Mekong-Geflüs(s)ter

Ich fürchte, die Faszination des Mekong hat auch mich gefangen genommen. Je länger ich diesen mystisch-idyllischen Fluss bereise, desto mehr Geschichten über seine trägen, tiefen Wasser bekomme  ich zu hören. Sie werden mir von einfachen Menschen erzählt, von Fischern, Bootsfahrern, Gästehausbetreibern und jenen, die am Ufer leben und den Fluss täglich beobachten. All diese Geschichten machen den Mekong lebendig, geben ihm eine Seele, einen Grund zu fließen und schließlich tausend Gründe, ihn zu schützen und vor der allmählichen Zerstörung zu bewahren. Sein langsamer Tod hat jedoch schon begonnnen, oben in China auf den ersten 1500 Kilometern. „The mighty Mekong“ hieß er dort einst – der gewaltige Mekong.

Chinas noch gewaltigere Macht hat den Fluss gezähmt, und das ist erst der Anfang des Übels. Drei Staudämme sind bereits fertig gebaut, fünf weitere sollen bis zirka 2017 folgen, alle in China. Und wieder – es ist nur der Anfang. Der Energiedurst des Reiches der Mitte verlangt nach mehr und mehr Strom für die unkontrolliert wachsende Industrie der Nation. Nach der Einbetonierung der eigenen Flüsse wirft China seine Augen nun auf Laos, Thailand und Kambodscha. Der in diesen Ländern nach wie vor ungebändigte Mekong ist wie ein gefundenes Fressen für den industriellen Riesen China, frisch und ungebraucht serviert auf dem silbernen Tablett durch törichte oder geldhungrige Politiker und deren Freunde der Bauindustrie. Nutznießer der Energieversorgung aus den Staudämmen werden jedoch auch Thailand, Vietnam, Laos und Kambodscha sein.

Die Politiker und Bauherren sehen lediglich den Fluss des Geldes aus dem Dammbau und den Verkauf der Energie. Für die damit entstehenden Probleme rund um den Mekong sind sie blind. Sie alle leben ja nicht oben am Fluss, fischen nicht ihre täglichen immer weiter schwindenden Mengen Barsche und Welse aus den Fluten des Mekong, und sie betreiben keine kleinen Gästehäuser am Ufer, die beim Notablassen von Wasser aus den chinesischen Staudämmen binnen weniger Stunden zur Hälfte unter Wasser stehen, so wie im August 2008. Damals erreichte der Wasserstand am 13. August um 18 Uhr in Chiang Khong unglaubliche 13.07 Meter bei der offiziellen Messstelle. Miss Gung vom Tamila Gästehaus hat den Punkt markiert und beschriftet. Der normale Pegel steht bei etwa 6 bis 7 Meter am Höhepunkt der Regenzeit im August/September und bei 1.5 bis 2 Meter während der trockenen Monate Dezember bis April.

Hochwassermarke an der Waschküche des Tamila Gästehauses in Chiang Khong
Hochwassermarke an der Waschküche des Tamila Gästehauses in Chiang Khong

Ich habe mir die Sorgen der kleinen Leute am großen Fluss jeden Tag meiner Reise angehört, ihre Kommentare niedergeschrieben und ihren Ärger aus den Augen abgelesen. Und ich habe von Beginn an beschlossen, ihre Geschichten nicht ungehört und ungelesen in meinen Notizbüchern versanden zu lassen. Trotz der Schwere unserer Anschuldigungen über die unverantwortlichen Handlungen der lokalen Politik und Industrie klingen unsere Worte aber wahrscheinlich nur wie leises Geflüster, so leise wie das Wasser des Mekong hinabströmt.

Sakorn, 34, Fischer aus Nong Khai: „Ich fische seit 20 Jahren und ich weiß nicht, ob es weitere 20 werden. Aber ich habe keine andere Ausbildung. Seit 10 Jahren fange ich jedes Jahr weniger Fische. Als ich jünger war, konnte ich in wenigen Stunden vor und nach Sonnenuntergang über 10 Kilo Fisch aus dem Mekong holen. Heute fische ich studenlang am Morgen und dann wieder am Abend, aber ich fange selten mehr als 3 oder 4 Kilo.

Noch gibt es hartnäckige Fischer am Mekong
Noch gibt es hartnäckige Fischer am Mekong

Auch das Wasser ist anders geworden, seit China die Dämme gebaut hat. Früher war es in der Regenzeit gelblich und grau, so wie diese Hausmauer da drüben. Diese Farbe kommt vom Sand in den Bergen Tibets. Heute ist das Wasser rotbraun von der Erde der entwaldeten Berge in Laos. Der helle Sand bleibt in China in den Staudämmen zurück. Das ist nicht gut für die Fische. Ich weiß nicht warum, aber es ist nicht gut. In Laos holen sie auch immer weniger Fische aus dem Fluss. Sogar die Sandbagger in Laos sagen, dass der Fluss anders geworden ist; der Sand, den sie nun am Ende der Regenzeit aus dem Mekong graben, ist nicht wie früher. Es ist viel Erde dabei und es ist auch viel weniger geworden.
Vor Jahren waren wir über 30 Fischer in Nong Khai, sieh doch selbst – heute sind wir keine 10 Männer. Mit dem Netz fischt auch niemand mehr. Ich würde gerne aufhören zu fischen, aber ich habe nichts anderes gelernt. Meine Frau arbeitet in einem Restaurant unten am Flussufer; wir leben vom Mekong!“

Jaensom Ninsara, 50, Restaurantbesitzerin in Chiang Khong: „Die Chinesen wollen unsere Felsen in den Stromschnellen wegsprengen und die Koreaner holen sie aus dem Fluss in Laos und stellen sie vor ihre Firmeneingänge in Seoul. Das muss ein Ende haben. Der Mekong ist kein Steinbruch. Für die Koreaner haben die Steine magische Kräfte, deshalb wollen sie sie haben. In Laos schleppen sie Felsen davon, die mehrere Tonnen schwer sind, das ist verrückt. Sie kommen mit riesigen Kränen und Lastwägen und arbeiten tagelang, um einen schwarzen, schön geformten Felsblock aus dem Ufersand zu befreien. Selbst hier in Thailand werden kleinere Steinblöcke aus dem Mekong gehievt, obwohl es illegal ist. Ich verstehe dies teilweise sogar, denn was sollen die Menschen hier verdienen, wenn der Fluss immer weniger Fische liefert.

Flusskunstwerk aus Basalt
Flusskunstwerk aus Basalt

Auch wir Menschen in Chiang Khong glauben an die Macht des Wassers und der Steine im Mekong. Wenn der Fluss weniger Wasser führt, im Jänner oder Februar, kommst du wieder nach Chiang Khong und wir fahren mit dem Boot hinauf Richtung Had Bai. Dann zeige ich dir den Buddha-Felsen. Den hat das Wasser des Mekong geschliffen, weil an jener Stelle seit Jahrhunderten die Leichen der Chinesen und Burmesen angeschwemmt werden. Früher waren viele der Toten Opfer aus dem Drogenkrieg und aus dem Laoskrieg und noch früher aus dem Zweiten Weltkrieg. Heute fischt man weniger Leichen aus dem Fluss und es sind keine Laoten oder Thais dabei, die driften woanders ans Ufer. Der Fluss hat eine Seele und er lässt niemanden verschwinden. Dort oben gibt er die Ertrunkenen zurück und hat ihnen einen Buddha aus dem Fels geformt. Nun will China für eine Fahrrinne diese Felsen wegsprengen. Damit sprengen sie auch unsere Geschichte weg.
Ich erzähle dir auch noch vom Elefantenfelsen und vom Tigerfelsen: Es gibt eine Stelle, wo die Elefanten seit ewigen Zeiten über den Mekong queren, weil der Fluss dort langsam fließt und in der Trockenzeit sehr seicht ist. Wie bei der Buddhaskulptur hat das Wasser dort einen Elefanten aus einem Felsen gemacht. Wenn du weißt, wo der Felsen ist, kannst du in der Trockenzeit die Elefanten beobachten, wenn sie zwischen Laos und Thailand den Mekong überqueren. Der Tigerfelsen hingegen ist dort, wo früher die Tiere zum Tränken ans Ufer kamen. Heute gibt es kaum mehr Tiger, aber dieser Stein wird ewig dort sein.  Zumindest solange, bis ihn ein Koreaner ausgräbt und mitnimmt. Ich schwöre dir, die Felsen aus dem Fluss zu stehlen bringt Unglück. Sie werden von Geistern bewohnt und man lässt sie besser dort, wo sie sind.“

Chris und Diane Nobbs, 60 und 62, Australien, seit 2 Jahren in Chiang Khong: „Wir haben unser Haus mit der Yogaschule direkt an der Mekong-Uferböschung, aber zum Glück etwas höher oben. Das Hochwasser Mitte August 2008 hat uns nicht erreicht, aber weiter flussabwärts und drüben in Laos wurden einige Hütten einfach weggerissen. Das Wasser ist unglaublich schnell gestiegen, so etwas kommt nicht von Regenfällen allein. In China hat man die Dämme geöffnet und mit den Wassermengen aus den Nebenflüssen in Laos, Burma und Thailand ist der Mekong dann über die Ufer getreten. Die Einheimischen sagen, dass es schlimmer war als während des Hochwassers von 1966. Einigen Fischern hat es die Boote weggerissen, sie haben einfach nicht mit solchen Fluten gerechnet und vor allem nicht mit dem rapiden Wasseranstieg. Ich habe gehört, dass ein paar Fischer nur 2000 Baht (= 44 Euro) Kompensation für den Verlust eines Bootes bekommen haben – damit könnten sie nicht einmal die Farbe für ein neues Boot kaufen.
Unsere Nachbarn hatten Glück im Unglück: Sie betreiben ein kleines Restaurant weiter unten am Uferhang. Ihr Haus blieb zwar stehen, aber nach der Flut hatten sie 30 Zentimeter Sand und Schlamm auf dem Fußboden.“

Patipat Phichitsopon, 45, Mitbesitzer des „Rai Saeng Arun Resort“ bei Ban Had Bai, Chiang Khong: „Der Müll im Fluss ist ein riesiges Problem. Seit die großen Frachtschiffe aus Jinghong in China nach Chiang Saen in Thailand kommen, hat sich der Unrat im Fluss vervielfacht. Die Bootsleute aus China nehmen neben ihrer gut verpackten Fracht auch privat Gemüse und Obst aus China mit, um es unschlagbar billig auf thailändischen Märkten verkaufen zu können. Diese Waren werden in dünnen Styroporboxen per Schiff gebracht und die Chinesen werfen diese Einweg-Boxen nach Gebrauch spätnachts und ungestraft einfach in den Mekong. Ich miete mehrere Male pro Jahr ein Boot in einem Dorf der Muser (Anm.: indigener Volksstamm in der Region) weiter unten am Fluss und wir sammeln dann die Reste der Boxen an den Ufern und im Gestrüpp auf einer Insel nahe des Resorts wieder ein.

Kaum zu übersehen ist der weiße Styropormüll aus China
Kaum zu übersehen ist der weiße angeschwemmte Styropormüll aus China

Ich lehre die Lokalbevölkerung auch, auf die Sauberkeit am Fluss und in ihren Dörfern zu achten. Wenn Touristen kommen und in einer Homestay-Unterkunft übernachten, werden sie wieder kommen, wenn es im ganzen Dorf sauber und gepflegt aussieht. Mit dem Fluss verhält es sich ähnlich. Ich habe einen großen, offen gebauten Konferenzraum aus Holz direkt unten am Fluss – wie oft glaubst du, werden Gäste wiederkommen, wenn sie von der Veranda hinunter auf weiße Abfalltrümmer blicken. Die unberührte Schönheit und Ruhe des Mekong ist unser aller Kapital.“

Blick vom Öko-Resort
Blick vom Öko-Resort „Rai Saeng Arun“ auf den Mekong

Während der Welt-Ökotourismus-Konferenz in Vientiane vor einer Woche hatte ich Gelegenheit, einige Delegierte und Sprecher mit den Sorgen der Anrainer des Mekong zu konfrontieren. Manche Anworten waren so bedrückend wie die Probleme des Flusses selbst.

Ich fragte Yu Dingcheng, Generaldirektor der Tourismusbehörde Yünnans, sehr sanft, ob der Dammbau am Mekong irgendwelche negativen Auswirkungen auf den Tourismus in Yünnan haben würde. „Nein“, antwortete er mir, „der Mekong war früher ein wilder Fluss. Jetzt haben wir ihn unter Kontrolle. Es gibt nun keine Überschwemmungen mehr in der Regenzeit.“ Ach ja… nun gut, so soll es wohl sein. Ich fragte weiter, wie er denn die Sprengungen der Stromschnellen zwischen Jinghong und Chiang Saen sehen würde und ob dies vielleicht Auswirkungen auf den Tourismus haben könnte. Wieder „Nein“. Dafür stellte mir Yu Dingcheng die Gegenfrage, ob ich selbst Zerstörungen am Fluss gesehen hätte. Die Felssprengungen betreffend konnte ich nicht antworten; ich kannte den Fluss ja nicht vor diesen Veränderungen. Aber ich erwähnte den Müll chinesischer Frachtschiffe und fügte hinzu, dass dies sehr wohl einen direkten Zusammenhang mit den Felssprengungen hätte – keine Entfernung der Felsen, keine Kargoschiffe, kein Müll. „Ja, wir müssen mehr Aufklärungsarbeit leisten.“, war die blanke Antwort meines Gesprächspartners. Daraufhin stand er sichtlich genervt auf und verließ den Mittagstisch der Konferenz, den wir zufällig miteinander teilten. Der Mekong spielt bei der chinesischen Tourismusbehörde offensichtlich keine Rolle in der Bewerbung der Provinz Yünnan. Ich fragte mich, was Yu Dingcheng überhaupt bei der WEC 2009 machte, leider ließ er mir nicht die Zeit, ihn zu fragen. Vielleicht konnte die chinesische Delegation bei der Konferenz dennoch lernen, was richtiger Ökotourismus ist.

Ganz anders und viel positiver fielen meine Gespräche und Diskussionen mit laotischen und internationalen Delegierten aus. Sulivong Luang Aphay, stellvertretender Leiter der laotischen Tourismusbehörde LNTA, ist ein passionierter Orchideenfreund und Naturschützer. Er hat bereits zwei neue Orchideenarten in den Urwäldern von Laos entdeckt und auch seine Aufmerksamkeit für die Probleme des Mekong ist beispielhaft. „Uns Aktivisten sind hier in Laos oft die Hände gebunden“, gab Sulivong offen zu, „Geld delegiert die Entscheidungen ob Dämme gebaut werden oder neue Golfplätze entstehen“. Diese Meinung vertrat auch Steven Schipani, Chefberater der LNTA und Mitarbeiter der Asia Development Bank. „Es ist manchmal ein Wettlauf um Einfluss und Geld“, sagte er unverhohlen.
Manchmal wird dieser Wettlauf aber auch von den grünen Entwicklungshelfern gewonnen und nicht nur von den Industriebonzen Chinas und Koreas. Das gibt mir Hoffnung, dass die Worte der Bewohner des Mekong nicht gänzlich im Äther der Zerstörung verhallen.

Mekong-Faszination in Bild:  Mekongimpressionen
Informationen zuStaudammprojekten am Mekong: http://www.savethemekong.org/issue_detail.php?sid=21

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