Tourismus und Frieden – der Tempelkrieg

Vor 1000 Jahren wussten die Priester und Baumeister des einst riesigen Khmer-Reiches nicht, was sie anrichteten, als sie hinduistisch-religiöse Tempelanlagen auf einer Hügelkette nördlich der grandiosen Hauptstadt Angkor errichteten. Sie konnten nicht einmal erahnen, dass sich Jahrhunderte später zwei unabhängige Nationen um genau diese Tempelanlagen streiten würden: Thailand und Kambodscha. Die Namen der Tempel: Prasat Preah Vihear und Prasat Ta Muean Tom. Grund der Uneinigkeit: Das ist eine lange Geschichte…

Ort des Konflikts - die lange Grenze zwischen Thailand und Kambodscha
Ort des Konflikts – die lange Grenze zwischen Thailand und Kambodscha

In den Jahren 1904 bis 1907 wurde die Grenze zwischen dem damaligen Siam und französischen Kolonialprotektoraten (heute Laos und Kambodscha) neu festgelegt. Frankreich und Siam einigten sich 1904 auf die Entsendung von gemischten Vermessungsteams, die die Grenze entlang der Wasserscheide auf der Dongrek Hügelkette bestimmen sollten. Das Siamesische Königreich hatte jedoch keine ausgebildeten Kartographen und fragte daher Frankreich, bei der Erstellung von Kartenmaterial unterstützend zu wirken. Das tat Frankreich auch und zeichnete den Tempel Prasat Preah Vihear als kambodschanisches Besitztum ein. Topografisch gesehen machte dies weder Sinn, noch entsprach es der statuierten Wasserscheide. Abweichungen von dieser waren aber in speziellen kulturellen und sozialen Fällen möglich, damit es zum Beispiel nicht zu Trennung von Ortschaften oder Liegenschaften kam. Preah Viharn kann als solcher Spezialfall gesehen werden – kulturell zählt dieser Tempel sicher zum Khmer-Reich und damit zu den Vorfahren des heutigen modernen Kambodscha. Der Tempel liegt auf dem höchsten Punkt eines Hügels, der von Thailand aus flach ansteigt und nach Kambodscha hinunter als senkrechte Klippe abfällt. Mag sein, dass Regenwasser teilweise wirklich über die Klippen hinunter nach Kambodscha abrinnt.

Die kontroversielle Karte selbst wurde von Siam nie formell akzeptiert, der finale Grenzvertrag aber 1908 ohne Prostest von der siamesischen Regierung unterzeichnet. Siam befand sich damals „im Glauben“, die französische Grenzziehung wäre gemäß der vereinbarten Bedingungen (Wasserscheide) vonstatten gegangen und damit fair. Erneute Vermessungen und Geländebeurteilungen der Thais in den Jahren 1934-35 fanden den Tempel auf thailändischem Staatsgebiet liegend. Thailand jedoch publizierte und verwendete weiterhin die alten französischen Grenzen und legte keinen Protest bezüglich Prasat Preah Vihear ein. Frankreich und die internationale Staatengemeinschaft sahen in der Anerkennung der französischen Grenze und in Abwesenheit offizieller Proteste gegen die alten Kartenwerke eine Aufgabe des Gebietsanspruches Thailands für Preah Vihear. Für Thailand war die Angelegenheit über Jahrzehnte hinweg jedoch auch einseitig klar: Man administrierte den Tempel als thailändisches Kulturgut.

Nachdem Thailand in den 50er-Jahren Preah Vihear militärisch besetzte, ging von Kambodscha 1959 ein Antrag um Klärung an den Internationalen Gerichtshof. Dieser entschied 1962 unter Berufung auf jahrzehntelang fehlende thailändische Protestnoten, und im Einklang mit den alten französischen Karten für Kambodscha.

Neben Preah Vihear befindet sich auch Prasat Ta Muean Tom auf der Grenze zwischen Thailand und Kambodscha
Neben Preah Vihear befindet sich auch Prasat Ta Muean Tom an der Grenze zwischen Thailand und Kambodscha. Auf welcher Seite, ist bei letzterem noch zu klären.

Prasat Preah Vihear mit seiner spektakulären Lage auf der hohen Felsklippe war von kambodschanischer Seite ohne Benützung thailändischen Territoriums lange nicht erreichbar.  Es wurden daher über viele Jahre hinweg immer wieder mündliche Vereinbarungen getroffen, die Thailand die Aufsicht und Instandhaltung der Tempelanlage zusprachen. Ein offizieller Besitzanspruch kann sich darin aber nur schwer begründen. Mit dem wachsenden Touristenstrom in die Region und der steigenden Popularität Preah Vihears als Ausflugsziel, begann man in beiden Ländern nun den Geldsegen zu sehen. In den vielen Jahren seit Preah Vihearn touristisch von Thailand aus zugänglich ist, gab es immer wieder Perioden des Konflikts und der Schließung der Anlage. Auseinandersetzungen entstanden nicht nur aus militärischen Gründen, wie in den 80er und 90er-Jahren, als noch Zellen der Roten Khmer-Rebellen das kambodschanische Gebiet um Preah Vihear kontrollierten. Ich erinnere mich noch gut an die Anbahnung von Problemen, als die Thais kambodschanischen Souvenierverkäufern den Zugang zum Tempel über einen thailändischen Weg verweigerten. Die Aussage der Thais damals: Von den Kambodschanern würde die Umgebung des Tempels und somit auch thailändisches Territorium verschmutzt… So unrecht hatten die Thais da gar nicht.

Der Konflikt eskalierte vor etwas mehr als einem Jahr, als der kambodschanische Antrag an die UNESCO um die Aufnahme Preah Vihears in die Liste der Weltkulturerbestätten angenommen wurde. Thailändisch-kambodschanische Vereinbarungen rund um den Tempel wurden kurz vor Genehmigung des UNESCO-Antrages von den Thais als verfassungswidrig erkannt und einseitig annuliert. Umstritten ist nunmehr nicht so sehr der territoriale Anspruch des Tempels selbst, sondern die Zugehörigkeit weiterer 4,6 Quadratkilometer Land in unmittelbarer Nähe der Ruinen. Leittragende des Konflikts sind seit jeher die Familien der bisher gefallenen und verwundeten Soldaten beider Seiten, und auch der gesamte Tourismus.

Sollten sich die beiden Länder nicht über einen bilateralen, uneingeschränkten Zugang zum Tempel für Touristen einigen können, wäre der Ernennung der Anlage zum Weltkulturerbe nicht wirklich Genüge getan. Ultranationalisten in beiden Ländern versuchen nachwievor, eine Einigung der Regierungen Thailands und Kambodschas zu torpedieren. Während die einen auf das alte Khmer-Reich und dessen Anspruch auf weite Teile Thailands pochen, erklären andere die franko-thailändische Vereinbarung von 1908 (und die Karte von 1907) als Diebstahl des Tempels durch Frankreich und somit Kambodscha. Dabei würden beide Nationen vom sicheren und freien Tourismus in dieser abgelegenen Region profitieren.

Zur Zeit eskortieren Thai-Soldaten jeden Touristen durch Prasat Ta Muean Tom. Der Eintritt ist frei.
Zur Zeit eskortieren Thai-Soldaten jeden Touristen durch Prasat Ta Muean Tom. Der Eintritt ist frei.

Nach Abschluss meiner Mekongreise durch Nordostthailand wollte ich mir vor wenigen Tagen selbst ein Bild von Preah Vihear und seiner derzeitigen touristischen Entwicklung machen. Erfolglos – der Zugang zum Tempel war gesperrt. Ich musste auf eine zweite, weitaus weniger bekannte Anlage etwa 150 km weiter westlich ausweichen: Prasat Ta Muean Tom. Auch hier ist die Grenzziehung von Disputen umwirbelt. Zur Zeit wird dieser Khmer-Tempel im Urwald an (oder auf) der Grenze von der thailändischen Armee bewacht. Das Gebiet um die von Thailand restaurierten Ruinen ist gesperrt – alte Minenfelder sind der Grund. Touristen werden von den Thais zwar eingelassen, bekommen aber einen unbewaffneten Vertrags-Soldaten der Thai-Armee als Begleiter zugewiesen. Als ich Prasat Ta Muean Tom besuchte, saßen keine 10m hinter dem hohen Tempelportal auch einige kambodschanische Soldaten. „Sie sorgen dafür, dass kein Tourist hinunter nach Kambodscha läuft. Wir hatten dieses Problem bereits.“, bekomme ich zu hören.

Diese Tafeln rund um Ta Muean Tom bezeichnen die Minengefahr
Diese Tafeln rund um Ta Muean Tom bezeichnen die Minengefahr

„Die Gefahr ist nicht, dass jemand am helllichten Tag angeschossen wird, sondern die Minen im ungeklärten Waldgebiet rund um den Tempel.“, erläutert mein Thai-Armee-Begleiter weiter. Meine Frage, wem nun der Tempel gehöre, beantwortete der Soldat mit Diplomatie: „Es gibt mehrere Kartenversionen. Wir sind gerade dabei, die Grenze mit den Kambodschanern neu und entgültig zu markieren.“ Von einer anderen Quelle erfuhr ich später, dass auch Prasat Ta Muean Tom von Kambodscha beansprucht wird und bereits flott an einem Zugangsweg gebaut wird.

Zu allem Überdruss gibt es dann sogar noch einen dritten, kleinen Tempel direkt auf der Grenze. Dieser, der Name ist mir leider nicht bekannt, ist auf keiner guten Straße erreichbar und touristisch auch nicht erschlossen, wird aber dennoch von den Armeen beider Länder bewacht, oder besser: beobachtet.

Im Fall von Prasat Preah Vihear sieht es leider so aus, als hätte der Tourismus nicht zum Frieden beigetragen, sondern den Konflikt über Jahre hinweg erst richtig angefacht. Ob sich Kambodscha und Thailand wirklich im Sinne der Völkerverständigung und des „grenzenlosen“ Tourismus einigen werden, ist offen. Beide Seiten argumentieren zwar für die Bereinigung des Disputs, so richtig glauben will es hier in Südostasien aber keiner. Zu tief sitzt das Misstrauen in den Gehirnen der Politiker. Solange Jahrhunderte alte Ressentimente den Umgang miteinander bestimmen, wird auch der Tourismus nicht konfliktklärend wirken können. Das haben aber weder die Lokalbevölkerung, noch die Tempelanlagen selbst verdient.

Nachleselink: Entscheidung des Internationalen Gerichtshofes um Preah Vihear

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