siam University StudentInnen Ihren Lektoren und mir nun ihre Ansicht zum österreichischen Kulturschock. Ich habe selten so herzlich über Unterrichtspräsentationen gelacht, wie diesmal – im positiven Sinn natürlich.

Das erste große „Aha-Erlebnis“ für Gast und auch Gastgeber College Garden Hotel gabs bereits beim ersten Essen: Die thailändischen StudentInnen fragten sich, weshalb mit der Suppe nicht auch gleich die Hauptspeise mitserviert wurde und unser heimisches Servicepersonal staunte, wie man Hühnerfilets mit einem Löffel schneiden kann… So gings dann heiter weiter. In Österreich ist es höflich, leere Teller sofort abzuservieren, in Thailand versteht man dies oft als absolutes „No-go“. Tja, und der typische Vöslauer Heurige mit supermarktähnlicher Wurst-, Salat-, und Käsevitrine, einer roten Laterne mit Föhrenbuschen vor dem Haus und einer Gertränkekarte ohne Bier löste selbst bei weitgereisten StudentInnen einige Verwunderung aus.

Zu Gast im Toni Bräu bei Hartberg - natürlicher Gerstensaft aus 100% energieautarker Herstellung - und ein herzlicher Empfang ohne Kulturschock.
Zu Gast im Toni Bräu bei Hartberg – natürlicher Gerstensaft aus 100% energieautarker Herstellung – und ein herzlicher Empfang ohne Kulturschock.

Während meine Freunde aus Bangkok auch immer wieder die Grenzen der Kommunikation mit Handzeichen und gezeichneten Kunstwerken auf Papierschnipseln zu überwinden versuchten, hatte auch ich so manchen unerhofften Kulturschock im eigenen Land. Die telefonische Anfrage für einen Besuch einer gewerblichen Einrichtung mit meinen Thai-StudentInnen löste öfters sogar anfängliches Zögern, um nicht zu sagen gedämpfte unausgesprochene Ablehnung, aus. In allen Fällen waren die Gastgeber nach unserem Besuch jedoch nicht nur zufrieden, sondern begeistert! Wir sind damit wieder beim Satz von Truong angelangt, positives Verständnis für Kulturunterschiede zu zeigen und Vorurteilen erst gar keine Chance zu geben.

Die Betreuer vlnr: der Autor, College Garden Gastgeber Hans Lichtenwagner, Lektoren Mrs. Maneewan & Mr. Somphob, ITM Direktorin Claudia Rothwangl und Weinexperte Hans Stickler
Die Betreuer vlnr:
der Autor, College Garden Gastgeber Hans Lichtenwagner, Lektoren Mrs. Maneewan & Mr. Somphob, ITM Direktorin Claudia Rothwangl und Weinexperte Hans Stickler

Gelernt haben in den 4 Wochen Unterricht und Exkursionen nicht nur die StudentInnen. Auch ich selbst, meine Lektoren-KollegInnen und viele unserer Gastgeber sind an Erfahrungen im Umgang mit „exotischer“ Gastkultur reicher geworden. Das freute mich ganz besonders.

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