Syrien – Erinnerungen eines „Langzeittouristen“

Im Mitilärmuseum Damaskus

Das Land am Mittelmeer war in unseren Breiten nie wirklich bekannt als typisches Urlaubsziel. Im deutschsprachigen Raum kannte und kennt man Syrien als Konfliktland. Bereits das ptolemäische Ägypten kämpfte vor über 2000 Jahren mit syrischen Seleukiden um die Vorherrschaft in der Levante, danach kamen unzählige weitere Kriege mit den Römern, muslimischen Arabern, Kreuzfahrern, Osmanen und sogar Mongolen, die im 13. Jahrhundert für kurze Zeit über das Land herfielen. Nach 400-jähriger türkischer Besetzung und einigen Jahrzehnten als französisches Protektorat erlangte Syrien 1946 schließlich die Unabhängigkeit. Die Kriege gingen jedoch weiter. Konflikte mit Israel in den Jahren 1949, 1967 und 1973 isolierten das Land politisch ebenso wie die harte Diktatur von Hafiz al-Assad. 1998 betrat ich zum ersten Mal syrischen Boden. Das Land war damals noch fest in der Hand des Hafez al-Assad. Er war allgegenwärtig; auf Bildern, in Form von Statuen, in Schulen und Universitäten – überall. Die Syrer liebten ihren Vater Assad – sie mussten ihn lieben. Als er im Jahr 2000 verstarb und sein in London als Arzt ausgebildeter Sohn Bashar die Führung übernahm, sahen viele den Frühling kommen. Auch ich, denn es begann vielversprechend.

Gelebte Kultur in Syrien – Musik in einem Damaszener Restaurant

Kostete 1998 eine Simkarte für ein Mobiltelefon noch über 1000 Dollar, erhielt man sie unter Assad junior wenige Jahre später für 5 Dollar inklusive Guthaben. Auch der Zugang zum Internet wurde nahezu ristriktionslos erleichtert und in Damaskus und Aleppo begannen Kaffeehäuser und Pubs populär zu werden. Syrien erwachte zum Leben und ein Hauch von Internationalität war im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends zu spüren. Damaskus begann dem freien Lebensstil Beiruts nachzueifern und verringerte jährlich den Abstand zur libanesischen Banken-Metropole.

In der Damaszener Altstadt trafen sich nun junge Syrer mit Trampern aus aller Welt. Alte verfallende Lehmfachwerkhäuser verwandelten sich in kleine Restaurants und Boutique-Gästehäuser und der traditionelle Suk (Markt) wurde zum Treffpunkt der Welt. Wo man früher Aleppo Offenheit nachsagte, entwickelte sich diese nun viel schneller in Damaskus. Viele Mitteleuropäer studierten an der Universität Damaskus Arabistik.

2000 Jahre Geschichte – vom römischen Tempel über eine Kathedrale zur Moschee – die Damaszener Omajadenmoschee

In den 90ern des letzten Jahrhunderts begegneten Polizei und staatliche Authorität der „Freizügigkeit“ der Touristen noch mit grimmigen Gesichtern. Wenige Jahre später war es in Syriens Großstädten bereits völlig normal, auch junge syrische Paare händchenhaltend durch die Gassen der Altstädte flanieren zu sehen. „Welcome in Syria“ begann „No photo here“ abzulösen. Touristen fanden das Sinnbild arabischer Freundlichkeit vor. In den Jahren nach 2000 verachtfachte sich die Zahl der Reisenden aus dem Ausland.

Syrien stellte sich als wahre Schatzkammer des Nahen Osten dar: Museen mit tausenden Keilschrifttafeln, phönikische Siedlungen, römische Theater, byzantinische Kathedralen, 1500 Jahre alte Klöster, arabische Festungen, prachtvolle Moscheen, Kreuzritterburgen, mamelukische Paläste, osmanische Märkte, lebendige Dampfloks der Hedschaseisenbahn und natürlich syrische Esskultur, Musik, Tänze, Handwerkskunst, Teppiche und vieles mehr.

In den Armenvierteln von Damaskus zog der wirtschaftliche Umschwung nie ein

Doch mit der Modernisierung und Öffnung entwickelte sich auch ein neues Problem – die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich in der Bevölkerung. Nicht alle konnten am neu gewonnenen Reichtum teilhaben, auch nicht am Tourismusgeschäft. Bevorzugt waren all jene, die schon in Zeiten der Diktatur von Assad senior ihre Beziehungen zu den „richtigen“ Stellen hatten. Diese Verbindungen blieben erhalten. Die Liberalisierung erreichte nur Privilegierte. Es wuchs der Unmut in ärmeren Schichten und auch unter Intellektuellen, die diese Kluft als unfair empfanden. Es kam zu ersten Protesten.

Wie aus tausend und einer Nacht – Blick vom Damaszener Hausberg Qassioun

Zwei Jahre später: 70,000 Tote, Verwüstung, Zusammenbruch des Tourismus und der Wirtschaft. Krieg. Diesmal jedoch richten sich die Kanonen nicht gegen Israel. Syrien versinkt im Bürgerkrieg. Die einen fordern nun ihren Anteil, die anderen kämpfen um den Erhalt ihrer goldenen Schäfchen. Auf der Strecke geblieben sind wie immer die Humanität, Demokratie und Freiheit. Zu den Mächten aus dem eigenen Land gesellen sich nun auch noch Mächte aus dem Ausland. Radikale Islamisten, Plünderer, Kriegsopportunisten und die sogenannten Schutzmächte der Freiheit und Stabilität. Egal ob Russland oder USA, Türkei oder Iran, Qatar oder Libanon, sie wollen alle nur Frieden – sagen sie. Und je mehr sie von Frieden reden, desto weiter rückt dieser in die Ferne. Sie wollen Einfluss im zukünftigen Syrien. Kontrolle. Syriens Erdgas, Öl und die Eliminierung iranischer Interessen sind wichtiger als Demokratie und Humanität. Diese hat Syrien bereits mit dem ersten Schuss verloren. Es wird auch keine geben in nächster Zukunft.

Ich erinnere mich nun an die Worte eines syrischen Freundes aus dem Jahr 2005: „Syria will fall apart in a civil war, my friend“, sagte Marwan, ein intellektueller Damaszener Christ, damals zu mir. Wir unterhielten uns oft stundenlang über das Weshalb seiner Mutmaßungen. Ich konnte es damals nicht glauben. Wie kann ein Land, dessen Menschen alle gleichsam freundlich, höflich, hilfsbereit erschienen und uns Touristen wie wahre Gäste behandelten, je in einen blutigen Bürgerkrieg abgleiten. Marwan hat rechtbehalten. Er wanderte bereits vor dem Krieg nach Kanada aus. Viele andere Gebildete haben es ihm gleichgetan und ihre Heimat verlassen.

Gibt es eine Lösung, ein Danach, eine Versöhnung, erneuten Tourismus? Ich wünsche es so sehr. Nicht nur für die Syrer. Ich wünsche es mir für die Welt und auch für mich selbst, damit ich Syrien wieder einmal so sehen und erleben kann, wie in den 5 Jahren die ich dort zwischen 1998 und 2007 verbrachte; vor dem Krieg. Und wieder denke ich an Marwans Worte: „Enjoy our beautiful country now, my friend! In a few years it will be too late…”. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt, wenn sie nicht von Verrückten hingerichtet wird.

Hedjaz Trip Derra Bosra077a

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