Die Sanduhr tickt

In meinem ersten Oman-Blog „Grand Canyon“ habe ich über die Bergwelt und deren Erschließung berichtet. Diese steckt sicher noch in den Kinderschuhen. Raststationen sind praktisch nicht vorhanden und markierte Wanderwege selten. Doch das Netzwerk wird wachsen und mit ihm die Zahl der Naturbegeisterten. Touristen zieht es aber nicht nur in die schöne Bergwelt des Oman sondern auch in die endlosen Weiten der Sandwüsten…

Die Sandwüsten des Oman

Der Oman hat zwei große Sandwüsten. Die Rub Al Khali (oder Empty Quarters) zieht sich von den Vereinigten Arabischen Emiraten über Saudi Arabien, den südwestlichen Oman bis nach Jemen. Der größte Teil der Rub Al Khali liegt in Saudi Arabien. Mit insgesamt über 500,000 km² lässt sich die Rub Al Khali flächenmäßig mit Frankreich vergleichen, welches 544,000 km² bedeckt.
Ich will diesmal aber die kleinere der beiden Wüsten im Oman beschreiben – die Wahiba. Offiziell heißt diese 200 mal 80 Kilometer weite Wüste auch Rimal Ash Sharqiyyah. Sie zieht sich vom Fuß des östlichen Hadjar Gebirges geradewegs nach Süden bis an die Küste nördlich der Insel Masirah. Die Dünen der Wahiba sind mächtig. Bis zu 80 Meter hoch türmen sich die wandernden Sandgebirge auf. Die relative Nähe zu Muskat macht die Wahiba zu einem beliebten Ausflugsziel. Selbst aus den Vereinigten Arabischen Emiraten kommen in den Wintermonaten zahlreiche Touristen in die Wahiba.

Die Wahiba erscheint endlos in der Morgensonne

Es ist wohl die Attraktion der endlosen Weite, gepaart mit kohlschwarzen Nächten und sorgloser Stille. Der Großteil der Sandbegeisterten sucht Tranquilität und Abenteuer; das Gefühl sich zu verlieren zwischen den hohen Dünen. Nur zwei Farben prägen das Bild für die Augen der Ruhesuchenden – das Rot des Sandes und ein milchig, staubverwaschenes Blau des Himmels. Nachts ist alles schwarzweiß, die Sterne sind die einzige Lichtquelle soweit man blickt. Auch ich nahm dies zur Gelegenheit, um hoch über der Zeltstadt des Safari Desert Camps meinen Fotoapparat auf einem Stativ gegen den Himmel zu richten. Die wenigen Öllampen des Camps störten kaum. Ihr Licht war aus mäßiger Entfernung kaum stärker als der gleißende Schein Jupiters hoch über dem Horizont.

Jupiter und das Zodiakallicht in der Wahiba, rechts die Milchstraße

Rund um Jupiter war da auch noch das Zodiakallicht, ein schwach glimmender Lichtkegel, der gut 50 Grad hoch in den Himmel ragte. So „hell“ und auffällig wie hier in der Wahiba hatte ich seinen Schein in Europa noch nie gesehen. Sein blasses Leuchten kommt von Staubpartikeln im All; mikroskopische Sandkörner, die sich zwischen den Planeten um die Sonne bewegen und deren Licht reflektieren. Ich begab mich mit Stativ und Kamera auf die nächste Düne hinter meinem Zelt und versuchte den weichen Pastell-Schein einzufangen. Es war bereits nach 23 Uhr und ruhig im Camp. Nicht ganz so ruhig war es leider außerhalb der Anlage…

Unter die Ruhesuchenden mischten sich leider hartgesottene Allrad-Abenteurer, denen ein Ritt über die taghellen Dünen nicht kribbelig genug war. Das sandige Abenteuer macht offensichtlich erst um Mitternacht so richtig Spaß. Mit 300 PS, heulenden Motoren und Fernlicht martern sie ihre Jeeps und Toyotas über die Sandberge. Ich musste zunächst tief durchatmen, um nicht stinksauer zu werden. Vielleicht habe ich es nur falsch verstanden, als das Camp-Management in einer E-mail an einen Freund von mir davon sprach „Ruhe im Camp garantieren zu wollen“. Tagsüber herrscht ja auch Ruhe.

Es wäre so einfach, diese spätabendlichen Ergüsse bessessener Autonarren im Sinne der Wahiba einzustellen. Ein Wort des Campmanagers und niemand würde sich ob eines nächtlichen Fahrverbots schlecht behandelt fühlen. Bisher habe ich nur zweimal im gleichen Camp übernachtet, werde aber beim nächsten Mal den Ort wechseln, in der Hoffnung, etwas mehr nächtliche Tranquilität zu finden.

Auch geplanter Straßenbau gefährdet die Wahiba

Gefährdet ist die Schönheit der Wahiba aber nicht nur durch die Allrad-Ritter der Finsternis. Müll ist ein viel größeres Problem. Auf meiner Nord-Süd-Durchquerung der Wüste fand ich kaum einen Rastplatz, der nicht von Dosen, Plastik und sogar Ölfässern gesäumt gewesen wäre. Was der Wind nicht von dannen trägt, verteilen die Ziegen in der kargen Einöde. Beduinen sind gleichermaßen schuld an der Vermüllung der Wahiba wie Touristen. Ich konnte es kaum glauben, wie dieses endlose Sandmeer langsam zerstört wird. Früher waren es Wilderer, die den Oryx und andere seltene Tierarten beinahe ausrotteten, dann kamen verwilderte Ziegen und Kamele, die die fragile Natur bedrohen und nun Tourismus. Der entgültige Todesstoß könnte aber eine geplante Autobahn durch die Wahiba sein. Nord-Süd, mitten durch die Wüste. Man kann nur hoffen, dass die planenden Behörden doch noch zur Einsicht kommen. Der Kampf um nachhaltigen Tourismus ist schon schwer genug. Eine Straße mit all ihren Impakten ist aber ein unbesiegbarer Gegner der Natur. Die Trasse durch die Wahiba würde eine Verbindung von Sur nach Ad Duqm um höchstens 15% verkürzen. Ob das geringe Verkehrsaufkommen dieser Route die Verbauung der Wüste rechtfertigen würde, ist fraglich. Ich denke, dass das touristische Potential um ein vielfaches höher ist. Vielleicht existiert in den Schubladen der Entwickler aber noch ein großes Erz- oder Ölvorkommen unter den Sanden der Wahiba, wer weiß schon… ich höre die Sanduhr jedenfalls ticken.

Man kann der Wahiba nur wünschen, dass sie nicht so endet wie diese Gazelle

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