Es gibt Essen, Kinder

Gestern haben wir Nudeln mit Tomatensoße gekocht. Heimatabend quasi, nach Wochen bengalischer Küche. Die Pasta, das Tomatenmark und den Käse haben wir im Spezialitätenregal eines gutsortierten Geschäfts entdeckt. Wir haben lange gezögert, ob des sündhaft teuren Preises. Aber dann doch zugegriffen. Ausnahmsweise. Macht man ja nicht jeden Tag. Kann man sich ja mal gönnen. Umgerechnet fünf Euro hat das Essen gekostet. Und wir haben umgerechnet, entgegen unserer Gewohnheit. Normalerweise versuchen wir, die Preise lokal einzuordnen. 300 Rupien, das ist hier eine Menge Geld für viele Leute. Mit Gemüse, Reis und Huhn kann man davon eine Familie fast eine Woche ernähren, nicht nur einen Abend. Der gesetzliche Mindestlohn für Arbeiter liegt bei knapp 90 Rupien – für einen Tag harter Schufterei auf der Baustelle beispielsweise. Seit ich das weiß, schmeckt das Bier – im Restaurant etwa zum selben Preis zu haben – leicht schal.

Andererseits heißt es ja immer, dass Tourismus einen wichtigen Beitrag zum Bruttosozialprodukt eines Landes beiträgt. Und mit Bier den wirtschaftlichen Aufschwung Indiens zu ölen, ist ja nicht die unangenehmste Vorstellung. Bier ist flüssiges Brot und so stelle ich mir die Frage, wieviele von den Krumen für die Bedürftigen abfallen. Die Einkaufskosten sind hoch – beim Bier ebenso wie bei der Pasta. Entsprechend gering fällt die Gewinnspanne für den Restaurantbesitzer aus. Wollte der mit derartigen Produkten seinen Laden am Laufen halten, seine Mitarbeiter fair entlohnen und etwas auf die Seite legen, müsste er ziemlich viel verkaufen. Oder die Preise drastisch erhöhen. Da spielt aber die Nachfrageseite nicht mit. Die Menge an mediterran-affinen Gästen hält sich in Grenzen, und wieso sollte man für banale Spaghetti Napoli mehr zahlen, als für ein Hühnercurry mit Reis und Gemüse? Ohne attraktives Ambiente bleiben die Gäste vermutlich ganz aus und ein bisschen Gewinn will der Chef des Ladens schon haben. Also müssen die Arbeitskosten runter. Duldsames Personal muss her, das für die Hälfte arbeitet. So wie der Kleine, der gerade am Nachbartisch das Essen aufträgt. Ich schätze ihn mal auf zehn. Damit wäre sein Alter wesentlich geringer als seine tägliche Arbeitszeit.

Kinderarbeit durch Pasta? Sicherlich nicht. Es wäre vermessen, dieses Phänomen derart zu vereinfachen. Aber es ist eine Denkanregung für den Fall, dass beim nächsten Restaurantbesuch die Speisekarte von einem Kind gebracht wird. Theoretisch ist Kinderarbeit im Gastgewerbe in Indien seit über einem Jahr verboten. Praktisch kümmert das nur wenige. Wenn schon die Polizei nichts tut, was will man als Einzelperson schon ausrichten? Geschweige denn, wenn man nur als Urlauber im Land ist? Man kann seinen Unmut kundtun. Beim Restaurantbesitzer mag das wenig bewirken. Das kommt ganz darauf an, wieviele Leute ihn an seinen Gesetzesbruch erinnern. Und vielleicht die Pizza sein lassen und den Gemüse-Reis probieren. Von dessen Zubereitung haben nämlich die Inder sowieso mehr Ahnung, und dem Chef fällt dann auch seine Personalpolitik leichter.

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