WEC 2009 – World Ecotourism Conference vom 15. Juli bis 17. Juli in Laos

Bei der WEC 2009 waren alle Augen auf Laos gerichtet
Bei der WEC 2009 waren alle Augen auf Laos gerichtet

Was vor 15 Jahren noch ein Schlagwort für wenige natur- und kulturbegeisterte Rucksacktouristen war, ist heute schon so oft zu hören wie Kreuzfahrt oder Badeurlaub. Gemeint ist „Ökotourismus“. Obwohl schon lange in aller Munde, hat eine intensivere Diskussion um die Definition dieser Art zu reisen erst in jüngster Zeit so richtig begonnen. Je mehr aber diskutiert wird, desto weiter gehen die Meinungen sowohl der Industrie als auch der Reisenden auseinander. Für manche ist der Öko-Urlaub bereits wegen der Anreise mit dem Flugzeug ins ferne Natur/Kulturparadies Ostasien nicht mehr wirklich „öko“, andere aber betiteln sogar einen Allrad-Abenteuertrip im Konvoi durch ein gesperrtes Wildtierreservat als „grün“ – stimmt ja auch, wenn man die Farbe der Blätter im Urwald betrachtet.

New Paradigms and Resilience for Sustainable and Responsible Tourism in Developing Countries war daher der Grundsatz der Welt-Ökotourismus-Konferenz in Vientiane – die Entwicklung neuer robuster (und einheitlicher) Paradigmen für einen nachhaltigen und verantwortungsvollen Tourismus in Entwicklungsländern.

Diese Vorgabe birgt jedoch einen weiteren Hinweis auf die Probleme des Ökotourismus in Schwellenländern und der Dritten Welt in sich. Die mangelhafte oder gar fehlende Gesetzgebung zur Regulierung des Tourismus, sowie Defizite in der Ausbildung der lokalen Bevölkerung haben es vielen Reiseagenturen und Unterkunftsanbietern bisher leicht gemacht, ihre keineswegs grünen und ebenso wenig nachhaltigen Produkte mit dem Aufhänger „Öko“ an unwissende TouristenInnen zu verkaufen. Die Veranstalter der dreitägigen Konferenz in Laos wollten genau hier ansetzen und in einer breit angelegten Diskussion zwischen Interessensvertretern der Industrie, staatlicher Institutionen und Ministerien, von Universitäten, NGOs und anderen Entwicklungshelfern und schließlich Vertretern örtlicher Gemeinschaften die neuen Grundsätze für einen verbesserten Ökotourismus schaffen.

Laos, ein Land im Aufbruch und extremer Kontraste - im Hintergrund sticht der Austragungsort der WEC 2009 fast peinlich ins Auge
Laos, ein Land im Aufbruch und extremer Kontraste – im Hintergrund sticht der Austragungsort der WEC 2009 fast peinlich ins Auge

Laos wurde als Austragungsort der Konferenz gewählt, da dieses Land durch seine Lage, Resourcen und ökonomisch-sozialen Strukturen, sowie der Anwesenheit vieler westlicher Entwicklungshilfe-Organisationen staatlicher und ziviler Natur als Musterbeispiel ökotouristischer Entwicklung dienen könnte.

Obwohl der Großteil der Delegierten aus Süd- und Südostasien kam, wurde die Signifikanz der WEC 2009 dennoch durch Vorträge internationaler akademischer Kapazitäten und besonders durch die Anwesenheit und einleitenden Worte des laotischen Premiers Bouasone Bouphavanh und durch Eugenio Yunis, Programm-Koordinator und temporärer Generalsekretär der UNWTO (United Nations World Tourism Organisation), unterstrichen.

UNWTO – Tourismus und Armutsbekämpfung
www.unwto.org

Nach der Präsentation neuester UNWTO-Statistiken rund um die weltweite Krise im Tourismus stellte Eugenio Yunis auch die Frage nach der derzeitigen Lage und Entwicklung des Ökotourismus seit dem Jahr 2002. Die Vereinten Nationen hatten jenes Jahr zum Internationalen Jahr des Ökotourismus erklärt. Trotz weitverbreitetem Missbrauch der Silbe „Öko“ sei das Bewusstsein für nachhaltigen Tourismus aber höher als je zuvor, meinte der UNWTO Diplomat, nicht zuletzt durch die Bedrohung unserer Erde durch Klimaveränderung, welche auch die Tourismusindustrie nicht mehr ignorieren kann.
Eugenio Yunis hob in seiner Ansprache weiters sieben von der UNWTO propagierte Wege hervor, mit denen Armut in lokalen Gemeinschaften mit Hilfe des Tourismus nahezu überall unter Berücksichtigung örtlicher Gegebenheiten bekämpft werden kann:

  1. Schaffung von Arbeitsplätzen im Tourismus und damit verbesserte Ausbildung der lokalen Bevölkerung
  2. Versorgung touristischer Betriebe durch Waren aus lokaler Produktion oder durch Betriebe, die ärmere Schichten der Bevölkerung beschäftigen
  3. Direkter Verkauf von Waren aus ärmeren Gemeinschaften an TouristenInnen
  4. Unterstützung lokaler und benachteiligter Gemeinschaften bei der Gründung von kleinen touristischen Betrieben
  5. Steuernachlässe und Profitrückführung in arme Gemeinschaften
  6. Voluntäre Hilfe und direkte Unterstützung sowohl durch Firmen wie auch TouristenInnen
  7. Investitionen in die Infrastruktur, welche eine Öffnung einer Region für den Tourismus erst möglich macht, beispielsweise Strom-, Wasser- und Kommunikationsanschlüsse oder Strassenausbau

In den folgenden vier halbtägigen Tagungsabschnitten, sowie einer abendlichen Arbeitssitzung und einem speziellen Beitrag von Reinhard Hohler über eine Mekong-Expedition im Jahr 2002, wurden für die über 300 Delegierten  mehr als 20 Vorträge präsentiert. Ich möchte hier nur zu jenen Themen Stellung nehmen, die meines Erachtens nach für die Ökotourismusentwicklung weltweit sehr wichtig sind.

Road Map für Ökotourismus

Tony Charters, Direktor der International Ecotourism Society, sprach am ersten Tag von der neuen Relevanz des Ökotourismus, hervorgebracht durch die Gefahren der globalen Erwärmung; vielleicht bringt gerade dieses Damoklesschwert über unseren Köpfen die Chance einer nachhaltigen und innovativen Entwicklung des Tourismus mit sich.  Daneben fördert auch das Verlangen der Konsumenten nach mehr kultureller Authentizität und unzerstörter Natur einen Wandel des herkömmlichen Urlaubsgenusses in ein völlig neues Reiseerlebnis. Damit wären die perfekten Voraussetzungen für kleine und teilweise unterentwickelte Länder gegeben, sich im Ökotourismus zu etablieren. Was nun für diese geografischen Neulinge in der Landschaft des grünen Tourismus noch fehlt, sind Ökostandards und Zertifizierung der Produkte – nicht der Anbieter. Während Regierungen die gesetzliche Basis für diese Standards zu implementieren haben, könnten NGOs eine sehr wichtige Rolle bei der Beratung und Ausarbeitung derartiger Grundagen spielen. Hier möchte ich SNV, Netherlands Development Organisation www.snvworld.org , besonders hervorheben. SNV hat sich zum Ziel gesetzt, als aktiver Berater aller Interessensgruppen des Ökotourismus ihre Beiträge zur Erhaltung der Natur und kultureller Traditionen zu leisten.
Ein bemerkenswertes Beispiel für tourismusgestützte Entwicklungshilfe mit aktiver Beteiligung von NGOs ist der Mekong Discovery Trail: www.mekongdiscoverytrail.com

Rucksacktouristen – manchmal ungeliebt und dennoch begehrt

Ich habe es selbst oft genug in Thailand gehört : „Farang Khi Niow…“ – Ausländer sind wie klebrige Masse, an der das Geld haften bleibt. Rucksacktouristen werden auf Märkten und in Gästehäusern oft mit diesen Worten verhöhnt. Wer jedoch monatelang unterwegs ist, muss aufs Budget achten und gibt weniger aus, als Herr und Frau Neckermann zu verbrauchen pflegen. Trotzdem spielt der Rucksacktourismus bei der fairen Verteilung des touristischen Einkommens eine viel wichtigere Rolle als der pure Veranstaltertourismus.
Dr. Mark Hampton von der University of Kent (www.academia.edu) hat sich in seinem Vortrag „Responsible Backpacker Tourism“ klar für den Rucksacktourismus ausgesprochen. Durchschnittlich 70 % des Geldes, das von Backpackern in einem Land ausgegeben wird, verbleibt auch dort, da Individualtouristen häufiger lokale Produkte kaufen und Unterkünfte vorwiegend aus den lokal produzierten Materialien Holz, Bambus oder Ziegel gebaut werden. Im herkömmlichen Tourismus bleiben lediglich 30 % des umgesetzten Geldes im Land. Rucksacktouristen erreichen dazu auch noch Regionen, die von Großveranstaltern wegen fehlender Infrastruktur und aufwendiger Anreise selten oder gar nicht bereist werden. Und nicht zuletzt verbringen Rucksacktouristen auch mehr Zeit in einem Land als herkömmliche Touristen. Es überrascht daher kaum, dass aus dem Rucksacktourismus mehr Geld pro Kopf in ein Land fließt, als aus dem Veranstaltertourismus. Die positiven wirtschaftlichen und sozialen Aspekte für lokale Gemeinschaften in benachteiligten Regionen machen den Rucksacktourismus zum wichtigsten Förderer des nachhaltigen Tourismus in Entwicklungsländern. Hier noch ein Tipp für jene, die schon mal als „klebrige Masse“ verspottet wurden: In Zukunft einfach nicht hinhören und lächeln.

Rural Tourism – mehr als nur ein Abenteuer

Die touristische Entwicklung abgelegener Regionen war lange Zeit kein Thema. Zu gering war das Interesse, sowohl von Seiten der Regierungen als auch der meisten Veranstalter. Mit der neuen Welle des Ökotourismus hat sich dies geändert. Immer mehr abenteuerhungrige Reisende strömen in Täler und Berglandschaften, die früher nur durch Expeditionen mit großem Aufwand erreicht wurden. Der neue, unkontrollierte Strom vieler Möchtegern-Entdecker hat vielen Dörfern in Nepal, Laos oder Vietnam jedoch nicht nur unerwarteten Geldsegen, sondern auch Unmengen von Müll und widersprüchliche Erfahrungen mit respektlosen Trekkern gebracht. Rabi Jung Pandey von der nepalesischen Tourismusforschung hat in seiner WEC-Präsentation großartige Vorschläge zum Management des RT – Rural Tourism gebracht. Die Kernaussage seiner Analyse bezog sich auf die „Brückenbildung“ zwischen Regierung, privatem Sektor, lokalen Gemeinschaften und NGOs mit dem Ziel nachhaltiger Armutsbekämpfung und dauerhafter Beteiligung der Dorfgemeinschaften in allen Bereichen des Tourismus, wie zum Beispiel Unterkunft, Verpflegung, Transport, Information oder Trekking. Die Bevölkerung in einem Dorf fernab westlich-moderner Zivilisation und Kommunikation hat weder das Wissen noch die Infrastruktur um anrollende Abenteurerhorden zu befriedigen. Hierzu sind Regierungen gefordert, diese Basis im Sektor Ausbildung (HRD – Human Resources Development), Marketing und Information durch nationale Tourismusorganisationen (NTOs) zu schaffen. Touranbieter haben daneben die Verpflichtung, gesteigerte soziale Verantwortung zu zeigen, indem sie Touristen nicht wie in einem Zoo durch exotisch anmutende Gehege schleppen, sondern der lokalen Gemeinschaft beim Aufbau interner Infrastruktur helfen und die Lokalbevölkerung in alle Aktivitäten in der Region miteinbeziehen. Die Rolle von NGOs wurde bereits weiter oben kurz diskutiert.

Wie erfolgreich war die WEC 2009?

Der Weg in eine Symbiose gegenseitiger „Entwicklungshilfe“ ist in Powerpoint-Präsentationen immer leicht dargestellt. Die Realität ist jedoch gepflastert mit Hürden und Rückschritten. Während der WEC 2009 wurde von vielen Delegierten immer wieder festgestellt, dass es nicht an Konzepten fehlt, sondern dieselben Konzepte in der praktischen Anwendung leider zu oft scheitern. Folgende zusammenfassende Worte wurden am Ende der Konferenz in Vientiane getätigt:

Ein gutes Produkt allein ist nicht genug, Kooperation mit der lokalen Bevölkerung ist ebenso wichtig
Ein gutes Produkt allein ist nicht genug, Kooperation mit der lokalen Bevölkerung ist ebenso wichtig

„Die gesamte Tourismusindustrie hat die Obligation, jene Voraussetzungen zu schaffen, die den Ökotourismus fördern, andernfalls wird der Konsument weiterhin den Weg der breiten Masse gehen und nichts wird sich ändern. Es sieht jedoch so aus, als gäbe es ein Defizit an notwendigem Interesse innerhalb der Industrie.“

Es ist schon eine besondere Herausforderung, den Konsumenten zu grünerem Reisen zu bewegen. Viel gewaltiger ist hingegen die Aufgabe, die Massentourismusindustrie von verantwortungsbewussterem Handeln zu überzeugen, speziell wenn dies nicht direkt mit Umsatz- und Gewinnsteigerungen verbunden ist. Die Abwesenheit von Vertretern der Massentourismusindustrie bei der WEC 2009 war leider auch ein Zeichen dafür, dass bei der Entwicklung des Tourismus in eine nachhaltigere und verantwortungsvollere Zukunft noch sehr viel Aufklärung und Arbeit zu leisten sein wird. Trotz mancher Kritik an „zu wenig Kritik“ während der Konferenz und in den zahlreichen Präsentationen glaube ich dennoch, dass dieses Event erfolgreich neue aktivere Wege in eine nachhaltige Tourismusentwicklung gezeigt hat und Vertreter unterschiedlichster Gruppen einander näherbringen konnte. Zumindest in dieser Hinsicht war die WEC 2009 ein Networking-Erfolg.

Als erster Schritt in eine aktivere Zusammenarbeit aller Beteiligten im Ökotourismus wurde am Ende der Konferenz die APES – Asia Pacific Ecotourism Society ins Leben gerufen. Weiters wurde in einem kurzen Brainstorming auch versucht, erste Schwerpunkte und Ziele für die einzelnen Interessensgruppen (Regierung, Industrie, lokale Gemeinschaften, NGOs und Geldgeber, etc.) festzulegen. Das Ergebnis, die Vientiane-Deklaration, sollte demnächst auf www.worldecotourismconference.com zu finden sein.
2010 wird das Internationale Jahr der Biodiversität sein. Der Ökotourismus hat damit auch die einmalige Chance zur Einbindung in breit angelegte Naturschutzprojekte. Die WEC 2010 in Malaysia wird auch, wie bereits bei der WEC 2009 angekündigt wurde, ganz im Zeichen der Biodiversität stehen.

Weitere Web-Referenzen:
The International Ecotourism Society: www.ecotourism.org
Mekong Tourism Coordinating Office: www.exploremekong.org
Ökotourismus in Laos: www.ecotourismlaos.com
Mekong & Tourismus: www.mekongtourism.org

Vientiane - WEC 2009 Austragungsort
Vientiane – WEC 2009 Austragungsort
Bei der WEC 2009 in Vientiane waren alle Augen auf Laos gerichtet
Bei der WEC 2009 in Vientiane waren alle Augen auf Laos gerichtet
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