Mekongaktivisten

„Hellooo Mister…!”, „How are you?”, „What‘s your name…?”, die Schüler der Rachaprajanukroh School in Chiang Saen haben Spaß mit dem fremden Gast aus Europa. Ich sitze ja mitten unter ihnen in einer überdachten Schulhoflaube und warte auf „Acharn“ (= Gelehrter) Miti Yaprasit. Seinen Namen haben mir bereits mehrere Leute in Chiang Saen und Umgebung genannt – in Zusammenhang mit Rettungsprojekten für den Mekong natürlich. Neben seiner Lehrerbeschäftigung ist Acharn Miti lokaler Leiter des „Community Organizations Development Institute (Public Organization)“ in Chiang Saen und in zwei weiteren Projektgruppen „Geschichte“ und „Naturschutz“, auch in Chiang Saen, tätig.

Diskussion mit
Diskussion mit „Acharn“ Miti Yaprasit

„Bimm-Bimm“… ein schwarz gekleideter sportlicher Mann klingelt sich mit der Fahrradglocke seinen Weg durch die Schulhofmassen frei. Er ist augenscheinlich der einzige Erwachsene im Schulgelände ohne Lehreruniform und trotzdem würde ich Millionen darauf wetten, dass eben Acharn Miti mit seinem Drahtesel eingeritten ist. „Mister Armin?“, ruft er mir zu; wir haben uns bereits heute Morgen telefonisch verabredet. Im Konferenzzimmer der Schule stellt er mich kurz seinen KollegenInnen vor und erklärt ihnen den Grund meines Besuches. Die anwesenden Lehrer lächeln mit Zustimmung. „Wenn Miti den Kindern auch mal was anderes als die Mekongprobleme lehren würde…“, scherzt eine seiner Kolleginnen und überlässt uns ihren Tisch.

Historisches und Homestay

„Tourismus und Mekong lassen sich nicht trennen! Aber wir haben es noch nicht einmal geschafft, die beiden Komponenten zu einer Symbiose zusammenzuführen.“, beginnt der Geschichte- und Kunsterziehungslehrer Miti Yaprasit zu schildern. Zur Zeit kommen unzählige Tourgruppen zum Goldenen Dreieck, drehen eine Runde mit dem Boot auf dem Fluss und fahren wieder weiter. Den Behörden geht es nur um die Statistik, wie viele Reisende jeden Tag die Bootsfahrt machen und den Reisegesellschaften und Geschäftsleuten geht es ums schnelle, einfache Geld. „Das wollen wir ändern!“, erklärt mein Gesprächspartner. Die Region beherbergt eine Vielzahl von geschichtlichen Schätzen auf beiden Seiten des Mekong. Allein in der Stadt Chiang Saen kann man über 100 größere und kleinere Tempel und Pagoden finden. Im Distriktsmuseum zeugen beeindruckende Funde von der einst wichtigen Rolle Chiang Saens als Handelsmetroplole an den Wassern des Mekong. Auch Trachten lokaler Bergstämme werden dort in einem großen Schauraum vorgestellt, bloß den Mekong und seine Geschichte hat man vergessen. Ob das Zufall ist?

Zahlreich sind die historischen Leckerbissen am Mekong
Zahlreich sind die historischen Leckerbissen am Mekong

Ich war einen ganzen Tag lang mit dem Fahrrad innerhalb und außerhalb der Stadtmauer unterwegs, um viele der Hunderte Jahre alten Kulturdenkmäler zu besuchen. Die 4 Kilometer lange Mauer ist übrigens das einzige vollständig erhaltene Bollwerk dieser Größenordung in ganz Thailand. Der Ziegelwall und sein umgebender tiefer Graben sind zwar schon üppig von großen Bäumen überwachsen, Schutz gegen Eindringlinge würden sie aber auch heute noch bieten, sofern man die Gräben wie einst wieder mit den Wassern des Mekong füllte.

„Wir wollen eine grenzüberschreitende Kooperation im Tourismus entwickeln. Das geschichtliche Erbe Chiang Saens und des laotischen Suvarnakhomkham auf der anderen Seite des Mekong sind untrennbar miteinander verbunden. Es wäre doch großartig, wenn Touristen ohne viel Aufwand und Bürokratie mit dem Boot übersetzen könnten. Die Menschen müssen den Mekong als verbindendes Element erkennen, nicht als unüberwindbare Grenze! Die Kommunikation zwischen Einzelpersonen und NGOs auf beiden Seiten des Flusses funktioniert bereits sehr gut, aber die Behörden machen uns die Sache schwer. Offiziele Gespräche laotischer und thailändischer Beamter finden noch immer keine statt. In Chiang Saen gibt es nicht einmal ein Büro der TAT, Tourist Authority Thailand…“, sagt der Lehrer und Mekongaktivist Miti Yaprasit, „…und in Laos ist man wegen der entstehenden Papierarbeit und Grenzkontrolle besorgter als um eine gemeinsame nachhaltige Zukunft mit Hilfe des Tourismus.“ Laos klagt auch über zu geringe finazielle Mittel für notwendige umfangreiche Restaurierungsarbeiten an den geschichtsträchtigen Ruinen Suvarnakhomkhams. Da lässt man lieber China in die Flussuferverbauungen im Goldenen Dreieck investieren, das bringt zumindest einigen Unterschriftsberechtigten ein bisschen Taschengeld… Wäre man schlau gewesen, hätte man China bei den Verhandlungen um das grässliche Kasinoprojekt locker ein paar Dollar (oder Yuan) für die umliegende Region abgerungen.

Acharn Miti erwähnt auch noch andere Projekte zur Erweiterung des nachhaltigen Tourismus in den ländlichen Gebieten um Chiang Saen und Chiang Khong weiter flussabwärts. Lokale Dorfgemeinschaften sollen am Aufbau eines „Homestay-Netzwerkes“ mitwirken, ohne dabei die Bevölkerung von ihrem Haupteinkommen, beispielsweise Landwirtschaft, wegzuführen. Betreiber von Homestay-Unterkünften sollen bei Fernbleiben von Touristen weiterhin von ihrem ursprünglichen Einkommen leben können. „Wenn das nicht gewährleistet ist, macht Homestay für mich keinen Sinn. Der Tourismus darf Dorfbewohner nicht in den Ruin führen. Ohne aktive Aufklärung ist es gar nicht so leicht, die Landbevölkerung von diesem Konzept zu überzeugen.“ meint Miti Yaprasit, ein gebürtiger Großstädter.

Die Weberinnen von Ban Had Bai
Die Weberinnen von Ban Had Bai

Am Tag nach unserem Gespräch folge ich auch der Empfehlung des Lehrers und erkunde mit dem Mofa die wunderschöne 60 Kilometer lange Strecke von Chiang Saen bis Chiang Khong. Ich finde auch wirklich mehrere „Homestay“-Schilder in Englisch und Thai vor den Eingängen einfacher Häuser der lokalen Landbevölkerung. Lokaler Tourismus beschränkt sich aber nicht auf Unterkunft und Verpflegung. Das verdeutlicht mir der freundliche Empfang bei den „Weberinnen von Ban Had Bai“, zirka 30 Kilometer flussabwärts von Chiang Saen. Mehrere Frauen aus diesem Dorf haben sich zu einer Gemeinschaft zusammengeschlossen und produzieren traditionelle Stoffe mit thailändischen und laotischen Mustern. Gearbeitet wird teils im Gemeinschaftshaus, teils im eigenen Heim. Was nicht lokal oder an Touristenmärkte in der Umgebung verkauft wird, geht als nordthailändische Exportware bis ins ferne Bangkok. „Wir würden auch gerne Taschen und andere Kleinutensilien machen, aber wir kommen mit der Arbeit kaum nach“, antwortet die Leiterin des Projektes auf meine Frage nach einem kleinen Umhängebeutel. Als ich dann stattdessen drei Stofftücher kaufe, ist es mir beinahe peinlich, so wenig für die naturgefärbten Webearbeiten zu bezahlen. In Chiang Mais bekanntem Nachtbasar kosten maschinengewebte Stoffe mit Chemiefarbe doppelt so viel. Mein Tag findet noch einen schönen Ausklang in einem paradiesisch angelegten kleinen Gartenrestaurant direkt über den rauschenden Stromschnellen des Mekong kurz vor der Distriktshauptstadt Chiang Khong.

Felseninseln im Fluss

Nach Chiang Khong führt mich auch eine weitere Verabredung im einem Mekongaktivisten des „Community Organizations Development Institute“ . Bis vor 15 Jahren war hier sprichwörtlich „tote Hose“ im Tourismus. Das änderte sich jedoch schlagartig mit der Öffnung der laotischen Grenze für ausländische Reisende. Heute findet man fast 30 Gästehäuser und Hotels in Chiang Khong, daneben unzählige kleine Restaurants und Souvenirläden. Leider schenken viel zu wenige Reisende dem lokalen Geschäftszentrum und seiner wunderschönen Umgebung längere Aufmerksamkeit. Fast alle Rucksacktouristen übernachten hier nur einmal, bevor sie am nächsten Morgen mit einem Boot nach Laos übersetzen. Auf der laotischen Seite fristet Huay Xai ein ähnliches Dasein: Der Tramperstrom bleibt hier auch nur wenige Stunden oder einen Tag bis zur Abfahrt mit dem nächstbesten Boot in Richtung Luang Prabang, 310 Kilometer stromabwärts.

Mekongaktivist Krutee Roigaew aus Chiang Khong
Mekongaktivist Krutee Roigaew aus Chiang Khong

Weitaus mehr Aufmerksamkeit bekommt der Mekong jedoch von seinen lokalen Rettern. Das lehrreichste Gespräch in Chiang Khong führe ich mit Krutee Roigaew, einem 49-jährigen ehemaligen Volkschuldirektor, der vor fast 20 Jahren seine Lehrerkarriere schlagartig beendete. Seither ist er gleichzeitig Sprachrohr und Lehrperson für soziale Angelegenheiten der Dorfgemeinschaften um Chiang Khong und Chiang Saen. Dass ihn seine Gegner oft als „Kommunisten“ brandmarken, ist ihm egal. „Vor 9 Jahren haben wir es geschafft, die Sprengungen von Felsen im Mekong zur Schaffung einer Fahrrinne für Frachtschiffe bis auf Weiteres zu verhindern, wir werden auch den einen oder anderen Staudamm verhindern!“ gibt sich Krutee kämpferisch. Sein Anliegen für den Schutz der Felsen und Stromschnellen ist ein äußerst wichtiges Bemühen.

Ebenso spektakulär wie wichtig ist die Felslandschaft im Mekong
Ebenso spektakulär wie wichtig ist die Felslandschaft im Mekong

Ich lerne vom Ex-Schuldirektor, dass die schwarzen Basaltriesen des Mekong viele Aufgaben im ökologischen Gefüge des Stromes haben. Sie verlangsamen die Fließgeschwindigkeit des Wassers beträchtlich und schaffen strömingsfreie Zonen und Sandbänke, wo viele Fischarten leben und laichen. Ein langsamer Fluss verursacht auch geringere Ufererosion, ein Problem, das in Zonen mit weggesprengten Felsen enorm zugenommen hat. Weiters üben die Felsen auch große Faszination auf Touristen aus. Während meiner eigenen Mofafahrt entlang des Mekong konnte ich mich kaum sattsehen an den wunderschönen schwarz-grauen Felsen vulkanischen Ursprungs, umflossen von den erdfarbenen Wassern des Mekong. Und nicht zuletzt hat die lokale Bevölkerung einen ganz besonderen Bezug zu diesen steinernen Skulpturen im Flussbett. Sie erzählen uralte Geschichten aus der Region: „Der Mekong hat Bilder in den Stein geschliffen“, sagt Jaensom Ninsara, eine lokale Restaurantbesitzerin und fährt fort: „Weiter oben gibt es einen Elefantenstein am Ufer, dort setzen seit Jahrtausenden die Tiere über den Mekong. Der Tigerstein am anderen Ufer zeigt den Ort wo die Katzen einst zum Tränken kamen. Und noch weiter Richtung Chiang Saen hat das Wasser eine Buddhastatue aus einem Felsen gemacht, weil bis in die heutige Zeit an dieser Stelle Leichen angeschwemmt werden. Wir fischen genau dort immer wieder tote Chinesen und Burmesen aus dem Mekong! Der Fluss lässt niemanden verschwinden.“
Diese Naturwunder und Zeugen der lokalen Geschichte dürfen nicht einfach dem ungezügelten Güterverkehr geopfert werden.

Gewitterwolken über dem Strom

Felssprengprojekte zwischen Chiang Saen und Chiang Khong
Felssprengprojekte zwischen Chiang Saen und Chiang Khong

In den gemeinsam von allen Anrainerländern des Mekong anerkannten „Nutzungsbestimmungen“ für den Fluss ist leider keine Klausel enthalten, die sich spezifisch auf ein Verbot von Felssprengungen beziehen würde. Dafür heißt es aber, dass eine ungefährdete und unbeeinträchtigte Nutzung des Flusses für den Fracht- und Passagierverkehr gewährleistet werden muss. Dazu dürfen weder Fischernetze in der Fahrrinne angebracht werden, noch Steine abgelagert werden. Der Entfernung lästiger Felsen steht praktisch nichts Schriftliches im Weg. Bei meinen Gesprächen mit den Aktivisten der Region fallen mir auch interessante Papiere und Pläne zur Mekongverbauung in die Hand, Zeugnisse für die noch lange nicht gebannte Gefahr der Zerstörung einzigartiger Flusslandschaften. Wenn man die einzelnen Karten und Sprengprojekte betrachtet, wird klar, dass es rein nur um die Schaffung eines Handelsweges auf dem Mekong geht, alles auf Kosten der Ökologie, des nachhaltigenTourismus und der Lokalbevölkerung. Letztere leidet heute schon unter den chinesischen Frachtschiffen. Die Chinesen verkaufen ihre billigen Produkte teils konkurrenzlos auf lokalen Märkten und verschmutzen obendrein den Fluss mit Unmengen von Müll, den sie achtlos und ungestraft über Bord werfen. Größtes Problem dabei sind verbrauchte Styroporboxen, in denen Gemüse, Obst und andere Güter aus China gebracht wurden. Die leeren Behälter landen nachts im Fluss und verhängen sich dann früher oder später im ufernahen Gestrüpp oder in Büschen auf den vielen Mekonginseln.

Karte der Staudammprojekte - auf die Rückseite von Ansichtskarten gedruckt, damit es jeder erfährt
Karte der Staudammprojekte – auf die Rückseite von Ansichtskarten gedruckt, damit es jeder erfährt

In einigen Regionen entlang des Mekong sind die lokalen Dorfstrukturen, der Nahhandel, der Tourismus, die Landwirtschaft, die Fischerei und der Flusslauf bereits schwer gestört. Die Stimmen zur Rettung dieser Symbiose werden aber immer lauter. Mekongaktivisten wie Miti Yaprasit und Krutee Roigaew bleiben nicht mehr ungehört. Ihre Publikationen und Worte haben bereits die Sitzungsräume thailändischer Parlamentarier und sogar der UN erreicht. Letztlich aber entscheiden Politiker aller sechs Anrainerstaaten des Mekong über die Zukunft der Lebenslinie. Wir können nur hoffen, dass sie den richtigen Weg wählen. Momentan sieht es leider nicht danach aus. Das Todesurteil für den 4900 Kilometer langen Strom wurde bereits mehrfach ausgesprochen. Vielleicht kann die Ausführung in manchen Ländern oder zumindest Teilstücken noch verhindert werden, damit nicht noch ein großer Wasserweg der Erde stirbt.

Einen kleinen Beitrag zur Rettung des Mekong könnt ihr mit einer Unterschrift leisten; dauert keine 5 Minuten:
www.savethemekong.org

Und hier gehts zu Impressionen meiner Reise entlang des Mekong:
The Mekong River

Noch gibt es Hoffnung für den Schutz des einzigartigen Flusses
Noch gibt es Hoffnung für den Schutz des einzigartigen Flusses
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Ein Kommentar zu „Mekongaktivisten

  1. Lieber Armin, danke für Deine Recherchen und Deine Hintergrundberichte, sie sind wichtig und sehr spannend für einen Tourismus mit offenen Augen. Wir sollten da genau hinschauen, dort, wor etwas uns besonders fasziniert oder besonders irritiert. Fair reisen ist eine Aufgabe! Du zeigst, wie das gehen kann, danke und ich bin schon gespannt auf Deinen nächsten Bericht.

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