Vom Mekong und der Chinesischen Mauer

Verletzlicher Riese - der Mekong bei Chiang Saen

Ich tu mir schwer für diese Geschichte einen Anfang zu finden. Meine ersten „Tourismus und Wasser“ – Recherchen am großen Fluss haben in kürzester Zeit eine Dimension erreicht, die ich nicht vorherzusehen wagte. Die vielen Eindrücke und Informationen der ersten paar Tage am Mekong haben sich wie eine Million Ameisen in meinem Gehirn breit gemacht. Anders ausgedrückt: Zwischen meinen Synapsen herrscht nun ein Blitzgewitter wie während des tropischen Sturms vorgestern Abend. Der Fluss hat mich mit seinen Anliegen überschwemmt. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass ich den Mekong in Laos selbst als Tourist bereiste. Die Größe der Probleme um seine ruhigen Wasser war mir damals aber kaum bewusst. Was kann man dieser gewaltigen Menge Wasser schon anhaben, dachte ich mir immer. Eine grobe Fehleinschätzung, wie ich nun ernüchtert erkennen muss.
Doch zurück zu meinen Recherchen:

Bereits eine Stunde nach meiner Ankunft in Chiang Saen diskutiere ich mit den Besitzern meiner Wahlunterkunft, dem Gin’s Guest House, über den Mekong und seine brandaktuellen Probleme. Ich habe riesiges Glück: Hausherr Sugin Dechkul hat Universitätsabschlüsse in Englisch, Sozialer Entwicklungsarbeit und ist obendrein Rechtsanwalt. Auch seine Frau Juree ist ausgebildete Sozialwissenschafterin und die beiden Nebenerwerbs-Gästehausbesitzer füttern meinen Wissendurst mit einem Schwall an Informationen. Es fallen gewichtige Schlagworte wie „neuer Frachthafen“, „laotisch-chinesisches Spielkasino“, „Felssprengungen zur Bootsfahrrinnen-Erweiterung“, „Flussverschutzung“, „Fisch- und Algensterben“, „Uferverbauung“, „Niedergang sozialer Dorfstrukturen durch Umsiedlungen“ und „Staudamprojekte in Laos“. Ich kann aber auch erste positive Notizen machen: Juree Dechkul erzählt mir von privaten Initiativen zur Rettung des Mekong und gibt mir Kontaktadressen lokaler Aktivisten und NGOs, die um den Fluss und seine Umwelt bemüht sind. Die langsame Zerstörung des Mekong würde auch ein langsames Sterben des gerade erwachenden Öko-Tourismus bedeuten, da sind wir uns einig! Nach all dem, was ich in dieser kurzen Zeit zu hören bekomme, kann ich nur hoffen, dass es nicht schon zu spät ist.

Pacharee Srimatayakul,
Pacharee Srimatayakul, „Opiumlady“ und Mekong-Aktivistin

Am nächsten Tag beginne ich mit meinen Nachforschungen dort, wo die meisten Touristen wie von magischer Kraft hingezogen werden – im Goldenen Dreieck. Die Faszination des Dreiländerecks Thailand – Burma – Laos gepaart mit dem Ruch des Opiumhandels vergangener Tage lässt täglich Dutzende Reisegruppen hierherkommen . Und natürlich die Möglichkeit einer Bootsfahrt auf dem Mekong, direkt über die Grenzen der drei Länder hinweg. Nach einem kurzen Lokalaugenschein am Flussufer und im Souvenirmarkt marschiere ich zielstrebig ins kleine aber hochinteressante Opiummuseum der Ortschaft Sob Ruak – es ist keine 300 Meter vom kartografischen Goldenen Dreieck entfernt. Das Museum gehört Frau Pacharee Srimatayakul. Die 56-jährige Dame ist auch ein aktives Mitglied der lokaten Gruppe „Gum Anurak Menam Khong“, was sich mit „Ökologischer Verein Mekong“ übersetzen lässt. Nachdem wir uns bekannt gemacht haben, brauche ich nicht lange erklären, weshalb ich gekommen bin; sie spürt mein Verlangen nach Information. Frau Pacharee reicht mir einen Stuhl, schickt eine Mitarbeiterin um Kaffee und Kekse, und beginnt zu schildern:

Nachhaltiger Tourismus ala China...
Nachhaltiger Tourismus ala China…

„Armin, du hast eben selbst die gewaltige Uferverbauung auf der laotischen Seite des Flusses gesehen“, bestätigt sie meine eigenen Beobachtungen, „dort entsteht ein neues, riesiges Spielkasino für chinesische Touristen. Neben den Spielhallen wird noch ein Golfplatz gebaut und Wohnanlagen für schätzungsweise 30 000 chinesische Immigranten!“ Ich erkenne gerade, wie harmlos doch die Fertigstellung des burmesischen „Golden Triangle Win & Win Paradise Casino“ vor ein paar Jahren war, verglichen mit diesem chinesisch-laotischen Monsterprojekt. Schätzungsweise 1,5 Kilometer Beton- und Felsuferverbauung hat die chinesische Baufirma neben riesigen, hässlichen Gebäudekomplexen bereits vollendet. Aber es soll noch dicker kommen! „Die Betreiber des Projektes wollen die gesamte benachbarte Mekong-Insel Don Sao mit einem Wall aus Stein und Zement umgeben; zur Hochwassersicherung und Landgewinnung“, lehrt mich Frau Pacharee. Die Flussinsel gehört Laos und hat seit Jahren touristische Signifikanz als schnelles Ausflugs- und Einkaufsziel für all jene, die eine Bootsfahrt auf dem Mekong machen. Ich hab mir die Ausmaße der Insel noch auf keiner Karte angesehen, aber sie dürfte über einen Kilometer lang und mehrere hundert Meter breit sein. „Dort muss ich hin!“ sage ich kurz entschlossen zu Frau Pacharee. „Kein Problem!“, erwidert sie und schickt mich mit einer ihrer Souvenirverkäuferinnen zu einem kleinen Geschäft unten am Fluss. Der junge Mann im Shop nimmt mich lächelnd an der Hand und schon sind wir unterwegs zu einem Boot eines weiteren „Freundes der Familie“. Mit der Kontaktadresse einer Ansprechperson auf der Insel in der Hand, fahre ich los. Den Bootsfahrer bitte ich noch, bei der Fahrt über den fast einen Kilometer breiten Mekong etwas langsamer an den neuen Uferverbauungen entlangzufahren – für ein paar Fotos, rein touristischer Natur natürlich…

Die Chinesische Mauer am Mekong
Die Chinesische Mauer am Mekong

Auf der Insel trete ich als unbescholtener Tourist auf, zahle brav meine 20 Baht (45 Eurocent) Eintritt bei der laotischen Grenzpolizei und wandere geradewegs ins kleine Dorf hinter der (noch) unverbauten Uferböschung. Mein Ziel: Das Haus von „Onkel Pann“. Er ist Dorfvorsteher und der Gründer der Gemeinschaft auf der Insel. Vor über 20 Jahren war er als Forstaufseher beauftragt, die Insel durch Aufforstung vor den Fluten des Mekong zu sichern. Ich erkenne, dass ihm dieses Unternehmen wohlwollend gelungen ist! Die Insel beherbergt einen wunderschönen Wald, in dem sich nun etwa 50 Familien ihr Zuhause geschaffen haben. Die Grundstücke haben sie von den Behörden gemietet und verkaufen in Dutzenden kleinen Läden Souvenirs an jene Touristen, die mit dem Boot den kurzen Abstecher hierher nach Laos machen. Leider ist mein „Kontakt“ nicht anwesend, aber seine Gattin Noi ist nach kurzem Zögern doch bereit, mit mir zu sprechen.

Noch leben die Mekong-Insulaner vom Souvenirverkauf
Noch leben die Mekong-Insulaner vom Souvenirverkauf

„Unsere Pachtverträge werden nicht mehr erneuert, denn die Insel ist bereits von den Chinesen für 75 Jahre gemietet.“, höre ich von der etwas verzweifelt klingenden Frau. Andere Quellen sprechen von 90 oder 40 Jahren, aber das macht auch keinen Unterschied mehr. Der Tod der kleinen Gemeinschaft, die vom Tourismus lebt, scheint besiegelt. Die Chinesen wollen nicht nur die Insel einbetonieren, sondern auch die Souvenirläden kontrollieren. Aus den hübschen Bambus- und Holzhütten werden höchstwahrscheinlich Betonläden gemacht, die dann wieder an Geschäftsinteressenten vermietet werden sollen. Die neuen Pachtpreise werden dann wohl kaum niedriger sein… Hoffentlich planieren sie nicht auch noch den schönen Wald nieder – meine Gedanken verfolgen das subtile Ziel einer unmöglichen Rettung der Insel vor ihrem chinesischen Schicksal. Mit dem Pachtvertrag für weit über zwei Quadratkilometer Land haben die Investoren scheinbar auch Narrenfreiheit zur Gestaltung ihrer Ländereien erhalten. Wie solch ein verrücktes Projekt in Einklang mit der forcierten Entwicklung des Ökotourismus in Laos zu bringen ist, werde ich hoffentlich bei der Welt-Ökotourismus-Konferenz in der Hauptstadt Vientiane in 3 Wochen erfahren…

Lang werden die kleinen Laoten nicht mehr im Ufersand des Mekong spielen...
Lang werden die kleinen Laoten nicht mehr im Ufersand des Mekong spielen…

Dieses ambitionierte Tourismusprojekt der Chinesen fordert bereits vor der Fertigstellung seinen sozialen Tribut: Die meisten Bauarbeiter sind Billigstarbeitskräfte aus dem nahen Burma, die für die lokalen Laoten nur derbe Probleme bringen. Selbst nach Fertigstellung wird es wohl nur für wenige Laoten Arbeit im neuen Spielerparadies geben – die Anlage wird von Chinesen für chinesische Touristen errichtet und dann auch von Chinesen bewirtschaftet. All dies zum Leidwesen der Lokalbevölkerung. Auch in Thailand macht man sich riesige Sorgen ob der entstehenden Auswirkungen des Projektes auf den Mekong und natürlich auf den eigenen Tourismus. Die Thais haben auch eine chinesische Anfrage zur Pachtung von 24 Quadratkilometern (!) Land in der Region des Goldenen Dreiecks abgelehnt. Dennoch äußert Frau Pacharee vom Opiummuseum ihre Sorgen um die Zukunft der Region: „Wenn einmal die Idylle der Landschaft um das Goldene Dreieck zerstört ist, werden sich bald viele Tour-Anbieter fragen, ob es überhaupt sinnvoll ist, hierher zu kommen. Der Mekong leidet schon unter der Schifffahrt, der Verschmutzung und den chinesischen Staudämmen, jetzt kommt sogar noch der Tourismus als Problem hinzu. Ich fühle mich so machtlos…“

Diese erste intensive Konfrontation mit dem Thema Tourismus & Wasser hat mich sehr mitgenommen, um nicht zu sagen deprimiert. Leicht geknickt und mit einem Blick hinüber auf die „Chinesische Mauer“ am anderen Ufer, setze ich mich auf mein geliehenes Mofa und fahre langsam wieder zurück ins zehn Kilometer entfernte Chiang Saen – zu meinem nächsten Interview. Themen: Chiang Saens geschichtliches Erbe und touristische Perspektiven, die Flussschifffahrt und Hafenprojekte, Felssprengungen und weitere Staudämme. Fortsetzung folgt….

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3 Kommentare zu „Vom Mekong und der Chinesischen Mauer

  1. Hallo Armin,
    Ich bin inzwischen treuer Leser von deinem Blog geworden und ich finde ihn super.
    Zum Einen, weil du wirklich kritisch ueber die Geschehnisse in Asien berichtest und ich die Beitraege sehr interessant finde; zum Anderen, weil ich die Orte, die du derzeit bereist selbst vor einigen Jahren bereist habe und meine Gedanken ganz aehnlich waren. (offen gestanden sehne ich mich etwas wehmutig an diese schoene Zeit zurueck :)). Vieles war mir auch damals schon ein Dorn im Auge. Aber damals konnte man noch ueber die ein oder andere Sache hinwegsehen und hoffen, dass die dort gestarteten Grossprojekte (wie z. B. das Luxus Resort, das wenn man am Goldenen Dreieck stand links auf einer Insel war) hoffentlich den Investor in den Ruin treiben wuerde und das haessliche Ding bald wieder abgerissen wuerde. Wie ich aber aus deinem letzten Beitrag entnommen hab ist scheinbar leider das Gegenteil eingetroffen. Wirklich schade, dass soviele Menschen (und vorallem Politiker) bereit sind fuer ein paar Touri-Dollars ihre Seele zu verkaufen. Ich hoffe viele Menschen lesen diesen Blog und ziehen ihre Konsequenzen daraus. Keep on writing – danke fuer deine Beitraege.

  2. Hallo Armin,

    bin erst jetzt auf deinen hervorragenden Blog gestoßen. Sehr interessante Themen sind hier zu lesen und es ist für mich traurig, dass so viele Politiker, Länder, Regionen immer noch auf den schnellen Dollar schielen und dabei völlig außer Acht lassen, dass ohne nachhaltiges wirtschaften selbst ihr streben nach Gewinn nur eine kurze Spanne des Erfolges haben wird.

    Gruß und weiter so

    Tobias

    1. Danke Tobias!
      Es gibt in Südostasien zwei Verhaltensgruppen bei Regierungen und Politikern: Jene, die das schnelle Geld suchen, du hast es bereits erwähnt; und die zweite Gruppe mit denen, die langfristig planen und dabei ebensowenig auf Nachhaltigkeit und Umwelt Rücksicht nehmen.
      Die Politiker in Laos, Kambodscha oder Burma sind auf den flotten Profit aus – Taschen füllen um jeden Preis. China, Thailand und Vietnam denken in Jahrzehnten, auf Nachhaltigkeit wird bewusst verzichtet. Beide Wege führen in die Sackgasse der unwiederbringlichen Zerstörung unserer Wälder, Wasser und Kulturen. Der Tourismus kann helfen, zu einem Umdenken beizutragen, muss dabei aber selbst nachhaltig wirken. Das ist mein, dein, unser Ziel!
      LG
      Armin

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