Grand Canyon

Als ich am 10. November 2010 zum ersten Mal in Muscat landete, wusste ich noch nicht viel über den Oman. Wikipedia verriet mir, dass das Land am südöstlichen Spitz der arabischen Halbinsel mit 310,000 km² nicht ganz viermal so groß wie Österreich ist und weniger als 3 Millionen Menschen dort lebten. Dennoch freute ich mich schon Monate vorweg auf die endlosen Sanddünen und die bizzare Bergwelt. Was es alles zu sehen gäbe, verriet mir bereits im Sommer die Reiseliteratur, die ich mir zulegte. Immerhin wusste ich seit dem Frühjahr 2010, dass mich mein nächster Job in dieses Land bringen würde. Damals sagte ich zu, als Mitglied eines kleinen Entwicklungsteams in den Oman zu gehen. Tourismus sollte mein Fachbereich sein, den ich mit anderen Kollegen abdecken würde…

Es dauerte dann mit vielen Verzögerungen bis Anfang November, bis ich physisch im Oman ankommen sollte. Psychologisch befand ich mich schon Monate vorher auf der Reise in den Orient. Nach Syrien, Israel, Libanon und Jordanien würde der Oman das fünfte Land im Nahen Osten sein, welches ich näher kennenlernen dürfte. Arbeit und Abenteuer für mindestens tausend und eine Nacht warteten.

Die ersten beiden Monate ließen mich schließlich einen Oman erleben, der meine kühnsten Vorstellungen eines Wüstenparadieses noch übertraf. Jedes Paradies hat aber auch seine Schattenseiten und diese will ich meinen Lesern in den kommenden Artikeln ganz bewusst nicht vorenthalten. Das Erkennen, Aufzeigen und Diskutieren von Missständen kann helfen, diese zu beseitigen. Ich verfolge deshalb auch konsequent diese Devise, ohne aber unvernünftig ein Land, seine Bewohner und Besucher grundlos anzuprangern. Das würde nirgendwohin führen.

Omans Grand Canyon
In luftigen Höhen in den Grand Canyon

Genug der Philosophie. Auf in die zerklüftete Bergwelt des Oman!

Wer in den Grand Canyon wandern will, muss kein hartgesottener Bergsteiger sein, sollte aber schon mit spektakulären Abgründen umgehen können. Es ist hier nicht die Rede von Amerikas Naturwunder Nummer eins, dem Grand Canyon in Colorado. Auch der Oman hat seinen Grand Canyon, über 1000 Meter tief und mehrere Kilometer lang. Hier wie dort widerspiegeln die Felswände Millionen von Jahren unserer Erdgeschichte und hier wie dort stehen Touristen begeistert und mit Schaudern am Abgrund.

Omans Canyon – kartographisch „Wadi An Nakhur“ genannt – ist kaum von Reisenden überlaufen. Wir, eine Gruppe elf Frau und Mann hoch, trafen auf kein Dutzend anderer Wanderer, als wir Anfang Jänner unseren Trek am Abgrund des Canyons machten. Dabei wäre der gut erhaltene Eselspfad entlang der Felswände recht einfach zu begehen. Er ist gut markiert und in einer kleinen Wanderkarte vom Tourismusministerium beschrieben. Ausgangspunkt für mehrstündige Märsche in den Grand Canyon ist entweder ein kleines Dorf namens Al Khitaym auf 1850 Metern Seehöhe oder das Dorf Ghul weiter unten auf 800 Metern. Verlaufen kann man sich entlang der Wege W6 und W6a kaum. Die gelb-weiß-rot auf Felsen gepinselten Wegmarken sind nicht zu übersehen.

Wadi An Nakhur Map
Ausschnitt aus den guten Faltkarten des Ministeriums
Wegmarkierung im Oman
Hier gehts lang

Markiert und dokumentiert wurden die Wanderwege erstmals professionell vor wenigen Jahren unter Aufsicht von Reinhard Siegl, einem engagierten Steirer, der seit nunmehr 20 Jahren im Oman lebt. Reinhard ist auch diesmal unser Guide. Er ist wie ich im bevorstehenden Entwicklungsprojekt in der Sparte Tourismus involviert. Es gibt kaum jemanden, der die Naturschönheiten des Oman besser kennt und versteht als Reinhard. Dementsprechend groß ist auch seine Sorge um die Erhaltung dieser Juwelen. Reinhard hat in den Jahren 2003 und 2004 im Auftrag des Ministeriums über 100 Kilometer Wanderwege im Western Hadjar Massiv renoviert, markiert und Karten mit Wegbeschreibungen entworfen.

Sonnendächer im Grand Canyon
Reinhards Rastplätze entlang der Wanderwege

Es wurden entlang der Wege auch Sonnendächer mit Sitzbänken aus den natürlichen Materialien Stein, Holz und Barusti gebaut. Barusti-Matten für Hüttenbau werden im Oman traditionell hergestellt, indem man Dattelpalmenzweige über Dampf geradebiegt und verarbeitet. Eine Reihe von „Berghütten“ mit omanischer Architektur würden sehr gut ins Konzept passen. Pläne bestehen ja bereits. Dieser Eingriff in die Natur müsste aber gut geplant und beaufsichtigt werden. Unterstützung erhielt Reinhard Siegl bei der Renovierung der Pfade vom Oman Tourism College (OTC) und vielen anderen Helfern. Zehn handliche Wegbeschreibungen waren das Ergebnis und diese sind nun auch im lokalen Buchhandel erhältlich. Wir hoffen beide, dass dies nur der Anfang einer viel größer angelegten Schaffung von neuen Wegen ist, fürchten aber ebenso den Impakt auf Landschaft und Natur. Von Reinhards anderen viel umfangreicheren Projekten rund um die omanische Höhlenwelt werde ich in weiteren Blogs noch berichten.

Wo Wege entstehen und Touristen wandern, fällt zwangsläufig auch Müll an. Das Verständnis für die Sauberhaltung der Natur steckt im Oman noch in den Kinderschuhen. Unser Marsch in den Grand Canyon war wahrlich grandios. Meine Blicke vielen jedoch immer wieder auf achtlos entsorgte Wasserflaschen und Dosen.

Umweltverschmutzung
Sogar im Oman auf 2000m zu finden…

Schuldig werden wohl alle sein – Touristen, Guides und Einheimische. Der Oman möchte den Tourismus zu einer treibenden Kraft in der Wirtschaft machen und bekennt sich auch zu Ökotourismus und Nachhaltigkeit. Der Weg dorthin, fürchte ich, wird aber steiniger als die Initiatoren der Entwicklung dies sehen. Schnell ist eine Region von Reisenden überlaufen und noch schneller verliert sie dann an Attraktion, wenn Müllhalden ihre Wege säumen. Unsere Entwicklungsvorschläge werden dahingehend auch  Konzepte zur Müllentsorgung und Bewusstseinsschaffung beinhalten.

Ich möchte gleich beim Thema bleiben. Das Bewusstsein einiger Touristen für verantwortungsvolles Verhalten auf Reisen lässt öfters zu wünschen übrig. Das ist kein Geheimnis. Folgende Anekdote wird aber auch euch die Köpfe in Unglauben schütteln lassen.

Ziegen überall
Ingrid zeigt es vor: Vollkornkekse oder Karotten sind gesünder als Papier

Nach einer kalten Nacht auf 2000 Metern Höhe im netten Jabal Shams Resort des Tourismusministeriums saßen wir bereits um 7 Uhr am Frühstückstisch. Das großflächig verglaste Restaurant bot einen herrlichen Blick auf die schroffe Bergwelt, die von zarten Rottönen der Morgensonne übermalt war. Draussen liefen langhaarige Ziegen vorbei und warfen hungrige Blicke auf unser morgendliches Mahl. Wir trauten unseren Augen nicht, als plötzlich ein Tourist mittleren Alters eine Ziege mit Papierblättern fütterte und seine Begleiterin dies auch noch filmte! Ingrid aus unserer Gruppe stellte die beiden kurz darauf beim Frühstück zur Rede und bekam diese Erklärung geliefert:

Am Vortag versuchte eine Geiß dem holden Homo Touristicus aus Kärnten ein Stück Papier aus der Hosentasche zu klauen. Das fanden die beiden so lustig, dass sie beschlossen, die Szene nachzustellen und zu filmen. Wenn die Ziegen schon freiwillig Papier fressen, weshalb sie dann nicht für ein tolles Urlaubsfilmchen füttern!? Eine großartige Idee! Sie reiht sich direkt hinter Affen in Thailand ein, die mit Alkohol beglückt werden. Mein Bedauern galt nicht nur den Ziegen, sondern auch der Tatsache, dass die beiden Ignoranten aus Österreich waren. Mögen sie diese Zeilen im Internet doch finden.

Reinhard Siegl im Gespräch
Reinhard Siegl (re) im Gespräch

Man sieht, es gibt genug zu tun im Tourismus und seiner Entwicklung. Der Oman ist keine Ausnahme und selbst Europa sollte sich öfters seiner gut gemeinten Prinzipien neu besinnen. Nur gelebte Nachhaltigkeit ist nachhaltig und nur bewusst praktizierte Vorantwortung trägt Früchte. Damit es nicht bei leblosem Geblabber bleibt, dafür werden Reinhard, seine Freunde und ich schon sorgen.

Mehr Info zu Trekking im Oman mit Reinhard Siegl gibts unter:
www.trekkingoman.com

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