Ein Weltkulturerbe in Gefahr

UNESCO_World-Heritage-Logo.jpg Luang Prabang ist umgeben von hohen Bergen und eine Anreise  mit dem Bus über mehrere Pässe ist fast genauso abenteurlich wie die Fahrt von Huay Xai hierher mit dem Boot auf dem Mekong. Bis ins mittlere 20. Jahrhundert konnte man überhaupt nur auf dem Fluss in die alte Hauptstadt des Königreiches Lan Xang, so hieß Laos einst, kommen. Wörtlich übersetzt heißt Lan Xang „eine Million Elefanten“. Trotz der exponierten Lage inmitten unendlicher Urwälder entwickelte sich Luang Prabang über die Jahrhunderte zu einer einflussreichen Stadt und einem Zentrum des Buddhismus und religiöser Kunst. All der Schutz durch Bergwelt und Dschungel konnte die Stadt dennoch nicht vor den zahlreichen Invasionen der umliegenden Mächte Burma, Vietnam und Thailand bewahren. Letzter ausländischer Herrscher über Luang Prabang war schließlich Frankreich, wenn man vom politischen Einfluss der USA und Vietnams während des später folgenden Vietnamkrieges absieht.

Französisch-kolonialer Stil in Luang Prabang
Französisch-kolonialer Stil in Luang Prabang

Der Grand Nation verdankt die heutige Provinzhauptstadt Luang Prabang auch ihr französisch-koloniales Antlitz. Zwischen 1893 und 1954 entstanden die meisten der bis heute erhaltenen Häuser, Villen und offiziellen Gebäude der französischen  Kolonialherren. Es mag wohl auch viel Glück im Spiel gewesen sein, dass Luang Prabang in den 20 Jahren Indochina- und Vietnamkrieg und der darauffolgenden Machtübernahme durch die kommunistische Pathet Lao unberührt geblieben ist. Dennoch drohte der Stadt bereits in den späten 80er Jahren der langsame Zerfall durch Klima und Geldmangel für Renovierungen. Die Regierung zeigte anfänglich auch wenig Interesse an der Erhaltung der einzigartigen Architektur inmitten der laotischen Bergwelt.

Einer der vielen delikat verzierten Tempel in der Altstadt
Einer der vielen delikat verzierten Tempel in der Altstadt

Die Rettung kam schließlich doch noch: 1995 wurde Luang Prabang zum UNESCO Weltkulturerbe ernannt. Zerfallende Tempel wurden nun restauriert, halb verrottete Häuser wieder aufgebaut und dem Tourismus wurden erste Impulse gesetzt. Am Anfang dieser neuen Ära ging die Entwicklung noch recht langsam voran, doch spätestens seit Beginn des neuen Jahrtausends begannen internationale Investoren das touristische Potenzial des Urwaldjuwels zu erkennen. Sie erkaufen sich seitdem den Weg in die UNESCO-Stadt mit harter Währung und dem Ziel satter Gewinne aus der neu erschaffenen Cash-Cow Tourismus.

Was anfangs den durchaus positiven Effekt privater Investitionen in die Erhaltung alter Gebäude mit sich brachte, beginnt nun langsam in ernste Probleme umzuschlagen. „Die Altstadt beginnt ihre laotische Seele zu verlieren.“, erklärte mir Doktor Saveuy, Leiter der Weltkulturerbe-Abteilung des Kulturministeriums in Luang Prabang. „Ausländische Personen kaufen der lokalen Bevölkerung die Häuser in der Altstadt ab und eröffnen Geschäfte, Restaurants, Pubs oder Reiseagenturen, ohne dabei Rücksicht auf die kulturelle Seele Luang Prabangs zu nehmen. Mir wäre manchmal lieber,wenn die lokale Bevölkerung in ihren Häusern bliebe, selbst wenn diese dann nicht so schnell renoviert würden.“ Daneben äußerte sich Dr. Saveuy auch noch kritisch zum sehr lockeren Benehmen und Auftreten vieler junger Reisender: „Wir  wollen nichts sagen, wenn eine junge Ausländerin im Minirock durch einen Tempel läuft. Touristen bringen viel Geld und die lokale Bevölkerung denkt daher, schlechtes Benehmen dulden zu müssen. Ich komme mir manchmal dumm vor, wenn ich versuche, Laotinnen dazu zu bewegen, sich in nationaler Tracht zu kleiden, um dann TouristenInnen leicht bekleidet auf den Straßen zu sehen“, lamentierte mein hochrangiger Gesprächspartner. Mit zunehmendem und unkontrolliertem Tourismus wächst dann langsam die Missgunst der Bevölkerung.

In einer Diskussion mit Maaike de Lange von der Niederländischen Entwicklungsorganisation SNV (www.snvworld.org – pro poor tourism) erfuhr ich, dass der Großraum Luang Prabang jährlich bereits 235000 Touristen empfängt, die in nahezu 150 Hotels und Gästehäusern untergebracht werden – Tendenz steigend. Der infrastrukturelle Ausbau der Wasserversorgung und der Müll- und Abwasserentsorgung kann mit der Zunahme der Touristenmasse in der Hochsaison kaum mehr schritthalten und es kommt bereits jetzt zu Problemen. Trotzdem visieren die laotischen Behörden für die kommenden Jahre einen Zuwachs auf jährlich 700000 Besucher an. Wie die Stadt dies verkraften soll, können sie aber nicht beantworten. Maaikes Aussage zufolge bricht die Wasserversorgung in Stadtteilen außerhalb der UNESCO-Zone in den Wintermonaten während der touristischen Hochsaison immer wieder zusammen und die Bewohner dieser Viertel müssen sich dann mit  wenigen Stunden fließenden Wassers pro Tag zufriedengeben. Um den immer chaotischer werdenden Zuständen in den Randzonen Luang Prabangs Herr zu werden, denkt man in laotischen Verwaltungkreisen an die Erschaffung einer neuen Stadt außerhalb der denkmalgeschützten Kernzone. Chinesische Städteplaner waren bereits zweimal in Luang Prabang, ein Team aus Südkorea einmal. Europäische Konsultenten sehen diese Stadtplanungen jedoch als Gefahr für das UNESCO-Weltkulturerbe; Laos spricht von einer möglichen Entlastung der Altstadt und ihrer Umgebung. Dr. Saveuy hat mir die groben Projektvorstellungen auf seinem Computer gezeigt, inklusive möglicher Standorte für die Neustadt sowie einen neuen Flughafen, der den strengen An- und Abflugbestimmungen für internationalen Flugverkehr mit größeren Maschinen gerecht werden soll. Würde all dies von westlichen Architekten mit Erfahrung in ökologischem Wohnbau projektiert werden, ich hätte keine Zweifel am Erfolg des Konzeptes. Mit China oder Korea als Entwickler sehe aber nicht nur ich Gefahren schlummern.

Blick durch den Zaun - früher Reisfeld, bald Golfplatz
Blick durch den Zaun – früher Reisfeld, bald Golfplatz

Ebenso bedenklich ist die bereits laufende Realisierung eines 27-Loch-Golfplatzprojektes inklusive 200-Zimmer-Resort wenige Kilometer stromabwärts an den Ufern des Mekong. Selbst der sehr gesprächs- und hilfsbereite Dr. Saveuy vom lokalen Kulturministerium wollte keine Aussage über die Ablösen und Landenteignungen der ansäßigen Dorfbevölkerung geben. Der Golfplatz, gebaut von südkoreanischen Firmen, wird eine Fläche von immerhin 300 Hektar ehemaligem Farmland bedecken. Grund genug für mich, um einen kurzen Lokalaugenschein in einem angrenzenden Dorf zu machen.

Als ich in der flussnahen Siedlung ankam, wanderte ich zunächst etwas planlos durch die Gärten der ländlichen Idylle, bis mir eine junge Laotin von ihrem Webstuhl aus höflich Pai sai? – wohin gehst du? – zurief. Ich erklärte ihr in Thai, Laoten verstehen diese verwandte Sprache sehr gut, von meinem Vorhaben und meinem Interesse an dem touristischen Großprojekt, worauf sie mit ernstem Gesicht zu schildern begann: „Viele Dorfbewohner haben bis heute kein Geld für ihr Land bekommen und andere wurden einfach enteignet, nachdem der Dorfvorsteher in die Ablösen der Ländereien eingewilligt hatte. Ein Verwandter von mir hatte früher ein paar kleine Reisanbauzellen, heute arbeitet er für die Koreaner am zukünftigen Golfplatz für magere 20000 Kip (= 1,80 €) pro Tag. Viele Familien mussten ihre Verwandten als Flüchtlinge in ihre Häuser aufnehmen. Wer jenseits des hohen Zaunes um den Golfplatz erwischt wird, wird eingesperrt – wir haben alle Angst. Wer weiß schon, was noch alles kommen wird. Mit meinen gewebten Stoffen verdiene ich auch nicht viel, 30000 Kip bringt ein 180 x 50cm großes Tuch und ich arbeite 2 Tage daran. Wir können nichts machen, denn wenn wir unsere geringen Einkommen verlieren, stehen wir alle vor dem Abgrund.“ Nach diesem Gespräch war auch mir nicht mehr ganz wohl in meiner Haut… Ich versprach der netten Frau und ihrer verzweifelten Mutter, keine Namen und Bilder von ihnen zu veröffentlichen. Ich frage mich wirklich, wie solche Projekte und deren zwielichtige Verwirklichung in Einklang mit der offiziell von Laos beworbenen Devise „Socially Responsible Tourism“ zu bringen sind. Laos allein die Schuld zu geben, wäre aber voreilig und falsch. Ausländische Investoren dürfen sich ebensowenig vor der Verantwortung ihres Handelns drücken und dürfen nicht jede Schuld von sich weisen.

Entspannen im Ökotal des Nam Khan Flusses
Entspannen im Ökotal des Nam Khan Flusses

Nach diesen schwer lastenden Recherchen brauchte ich ein paar positivere Eindrücke von der Umgebung Luang Prabangs, um nicht ganz den Glauben am nachhaltigen Tourismus in Laos zu verlieren. Ich fand dieses Licht am Ende des Tunnels entlang des Nam Khan Flusses in einer etwa 20 Kilometer langen und mehrere Kilometer breiten Region, die offiziell zur „Eco Tourism Development Zone“ deklariert wurde; auch das erklärte mir Dr. Saveuy. Eine dort ansäßige Gemeinschaft von 83 Weberinnen hat mehr Glück als ihre Kolleginnen am Rande des Golfplatzes. Sie können ihre Produkte ohne Zwischenhändler an Touristen verkaufen. Reich werden auch sie nicht dabei, aber sie haben zumindest die faire Chance des direkten Handels nach eigener Produktion in einer neu errichteten offenen Halle.
Das angestrebte Ziel nach jüngster Schaffung der Zone ist nicht nur die Erhaltung der Natur für den Ökotourismus, sondern auch die Einbindung der lokalen Dorfbewohner in den Tourismus. Zukünftige Unterkunfts-Projekte werden sich hoffentlich nach diesen Prinzipien richten, damit nicht wieder große Resorts entstehen, in denen Reisende von Supermarktwaren über Massagen bis zu fabriksgefertigten „Handarbeiten“ alles auf dem Weg vom Restaurant zum Zimmer erstehen können. Zur Zeit kann man im Nam Khan Tal bereits naturbewusst Mountainbiken, Trekken, Raften und sogar Elefantenreiten.

Die Jumbo-Dame Mae Uak im Elephant Village bei Xieng Lom
Die Jumbo-Dame Mae Uak im Elephant Village bei Xieng Lom

Im „Elephant Village“ 20 Kilometer von Luang Prabang achtet ein thailändischer Tierarzt für etwa eine Woche pro Monat auf die Gesundheit der ehemaligen Arbeitselefanten aus der westlaotischen Provinz Xayabouri. In der Hochsaison gibt es trotz Touristenandrang ein Tageslimit von 3-4 Ritten bis spätestens 14 Uhr, damit die Tiere genug Zeit zum Fressen haben. Was die Elefanten nicht in den über 3 Quadratkilometern angemieteten Waldes hinter dem Camp als Nahrung finden, wird von Bauern der Region zugekauft. Ich war beeindruckt von der guten Organisation des Elefantendorfes und der Art, wie man sich um die sieben Jumbos kümmert.

Fahrt zum Kajaktrip auf dem Nam Khan
Fahrt zum Kajaktrip auf dem Nam Khan

Beispielhaft agiert auch eine Ökotourismus-Agentur mit mehreren Zweigstellen in ganz Laos. Green Discovery bindet lokale Führer in ihre Trekkingtouren ein und kauft viele Waren in den Bergdörfern, die zum Übernachten aufgesucht werden. Neben eigenen Hütten nimmt Green Discovery auch lokale Homestay-Unterkünfte in Anspruch, je nach Bedarf und vorhandener Infrastruktur in den teils abgelegenen Dörfern der laotischen Bergstämme. Die Dorfbevölkerung erhält zudem auch Geld von Green Discovery für die Erhaltung der Trekkingpfade rund um die über 60 Dörfer, die in die Tourprogramme der Agentur eingebunden sind. Sollte sich eine Touristengruppe auch zu einer Spende an ein Dorf entschließen, werden vor Abmarsch gemeinsam mit Guides entweder Schulmaterial oder andere wichtige Artikel gekauft und dann in die Berge mitgenommen. Damit kommt zu 100 Prozent an, was gespendet wurde. Bei größeren Hilfsprogrammen für Bergvolkgemeinschaften wirkt Green Discovery auch als Vermittler und Berater, wurde mir von Direktor Inthy Deuansavan erklärt. All diese Vorgangsweisen sollten eigentlich Schule machen und dennoch findet man sie viel zu selten bei anderen Trekking-Anbietern in Südostasien. Viele  kleine Veranstalter verwenden nur ihre eigenen, teils schlecht ausgebildeten Guides, kaufen alles billig vorweg ein und die Dörfer haben im Prinzip nicht viel von der ankommenden Trekkerhorde. Green Discovery legt dagegen sogar Wert auf richtige Bekleidung, respektvollen Umgang mit den Bergdorfbewohnern, Mitnahme von entstandenem Müll und achtsames Fotografieren, alles Punkte die bei einer Belehrung vor Abmarsch besprochen werden.

Mit diesen erfreulichen Beispielen aus der Ökotourismusszene ist meine Zuversicht in eine nachhaltige Entwicklung des Tourismus in Laos wiederhergestellt. Mein nächstes Ziel ist nun die WEC – World Ecotourism Conference in Vientiane vom 15 – 17. Juli 09.

Berichtet aus Luang Prabang, im Herzen von Lordlaos
… berichtet aus Luang Prabang, im Herzen von Nordlaos
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2 Kommentare zu „Ein Weltkulturerbe in Gefahr

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