Die Welt zu Gast im Pirin-Gebirge

„Wir brauchen die Welt nicht bereisen, da uns die ganze Welt besuchen kommt.“

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Jedes Mal, wenn ich die „Omas“ in Pirin Gebirge in Bulgarien besuche und mit ihnen plaudere, fangen sie an die Länder aufzuzählen, von denen all ihre  „Gäste“  kommen:  „Australien, Japan, USA… Deutschland, Frankreich und Großbritannien braucht man nicht erwähnen, das ist sowieso klar…“ Ihre Augen leuchten vor Aufregung und Freude, sie erzählen weiter und weiter zahlreiche Geschichten, die sie zusammen mit Ihren Gästen erlebt haben. Sie wissen schon viel von den anderen Ländern, obwohl sie das Dorf so gut wie nie verlassen haben und sie haben weltweit gute Freunde, von denen sie immer wieder Geschenke und Grußkarten bekommen.

Gorno Dragliste und Dobarsko sind kleine Bergdörfer im Pirin-Gebirge (Südwesten Bulgariens) in der Nähe des bekannten Skiorts Bansko. Bansko war bis vor 10 Jahren auch ein kleiner ruhiger Ort mit wunderschönen alten Häusern, am Fuße des Pirin Nationalparks. Nachdem die erste Seilbahn hier gebaut wurde, entwickelte sich der Skitourismus schnell und viele Einheimische eröffneten kleine Familienpensionen und Gästehäuser. Das wurde zu dem wichtigsten Lebensunterhalt der Einheimischen, da sich die Landwirtschaft nach dem Fall des Kommunismus schlecht entwickelt hat. In den letzten Jahren wurden die Außeninvestitionen in dem Skiort immer größer, es wurden viele große Hotels gebaut, die Skipisten und Seilbahne erstrecken sich teilweise auf dem Territorium des Nationalparks, der unter UNESCO Schutz steht. Als Resultat haben die einheimischen Gastgeber viel weniger Gäste, da die All Inclusive Hotels niedrigere Preise anbieten. Außerdem vermeiden viele TouristInnen ihren Skiurlaub in Bansko zu verbringen, da der Ort seine ehemalige Atmosphäre verloren hat und jetzt wie eine Großstadt aussieht. Stattdessen übernachten sie lieber in kleinen Bergdörfern wie Gorno Dragliste und Dobarsko, die immer mehr Ruhm unter TouristInnen, Reiseveranstaltern und Medien gewinnen.

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Sind diese kleinen Bergdörfer von dem selben Schicksal wie Bansko bedroht? Ab welchem Zeitpunkt hört der Tourismus auf zur nachhaltigen Regionalentwicklung beizutragen und wird zu einer Last für die lokale Natur, Kultur und Bevölkerung? Kann man diesen Prozess bremsen, wenn er bereits in Gang gesetzt worden ist?

Mit diesen Fragen und wegen meiner Masterarbeit, die sich mit den positiven und negativen Auswirkungen des Tourismus befasste, beschloss ich mehrere Wochen in den Dörfern zu verbringen und die Probleme aus der Perspektive der lokalen Bevölkerung zu betrachten. Ich habe meine Forschungsarbeit zusammen mit Lucy McCombs, einer Forscherin von dem International Centre for Responsible Tourism in Leeds gemacht. Lucy beschäftigt sich seit Jahren mit den sozialen Auswirkungen des Tourismus  und hat eine geeignete Methodologie für diese Forschungen entwickelt (SIA – Social Impact Assessment).

Deshka's KochkuensteMeine Gastgeberin Deshka ist bekannt für ihre unverstellte Gastfreundschaft und ihre einmaligen Kochkünste. Sie hat das Dorf Gorno Dragliste berühmt gemacht indem sie immer weiter empfohlen wurde und die Aufmerksamkeit vieler bulgarischen Medien geweckt hatte. Das Dorf selbst kann den Gästen nicht viel Unterhaltung anbieten, doch es kommen immer mehr Menschen weil sie wissen, dass sie hier alte bulgarische Kochrezepte entdecken können, oder von Deshkas Mutter Weberei oder Volkstänze lernen können. Es gibt so viele Gäste, dass sie Deshka bei ihren Nachbarn unterbringen muss, da ihr Haus nicht groß genug ist. Sie hat fast die ganze lokale Bevölkerung in diese kleine grass-roots Bewegung miteinbezogen, die eine nachhaltige Tourismusentwicklung geschaffen hat. Alle Souvenirs und Lebensmittel für die Verpflegung der Gäste werden hier hergestellt,  verschiedene Koch-, Handwerker- oder Gärtnerkurse werden von den Einheimischen angeboten. Durch das Interesse der Gäste an der lokalen Kultur und Traditionen, erhöhte sich auch die Anzahl der Jugendlichen, die sich mit solchen Tätigkeiten beschäftigen wollen und sogar beschließen im Dorf zu bleiben anstatt in den Großstädten Arbeit zu suchen.

Meine GastgeberInnen geben zu, dass sie die Naturschätze, die sie in ihrer Nähe haben, erst dann zu schätzen wussten, als ihnen alle ausländische Gäste immer wieder ihre Begeisterung von der Natur Umgebung mitteilten. „Mit der Entwicklung des Tourismus entstanden viele lokale Umweltschutz-Initiativen. Die Menschen fingen an sich viel mehr Gedanken um die Umwelt zu machen. In der lokalen Schule sind auch Themen wie Biodiversität und Naturschutz  immer öfter ein Teil des Unterrichts.“ erzählt mir der Bürgermeister von Gorno Dragliste. Themen wie Nachhaltigkeit und Umweltschutz sind eher nicht Teil des Alltags in bulgarischen Dörfern, da die lokale Bevölkerung die meiste Zeit damit beschäftigt ist, einen Weg zu finden ihr Lebensunterhalt zu verdienen. In manchen  ländlichen Gebieten ist das so schwer, dass die Menschen bereit sind einen hohen Preis dafür zu zahlen. Sprich: wenn ein großer Unternehmer riesige Hotelanlagen oder einen Steinbruch bauen will, unterstützt ihn die lokale Bevölkerung ohne an die Konsequenzen zu denken. Man könnte behaupten, dass Gorno Dragliste und Dobarsko seltene Beispiele für eine sich nachhaltig entwickelnde ländliche Region in Bulgarien sind. Von einem ähnichen Szenario wie jenem in Bansko fühlen sich die Menschen dort nicht bedroht, da sie  bereits wissen, dass ihnen große Außeninvestitionen nichts Gutes bringen werden.

OLYMPUS DIGITAL CAMERADie sozialen und ökologischen Auswirkungen des Tourismus sind soweit hauptsächlich positiv. Die Menschen haben eine starke  Gemeinschaft gebildet, welche Entscheidungen zusammen trifft und gemeinsame Interessen verfolgt. Sie haben eine erfolgreiche Form des gemeinschaftsbasierten Tourismus entwickelt, ohne zu wissen dass soetwas überhaupt existiert. Wenn ich einzelne Gastgeber frage, welche Auswirkungen der Tourismus für sie persönlich hat, erwarte ich, dass die meisten Antworten sich auf das Einkommen beziehen. Doch alle erzählen mir, wie sehr sie sich über die Begegnungen mit neuen Menschen aus der ganzen Welt freuen. „Wir hatten nie die Möglichkeit zu reisen, aber jetzt brauchen wir die Welt nicht bereisen, da uns die ganze Welt besuchen kommt.“  sagt mir die 84-jährige Oma Rada aus Dobarsko, während sie für mich einen Salat aus frischen Gurken und Tomaten zubereitet, da ich nicht gehen darf ohne was bei ihr gegessen zu haben. „Wir sind mit den Gästen so beschäftigt, dass wir keine Zeit dafür haben an unsere Probleme zu denken“ ist auch eine Aussage, die fast in jedem Gespräch vorkommt.

bulgarische Traditionen kennenlernen

Was die Auswirkungen des Tourismus auf die Kultur und Traditionen angeht, ist unter vielen Kulturwissenschaftlern die Theorie verbreitet, dass Tourismus eine Kultur wirklich beschädigen kann.  In den meisten Fällen ist es schwer zu sagen ob gerade der Tourismus oder andere ausländische Eindringlinge wie Medien und MigrantInnen daran schuld sind, dass sich eine Kultur verändert hat. Schliesslich ist die Kultur keine Konstante und das Aussterben von indigenen Traditionen im Laufe des gesellschaftlichen Wandels etwas natürliches. Die negative Rolle des Tourismus besteht eher darin, diese verschwundenen Traditionen auf einer künstlichen Art wieder ins Leben zu rufen. Die sogenannte künstliche Authentizität  (Staged Authenticity – MacCannell, 1973), die normalerweise überall in Tourismuseinrichtungen zu finden ist, kommt in Gorno Dragliste und Dobarsko fast nicht vor. Die Omas tragen hin und wieder eine Tracht, die sie aber selbst vor Jahren gewebt und genäht haben, und die Volkstänze und Lieder am Abend sind keine Show, sondern ein reines Vergnügen nach ein paar Gläsern Wein.

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Green Lodge Sustainability Label (Qualitätszeichen für Nachhaltige Unterbringung in Bulgarien) wird von der Bulgarischen Assoziation für Alternativen Tourismus verliehen www.baatbg.org

Was hier wirklich 100-prozentig authentisch ist, ist die Gastfreundschaft der Menschen und ihre Freude über jeden Besuch. Hier gibt es keine TouristInnen, sondern nur Gäste. Man kann mit der Gastgeberin Deshka bei einem Kaffee in der Küche plaudern, während sie das Abendessen für die Gäste zubereitet. Man kann mit Vlado, ihrem Ehemann, im Garten arbeiten und selber das Gemüse für den Salat pflücken. Wenn man hier zu einem Stammgast wird, ist es irgendwie ganz natürlich, dass man auch im Haushalt hilft. Dann darf man aber für seine Verpflegung nicht mehr zahlen sondern nur Geschenke aus der Stadt mitbringen. Und vor allem, man kann nicht nach Hause gehen ohne eine Tasche voll mit frischem Obst, hausgemachten Kuchen, Marmeladen und Honig als Geschenk von den GastgeberInnen anzunehmen.

Maria Katelieva

Maria Katelieva, ehemalige Mitarbeiterin der NFI, hat Kultur- und Sozialanthropologie in Sofia studiert und ihre Masterarbeit über die „sozialen Auswirkungen des Tourismus auf die lokale Bevölkerung der bulgarischen Bergdörfern im Pirin Gebirge“ verfasst. Mit ihrem Eintrag ermöglicht sie uns einen spannenden Einblick in ihre Forschungserfahrungen.

Danke Maria 🙂

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