„Fremde sehen – Fremde verstehen“

Afrika ist ein facettenreicher Kontinent der vieles zu bieten hat. Das touristische Angebot reicht von Abenteuerreisen über Strandurlaube bis hin zu Naturtourismus und vielem mehr.
Tansania im Speziellen bietet TouristInnen ein mannigfaltiges touristisches Angebot. So erfreuen sich z.B. Kulturreisen in den letzten Jahren immer größerer Beliebtheit. Auch das Schlagwort „Ökotourismus“ fällt immer öfter.

Quelle: Tanzania Eco-Tours
Quelle: Tanzania Eco-Tours

Die Menschen, ihre Kulturen & Lebensgewohnheiten vor Ort kennen zu lernen und ihnen dabei auf Augenhöhe zu begegnen, haben sich dabei einige Reiseveranstalter zum Ziel gemacht.

Eine Tour dieser Art bietet auch John Mataro, gebürtiger Tansanier und heute österreichischer Staatsbürger. Wie er dazu kam, was ihm dabei wichtig ist und die Entstehungsgeschichte seines Sozialprojekts für Kinder in seiner Heimatstadt, erzählte er mir in einem Interview am 18. April 2013.

John Mataro ist 1951 in Tansania, in der Region Mara im Norden des Landes, geboren. Im Tourismus zu arbeiten war eigentlich nicht sein Traum gewesen. Er war eher von den Nationalparks, v.a. vom Serengeti Nationalpark, der ja quasi „vor seiner Haustüre“ war, fasziniert.
Als dann Hotels, welche im Nationalpark durch europäische Investoren entstanden waren, nach MitarbeiterInnen suchten, bewarb er sich nach seiner Matura als Rezeptionist. Durch diese Arbeit lernte er Johann Lassinger kennen, einen Oberösterreicher aus Schärding, welcher ihm von einer Hotelfachschule in Österreich erzählte, auf welcher man in Englisch unterrichtet werde. Auch John könne diese Schule besuchen, er müsse nur um ein Stipendium ansuchen. Ein paar Jahre später, nach dem Überwinden von ein paar Stolpersteinen, kam John dann schließlich mit 29 Jahren, mit dem Stipendium in der Tasche, nach Österreich. Er absolvierte die Hotelfachschule Klessheim in Salzburg, eine Kochausbildung sowie, nach einigen Jahren Praxis, einen Hochschullehrgang für Fremdenverkehrswerbung und Kongresswesen auf der Universität Salzburg.

Während seiner Studienzeit lebte John auch einige Jahre in Innsbruck, wo sich bei ihm erstmals der Wunsch regte, Reisen nach Tansania zu organisieren. Als einziger Schwarzafrikaner, erzählt er, wäre er oft auf seine Heimat angesprochen worden. Viele seiner Mit-StudentInnen, ProfessorInnen und ArbeitskollegInnen waren sehr an seiner Kultur interessiert. Er erzählt, dass er den österreichischen Tourismus stets als sehr verbunden mit der österreichischen Kultur empfunden habe. Dadurch erst sei ihm bewusst geworden, wie wenig er über seine eigene Kultur erzählen konnte.
Dies wollte er ändern.
Als ihn einer seiner Professoren fragte, ob er Lust hätte eine Kletter-Tour auf den Kilimanjaro zu organisieren, sagt er sofort zu – ohne selbst jemals auf dem höchsten Bergmassiv Afrikas gewesen zu sein. „Und diese Südtiroler (..) haben mir dann meinen eigenen Berg gezeigt, bis am Gipfel!“.
Das war 1987. Seither war John nun schon öfters auf „seinem Berg“ – unter anderem zu seinem 60. Geburtstag.

Quelle: www.tanzaniaecotours.com
Quelle: Tanzania Eco-Tours

Zurück in Österreich beschäftigte sich John damals immer eingehender mit der Thematik des „sanften Reisens“. Er hatte das große Glück, wie er selbst sagt, Robert Jungk, Begründer der Begrifflichkeit „sanfter Tourismus“, persönlich kennen zu lernen, wodurch er begann viel über die negativen Seiten des Tourismus zu lesen. Tansania, im Speziellen die Stadt Daressalam, wurde zu dieser Zeit stark mit den sogenannten „4 S“ – See, Sonne, Sand und Sex – assoziiert.
Diesem Bild entgegen zu wirken und einen Tourismus zu betreiben, von welchem sowohl Gäste als auch Gastgeber etwas mitnehmen können, wurde zu Johns zentralem Anliegen.

Die Eco-Tour II, unter dem Namen „Tanzania Culture Tours“, wird seit 2007 vom Reiseveranstalter Adventure Top Tours veranstaltet, wobei John Mataro die gesamte Reise organisiert und auch selbst als Reiseberater und -leiter vor Ort ist.
Sein Programm ist sehr vielfältig. Was mich jedoch in unserem Interview am meisten interessierte war die Tatsache, dass er mit seinen Gästen auch seinen Stamm [1], die Kurya, sowie zwei weitere Stämme besucht.
Nur ZU oft habe ich mich (v.a. in meinem Studium der Kultur- und Sozialanthropologie) mit Bildern konfrontiert gesehen, welche indigene Bevölkerungen für touristische Angebote missbrauchen ohne jenen auch nur ansatzweise ihren Stolz zu lassen – geschweige denn einen Anteil des Gewinns.

Doch John Mataro ist selbst dort aufgewachsen und hat die touristischen Entwicklungen in seinem Land genau mitverfolgt. Er kennt diese Probleme. Spricht sie auch direkt an, wenn wir auf die Thematik der Massai im Ngorongoro-Krater kommen, welche täglich von mehreren Dutzend TouristInnen „besucht“ werden. Diese würden dort hinfahren wie in ein Museum, sagt John, und die Massai würden sich zur Schau stellen, ein bisschen hüpfen und dann kassieren. Dies habe aber nichts mit der Kultur der Massai zu tun, versichert er. Diese könne man so nicht kennen lernen. Trotzdem – oder auch deshalb – fährt John mit seiner Reisegruppe auch bei den Massai vorbei. Er möchte auf die negativen Seiten des Tourismus aufmerksam machen und am besten ginge das, so John, wenn man sie ihnen vor Augen führt.
Ganz nach dem Motto „Fremde sehen – Fremde verstehen“.

Quelle: Tanzania Eco-Tours
Traditionelles Kurya-Haus (Quelle: Tanzania Eco-Tours)

Bei seinen Touren versucht er seinen Gästen ein differenzierteres Bild der einheimischen Stämme zu präsentieren. So fährt er mit seiner Reisegruppe von maximal 12 Personen zunächst zu seinem Stamm, den Kuryas (Bantu) und dem Nachbarstamm, den Luos (Niloten). John erzählt mir, dass sich die beiden Stämme gut kennen, aber auch sehr unterschiedlich sind. Beide kommen ursprünglich aus ganz anderen Teilen Afrikas: Die Kuryas kamen aus dem Kongo, wohingegen die Luos vom Nil nach Ostafrika kamen.
Auch etwas anderes unterscheidet die beiden Stämme deutlich voneinander:
Die Luos betreiben keine Beschneidung – die Kuryas schon, für Männer und Frauen.
Beschneidung ist ein stark diskutiertes Thema in und rund um viele afrikanische Länder. John Mataro ist sich dessen bewusst, und möchte mit seinen Besuchen bei den Stämmen genau dort ansetzen: Er möchte in einen Dialog treten.
Gemeinsam mit seinen Gästen und den Stammesgemeinschaften werden im freundschaftlichen Beisammensein Themen die die Menschen von Tarime betreffen, besprochen. In Gesprächen auf Augenhöhe.

Quelle: www.tanzaniaecotours.com
In Dialog treten (Quelle: Tanzania Eco-Tours)

Für John definiert „Ökotourismus“, dass beide am Tourismus teilnehmenden Seiten, Gäste wie GastgeberInnen, etwas von dem Austausch mitnehmen können sollten.
Für Johns Gäste, hauptsächlich Österreicher, sind dies vor allem Dinge wie Wasserverbrauch. In Österreich, einem Land in welchem hochwertiges Trinkwasser aus den Wasserhähnen jedes Haushalts kommt ist es oft unvorstellbar, dass die Kurya weder fließend Wasser noch Strom haben.
Bei den GastgeberInnen wiederum möchte John ein Umdenken bezüglich Themen wie Beschneidung, Gesundheit und Bildung bewirken.

Seine Gäste seien sehr interessiert sich mit den Menschen vor Ort über diese Dinge auszutauschen. Die meisten von ihnen kommen aus dem Lehrenden-Milieu, von Schulen, Universitäten oder anderen Bildungseinrichtungen. Bildung als Diskussionsthema stand somit von vornherein ganz oben auf der Liste.
Auch John ist Bildung ein Anliegen – vor allem für Mädchen. So gründete er 2008 gemeinsam mit dem Verein „Friends of Kilimanjaro Salzburg“, im Rahmen des Sozialprojekts Tarime Friends of Children Association (TFCA), den ersten Kindergarten in Tarime. Das Leitmotiv: „Schulung ist das beste Rüstzeug gegen Hunger und Armut!“.

Quelle: www.tanzaniaecotours.com
TFCA-Kindergarten in Tarime (Quelle: Tanzania Eco-Tours)

Im Kindergarten sind derzeit 5 Personen angestellt, 4 Frauen und ein Mann. Auch bei den ca. 40 Kindern versucht John mehr Mädchen als Jungen aufzunehmen, da diese in der Gesellschaft am stärksten von sozialen Problemen betroffen sind. Finanziert wird das Personal momentan zu ca. 70 % durch das Schulgeld der Eltern und zu 30 % durch Spenden.
Zwischen 3 bis 5 der Kinder sind Waisenkinder, welche zu 100 % auf Spendengelder angewiesen sind.
Die Entwicklung des Projekts, von der Idee 1990 bis hin zum Spatenstich 2006 und der tatsächlichen Eröffnung 2008, war in allen Phasen wesentlich von John Mataros ehemaligen Gästen und FreundInnen in Österreich getragen. Er erzählt mit sichtbarer Freude von dem Engagement dieser Menschen, welche in verschiedenen Teilen Österreichs selbstständig Spendenaktionen organisierten um dieses Projekt zu ermöglichen und auch weiterhin am Leben zu erhalten.

Quelle: BRG 18
Vortrag über TFCA-Sozialpriojekt
(Quelle: BRG 18)

Mein Interview mit John fand  in genau so einem Rahmen statt: Die BRG 18 in Wien organisierte ein Benefizkonzert unter der Leitung von Mag. Claudia Hickel, dessen Einnahmen dem TFCA-Projekt zugutekamen. Mag. Hickels Mutter war vor mehreren Jahren mit John in Tansania.

John Mataro hat noch einiges vor: Er möchte gerne eine Volksschule in Tarime bauen – die Vorbereitungen dafür laufen bereits. Auch möchte er seinen Stamm davon überzeugen, moderne Elemente in den Hausbau zu integrieren: Die traditionellen Kurya-Häuser hätten sich nicht weiterentwickelt, so John. Die Häuser für das Volksschul-Projekt würde er gerne in einem modernen Kurya-Stil erbauen um seiner Gemeinschaft zu zeigen, dass moderne Einflüsse und Traditionen einander nicht ausschließen, sondern ergänzen können.
Man kann sagen, dass sich dieser Ansatz durch seine „Tanzania Culture Tours“ zieht: Ein Austausch an Ideen, Meinungen & Wissen, geprägt von der Absicht einen positiven, nachhaltigen Eindruck bei Reisenden sowie „Bereisten“ zu hinterlassen.

Ich wünsche John Mataro weiterhin alles Gute dabei und bedanke mich herzlich für das Gespräch.

Wenn du Interesse an Ostafrika hast, stellt dir John Mataro gerne auch individuell maßgeschneiderte Reisen zusammen. Nähere Infos dazu und seine Kontaktdetails findest du auf seiner Homepage www.tanzaniaecotours.com.

Die Autorin des Artikels, Doris Moravec, absolviert derzeit ein Praktikum bei der Naturfreunde Internationale (NFI) in Wien. Sie hat mehrere Jahre Erfahrungen in der Tourismus- und Gastwirtschaft im In- und Ausland gesammelt sowie eine Ausbildung zur Touristikkauffrau absolviert. Zurzeit studiert sie Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien.
Ihre Interessensgebiete umfassen: Tourismus, Ethik, Frauenrechte, EZA, Nachhaltigkeit und Sprachen.
Kontakt: doris.moravec@nf-int.org

[1] Da John Mataro selbst den Begriff „Stamm“ für die Beschreibungen der betroffenen Gemeinschaften Tansanias verwendet, handelt es sich um eine emische Begrifflichkeit und ist wertfrei zu verstehen.

Ein Kommentar zu „„Fremde sehen – Fremde verstehen“

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