September 19, 2009

Tourismus und Frieden – Quo vadis Thailand

Viele mittlerweile populäre Urlaubsländer in Südostasien waren vor wenigen Jahren noch Orte des Krieges, der Zerstörung und ethnisch-politischer Konflikte. Es seien nur einige kurz in Erinnerung gerufen:
Der Vietnamkrieg endete vor 34 Jahren. Der Laoskrieg endete ebenso 1975. Beide Länder blieben daraufhin jedoch für ein weiteres Jahrzehnt praktisch geschlossen. Die Roten Khmer Kambodschas wurden 1978 nach 4-jähriger Schreckensherrschaft (Nachlese zu Tuol Sleng) von vietnamesischen Truppen gestürzt. Die vietnamesische Besetzung des Landes endete schließlich 1989. Die letzten Widerstandskämpfer der Roten Khmer ergaben sich erst zwischen 1996 und 1999. Bis zum heutigen Tag gibt es noch immer bewaffnete Konflikte in Teilen Burmas und zahlreiche Distrikte des Unionsstaates sind nachwievor gesperrt (Nachlese: Tourismus und Frieden – Eine Reise in den Eastern Shan State Burmas). Selbst in jenen Ländern, die in den letzten Jahrzehnten keine großräumigen militärischen Auseinandersetzungen sahen, gab es häufig blutige Regierungsumstürze, lokal begrenzte Rebellenscharmützel, Proteste und Bombenattentate. Thailand, Indonesien und die Philippinnen zählen zu diesen Nationen.

Kambodscha, Vietnam und vor allem Laos haben es in den vergangenen Jahren jedoch geschafft, die Tourismuswelt durch diktierte Stabilität und immer besser werdende Infrastruktur zu überzeugen. Unter dem Schutz großer Reiseveranstalter haben sogar Herr und Frau „Neckermann“ ihre Furcht vor der Wildnis Indochinas verloren. Das Stigma einstiger Kriege haftet zwar immer noch an der Region, gepaart mit der Perfektion geführter Touren im klimatisierten Bus entwickelte sich daraus jedoch eine neue Reisefaszination für die „Neckermanns“. Man musste seinen Verwandten zuhause ja nicht erzählen, dass man weder eine einzige der Millionen Landminen in Kambodscha gesehen hatte, noch über einen Kriegsversehrten in Laos stolperte, der sich mit verstümmelten Beinen seinen Weg durch die Marktlandschaft Vientianes bahnte.

Die anfängliche Angst Thailands, durch die aufstrebenden Länder Indochinas als primäre Reisedestination abgelöst zu werden, bestätigte sich nicht. Viele Reisende starteten ihre Indochina-Touren in Thailand, oder nützten ganz einfach die Drehscheibe Bangkok als Billigflugdestination auf dem Weg in die Nachbarländer. Wiederum andere wollten ein paar stressfreie Tage am Strand von Phuket verbringen, nachdem sie sich zwei Wochen lang der Anspannung ausgesetzt sahen, womöglich von einem übriggebliebenen Roten Khmer-Rebellen verschleppt zu werden… Wem Indochina bisher als „kribbelig“  erschien, für den war Thailand schlichtweg bedenkenlos als Urlaubsland. Das politische Chaos Bangkoks war schon immer bekannt und konnte der Reputation der Nation als sichere Destination bisher auch kaum etwas anhaben. Viele Urlauber verglichen die politische Situation im Land mit jener Italiens und lagen damit nicht so unrichtig. Von nahezu 20 Regierungsumstürzen seit dem 2. Weltkrieg verliefen „nur“ zwei gewaltsam, 1973 und 1991. Der blutige Verlauf des Coup d’état im Mai 1991 wurde von vielen Touristen zwar mit Schock verfolgt, langfristig negative Auswirkungen hatte aber selbst dieser Konflikt nicht auf die touristische Entwicklung des Landes. Weshalb? Pro-westliche Politik und zur Schau gestellte Polizei- und Militärmacht erzeugten bei Touristen das Gefühl, dass nichts passieren konnte.

Ob gelb oder rot - endlose Demos gefährden den Tourismus Thailands

Ob gelb oder rot - endlose Demos gefährden den Tourismus Thailands

Das hat sich im Dezember 2008 schlagartig geändert. Der Machtkampf zwischen den gelb gekleideten Anhängern der People’s Alliance for Democracy (PAD) und der rot kostümierten Gefolgschaft des 2006 gestürzten Premiers Thaksin Shinawatra gipfelte in der Besetzung beider Flughäfen Bangkoks durch die „Gelbjacken“. Das touristische Chaos war perfekt. Zehntausende waren im Land des Lächelns gestrandet und Ausweichflughäfen hatten nicht die Kapazität, um alle Flüge abzufertigen. Einige Fluglinien stornierten ihre Flüge gänzlich. Die thailändischen Behörden halfen zwar mit Kompensation (zirka 45 Euro pro Tag und Person) für Unterkunft und Verpflegung, und körperlich bedroht war auch niemand in diesem Ausnahmezustand, doch glücklich über den zwangsverlängerten Urlaub war kaum jemand. Der finanzielle Schaden lag bei vielen Touristen weit über der ausbezahlten Soforthilfe. Wenige Monate später kam der nächste Schlag mit schweren Unruhen in Bangkok, nachdem die thailändische Polizei tatenlos dem Sturm eines Konferenzzentrums in Pattaya zusah, wo ein politischer Gipfel der ASEAN-Staaten und Chinas stattfand. Thailand hatte seinen Ruf als sicheres Konferenz- und Reiseland nun entgültig verloren.

Während offizielle Statistiken neuester Touristenankunftszahlen zur Zeit im Internet nicht abrufbar sind, schaffen ein paar Webspezialisten dennoch, ein klares Bild von der Hotelbuchungssituation in Thailand zu präsentieren: Online-Zimmerreservierungen sind seit Oktober 2008 um über 40% zurückgegangen. Die Weltwirtschaftskrise hat natürlich auch ihren Beitrag zum Rückgang geleistet, jedoch sicher nicht in diesem Ausmaß.

Während beide Streitparteien im Land (Gelb und Rot) versuchen, jedem Touristen zu versichern, dass der politische Konflikt niemanden den Strandurlaub versauern würde, beurteilen die Außenministerien einzelner Länder die Spannungen keineswegs als harmlos. Eine umfassende Reisewarnung wie jene Australiens (Link) ist kein Einzelfall mehr. Touristen haben daraus ihre Konsequenzen gezogen. In Thailand selbst ist man jedoch überrascht. Weder das „gemeine“ Volk, noch die offiziellen Vertreter der Nation haben den Ernst der Lage wirklich erkannt. Sie glauben, mit Ausverkaufsslogans und Gratisvisa den Tourismus wieder ankurbeln zu können. Ich habe in den vergangenen drei Monaten mit sehr vielen Thais über Tourismus und Politik diskutiert. Viele sahen zwar das Problem der politischen Instabilität und dessen Einfluss auf den Tourismus, die meisten wollten ihre eigenen politischen Aktivitäten jedoch nicht ändern oder gar aufgeben. Man kann aber nicht Frieden predigen und Feuer versprühen. Das ist vielen Schichten der thailändischen Bevölkerung noch nicht klar genug geworden.

Zudem tendiert man in Thailand dazu, unbequeme Wahrheiten von sich zu weisen und sich einfach bessere Erklärungen zurechtzulegen, die ein eigenes Verschulden einer Situation nicht mehr direkt implizieren. Kurz gesagt: Man belügt sich selbst. Das sind schwere Anschuldigungen. Ich habe jedoch in meinen Diskussionen mit mehreren Vertretern  der TAT (Tourism Authority Thailand) festgestellt, dass man sich wirklich der kommoden Ausrede der schlechten Weltwirtschaftslage hingibt, anstatt die politische Lage als Mitverursacher des kollapierenden Tourismus zu analysieren. Thailändische Studenten befragen Reisende auf Flughäfen und vor Hotels noch immer, welches Gericht ihnen am besten mundet und wo sie am liebsten unter der tropischen Sonne braten. Eine Frage wie „Fühlen sie sich durch Demonstrationen in Bangkok verunsichert oder persönlich in ihrer Sicherheit als Tourist bedroht?“ habe ich noch auf keinem Umfragezettel gelesen.

Kein Tourist fühlt sich wohl beim Anblick von Polizeibarrikaden, hier im April 2009 in Bangkok

Kein Tourist fühlt sich wohl beim Anblick von Polizeibarrikaden, hier im April 2009 in Bangkok

Thailand scheint sich der trügerischen Hoffnung hinzugeben, dass der potentielle Gast sich vor politischen Unruhen entweder nicht weiter fürchtet, oder das verlockende Angebot eines Urlaubs zum Dumpingpreis anziehender wirkt, als die Angst womöglich wieder vor gesperrten Flughafenzufahrten zu sitzen. Derartige Schlussfolgerungen bedeuten auch, dass offizielle Stellen in Thailand der Meinung erliegen dürften, dass die Reisewelt sich schon irgendwann an die unruhige, instabile Lage im Land gewöhnen würde, denn: Touristen sind ja nicht wirklich direkt vom  Machtkampf Gelb gegen Rot betroffen…  Das ist leider ein weiterer fataler Trugschluss.

Die politischen Unruhen, gekoppelt mit wirtschaftlichen Problemen haben auch in Thailand die Arbeitslosigkeit in die Höhe schießen lassen. Touristen sind zwar vor Einbrüchen in Hotels sehr sicher, gehäufte Gelegenheitsdiebstähle und versuchter Betrug sind aber auf dem Vormarsch. Die Statistiken der Polizei (Link) sind nur bedingt aussagekräftig und unterliegen offenbar sehr starken Schwankungen, möglicherweise verursacht durch die politisch instabile Lage im Land und die damit verbundenen Prioritäten des Innenministeriums. Viele Urlauber, die Opfer der Kleinkriminalität werden, zeigen aus Frust und Zeitmangel ihre Fälle auch selten an. Man wägt ab, ob es dafürsteht, einen halben Tag bei der durchwegs sehr hilfsbereiten und freundlichen Touristenpoizei zu verlieren, um den Diebstahl eines Paares neuer Schuhe vor einem Tempeleingang, wo man sie deponierte, zu melden. Wird einem Touristen das gemietete Mofa gestohlen, sieht die Sache jedoch schon anders aus.

Es mutet beinahe paradox an, dass ein westlich orientiertes Land mit demokratischen Strukturen plötzlich gefährlicher auf der touristischen Landkarte erscheint, als so manche Diktatur. Soll das nun heißen, dass mit der Demokratisierung eines Landes auch die Kriminalfälle ansteigen und der Tourismus mit größeren Unsicherheitsfaktoren zu rechnen hat? In Entwicklungsländern leider ja, sage ich ganz unverhohlen. Das unkontrollierte Streben nach Demokratie führt in vielen Zweite- und Dritte-Welt-Ländern manchmal zu anarchistischen Zuständen, die auch den Tourismus negativ beeinflussen, wenn sie außer Kontrolle geraten. Thailand ist da kein Einzelfall. Man erinnere sich nur an die Geburtswehen der chilenischen, argentinischen oder griechischen Demokratie. Thailands Weg zur stabilen Demokratie dauert aber bereits sehr lange an und ich bezweifle, dass die jüngsten Unruhen die letzten gewesen sind.

Das Democracy Monument in Bangkok, Thailand sollte sich öfter an seine Existenz erinnern

Das Democracy Monument in Bangkok, Thailand sollte sich öfter an dessen Existenz erinnern

Es ist sicher keine Diktatur notwendig um wieder die Sicherheit für den Tourismus im Land zu gewährleisten. Allein die Besinnung zu friedlichem Handeln und zur Akzeptanz demokratischer Entscheidungen könnten das Ruder Thailands wieder ins Lot bringen. Touristen werden dann wieder von selbst kommen, nachdem die gute Infrastruktur und die Freundlichkeit der Bevölkerung weltweit bekannt sind. Die Lage ist momentan zwar ernst, aber keineswegs hoffnungslos.

September 14, 2009

Tourismus und Frieden – der Tempelkrieg

Vor 1000 Jahren wussten die Priester und Baumeister des einst riesigen Khmer-Reiches nicht, was sie anrichteten, als sie hinduistisch-religiöse Tempelanlagen auf einer Hügelkette nördlich der grandiosen Hauptstadt Angkor errichteten. Sie konnten nicht einmal erahnen, dass sich Jahrhunderte später zwei unabhängige Nationen um genau diese Tempelanlagen streiten würden: Thailand und Kambodscha. Die Namen der Tempel: Prasat Preah Vihear und Prasat Ta Muean Tom. Grund der Uneinigkeit: Das ist eine lange Geschichte…

Ort des Konflikts - die lange Grenze zwischen Thailand und Kambodscha

Ort des Konflikts - die lange Grenze zwischen Thailand und Kambodscha

In den Jahren 1904 bis 1907 wurde die Grenze zwischen dem damaligen Siam und französischen Kolonialprotektoraten (heute Laos und Kambodscha) neu festgelegt. Frankreich und Siam einigten sich 1904 auf die Entsendung von gemischten Vermessungsteams, die die Grenze entlang der Wasserscheide auf der Dongrek Hügelkette bestimmen sollten. Das Siamesische Königreich hatte jedoch keine ausgebildeten Kartographen und fragte daher Frankreich, bei der Erstellung von Kartenmaterial unterstützend zu wirken. Das tat Frankreich auch und zeichnete den Tempel Prasat Preah Vihear als kambodschanisches Besitztum ein. Topografisch gesehen machte dies weder Sinn, noch entsprach es der statuierten Wasserscheide. Abweichungen von dieser waren aber in speziellen kulturellen und sozialen Fällen möglich, damit es zum Beispiel nicht zu Trennung von Ortschaften oder Liegenschaften kam. Preah Viharn kann als solcher Spezialfall gesehen werden – kulturell zählt dieser Tempel sicher zum Khmer-Reich und damit zu den Vorfahren des heutigen modernen Kambodscha. Der Tempel liegt auf dem höchsten Punkt eines Hügels, der von Thailand aus flach ansteigt und nach Kambodscha hinunter als senkrechte Klippe abfällt. Mag sein, dass Regenwasser teilweise wirklich über die Klippen hinunter nach Kambodscha abrinnt.

Die kontroversielle Karte selbst wurde von Siam nie formell akzeptiert, der finale Grenzvertrag aber 1908 ohne Prostest von der siamesischen Regierung unterzeichnet. Siam befand sich damals „im Glauben“, die französische Grenzziehung wäre gemäß der vereinbarten Bedingungen (Wasserscheide) vonstatten gegangen und damit fair. Erneute Vermessungen und Geländebeurteilungen der Thais in den Jahren 1934-35 fanden den Tempel auf thailändischem Staatsgebiet liegend. Thailand jedoch publizierte und verwendete weiterhin die alten französischen Grenzen und legte keinen Protest bezüglich Prasat Preah Vihear ein. Frankreich und die internationale Staatengemeinschaft sahen in der Anerkennung der französischen Grenze und in Abwesenheit offizieller Proteste gegen die alten Kartenwerke eine Aufgabe des Gebietsanspruches Thailands für Preah Vihear. Für Thailand war die Angelegenheit über Jahrzehnte hinweg jedoch auch einseitig klar: Man administrierte den Tempel als thailändisches Kulturgut.

Nachdem Thailand in den 50er-Jahren Preah Vihear militärisch besetzte, ging von Kambodscha 1959 ein Antrag um Klärung an den Internationalen Gerichtshof. Dieser entschied 1962 unter Berufung auf jahrzehntelang fehlende thailändische Protestnoten, und im Einklang mit den alten französischen Karten für Kambodscha.

Neben Preah Vihear befindet sich auch Prasat Ta Muean Tom auf der Grenze zwischen Thailand und Kambodscha

Neben Preah Vihear befindet sich auch Prasat Ta Muean Tom an der Grenze zwischen Thailand und Kambodscha. Auf welcher Seite, ist bei letzterem noch zu klären.

Prasat Preah Vihear mit seiner spektakulären Lage auf der hohen Felsklippe war von kambodschanischer Seite ohne Benützung thailändischen Territoriums lange nicht erreichbar.  Es wurden daher über viele Jahre hinweg immer wieder mündliche Vereinbarungen getroffen, die Thailand die Aufsicht und Instandhaltung der Tempelanlage zusprachen. Ein offizieller Besitzanspruch kann sich darin aber nur schwer begründen. Mit dem wachsenden Touristenstrom in die Region und der steigenden Popularität Preah Vihears als Ausflugsziel, begann man in beiden Ländern nun den Geldsegen zu sehen. In den vielen Jahren seit Preah Vihearn touristisch von Thailand aus zugänglich ist, gab es immer wieder Perioden des Konflikts und der Schließung der Anlage. Auseinandersetzungen entstanden nicht nur aus militärischen Gründen, wie in den 80er und 90er-Jahren, als noch Zellen der Roten Khmer-Rebellen das kambodschanische Gebiet um Preah Vihear kontrollierten. Ich erinnere mich noch gut an die Anbahnung von Problemen, als die Thais kambodschanischen Souvenierverkäufern den Zugang zum Tempel über einen thailändischen Weg verweigerten. Die Aussage der Thais damals: Von den Kambodschanern würde die Umgebung des Tempels und somit auch thailändisches Territorium verschmutzt… So unrecht hatten die Thais da gar nicht.

Der Konflikt eskalierte vor etwas mehr als einem Jahr, als der kambodschanische Antrag an die UNESCO um die Aufnahme Preah Vihears in die Liste der Weltkulturerbestätten angenommen wurde. Thailändisch-kambodschanische Vereinbarungen rund um den Tempel wurden kurz vor Genehmigung des UNESCO-Antrages von den Thais als verfassungswidrig erkannt und einseitig annuliert. Umstritten ist nunmehr nicht so sehr der territoriale Anspruch des Tempels selbst, sondern die Zugehörigkeit weiterer 4,6 Quadratkilometer Land in unmittelbarer Nähe der Ruinen. Leittragende des Konflikts sind seit jeher die Familien der bisher gefallenen und verwundeten Soldaten beider Seiten, und auch der gesamte Tourismus.

Sollten sich die beiden Länder nicht über einen bilateralen, uneingeschränkten Zugang zum Tempel für Touristen einigen können, wäre der Ernennung der Anlage zum Weltkulturerbe nicht wirklich Genüge getan. Ultranationalisten in beiden Ländern versuchen nachwievor, eine Einigung der Regierungen Thailands und Kambodschas zu torpedieren. Während die einen auf das alte Khmer-Reich und dessen Anspruch auf weite Teile Thailands pochen, erklären andere die franko-thailändische Vereinbarung von 1908 (und die Karte von 1907) als Diebstahl des Tempels durch Frankreich und somit Kambodscha. Dabei würden beide Nationen vom sicheren und freien Tourismus in dieser abgelegenen Region profitieren.

Zur Zeit eskortieren Thai-Soldaten jeden Touristen durch Prasat Ta Muean Tom. Der Eintritt ist frei.

Zur Zeit eskortieren Thai-Soldaten jeden Touristen durch Prasat Ta Muean Tom. Der Eintritt ist frei.

Nach Abschluss meiner Mekongreise durch Nordostthailand wollte ich mir vor wenigen Tagen selbst ein Bild von Preah Vihear und seiner derzeitigen touristischen Entwicklung machen. Erfolglos – der Zugang zum Tempel war gesperrt. Ich musste auf eine zweite, weitaus weniger bekannte Anlage etwa 150 km weiter westlich ausweichen: Prasat Ta Muean Tom. Auch hier ist die Grenzziehung von Disputen umwirbelt. Zur Zeit wird dieser Khmer-Tempel im Urwald an (oder auf) der Grenze von der thailändischen Armee bewacht. Das Gebiet um die von Thailand restaurierten Ruinen ist gesperrt – alte Minenfelder sind der Grund. Touristen werden von den Thais zwar eingelassen, bekommen aber einen unbewaffneten Vertrags-Soldaten der Thai-Armee als Begleiter zugewiesen. Als ich Prasat Ta Muean Tom besuchte, saßen keine 10m hinter dem hohen Tempelportal auch einige kambodschanische Soldaten. „Sie sorgen dafür, dass kein Tourist hinunter nach Kambodscha läuft. Wir hatten dieses Problem bereits.“, bekomme ich zu hören. 

Diese Tafeln rund um Ta Muean Tom bezeichnen die Minengefahr

Diese Tafeln rund um Ta Muean Tom bezeichnen die Minengefahr

„Die Gefahr ist nicht, dass jemand am helllichten Tag angeschossen wird, sondern die Minen im ungeklärten Waldgebiet rund um den Tempel.“, erläutert mein Thai-Armee-Begleiter weiter. Meine Frage, wem nun der Tempel gehöre, beantwortete der Soldat mit Diplomatie: „Es gibt mehrere Kartenversionen. Wir sind gerade dabei, die Grenze mit den Kambodschanern neu und entgültig zu markieren.“ Von einer anderen Quelle erfuhr ich später, dass auch Prasat Ta Muean Tom von Kambodscha beansprucht wird und bereits flott an einem Zugangsweg gebaut wird.

Zu allem Überdruss gibt es dann sogar noch einen dritten, kleinen Tempel direkt auf der Grenze. Dieser, der Name ist mir leider nicht bekannt, ist auf keiner guten Straße erreichbar und touristisch auch nicht erschlossen, wird aber dennoch von den Armeen beider Länder bewacht, oder besser: beobachtet.

Im Fall von Prasat Preah Vihear sieht es leider so aus, als hätte der Tourismus nicht zum Frieden beigetragen, sondern den Konflikt über Jahre hinweg erst richtig angefacht. Ob sich Kambodscha und Thailand wirklich im Sinne der Völkerverständigung und des „grenzenlosen“ Tourismus einigen werden, ist offen. Beide Seiten argumentieren zwar für die Bereinigung des Disputs, so richtig glauben will es hier in Südostasien aber keiner. Zu tief sitzt das Misstrauen in den Gehirnen der Politiker. Solange Jahrhunderte alte Ressentimente den Umgang miteinander bestimmen, wird auch der Tourismus nicht konfliktklärend wirken können. Das haben aber weder die Lokalbevölkerung, noch die Tempelanlagen selbst verdient.

Nachleselink: Entscheidung des Internationalen Gerichtshofes um Preah Vihear

September 11, 2009

Tourismus und Frieden – Reise in den Eastern Shan State Burmas

 

Ein schwer geprüftes Land

Es vergeht kein Jahr ohne negative Schlagzeilen aus der politischen Welt Burmas. Seit 1962 regiert das Militär und verhindert mit brutaler Gewalt jeden Versuch der Opposition, das Land wieder von diesem Joch zu befreien. Die ganze Welt kennt den Leidensweg der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi. 1990 errang sie bei freien Wahlen mit ihrer Partei National League for Democracy einen Erdrutschsieg. Wenige Monate danach erklärte das Regime in Rangoon das Wahlergebnis für ungültig und schlug die folgenden Proteste blutig nieder. 14 der letzten 20 Jahre verbrachte Aung San Suu Kyi unter Hausarrest und erst vor wenigen Wochen wurde sie zu weiteren 18 Monaten Ausgangssperre verurteilt. Ein schlechtes Vorzeichen für die kommenden Wahlen im Jahr 2010.

Burmas Konflikt hat seine Wurzeln jedoch nicht nur im Verlangen der Bevölkerung nach mehr Demokratie. Die Gründe sind viel weitreichender. Über 80 ethnische Gruppen bewohnen den 50-Millionen-Einwohner-Unionsstaat. Zahlreiche Minderheiten streben seit der Unabhängigkeit 1948 nach Autonomie und Selbstverwaltung. Über 20 Gruppen habe ihre eigene Armee und das Drogengeschäft spielt in manchen Regionen eine gewichtige Rolle. Hinzu kommen noch die wirtschaftlichen und strategischen Interessen der Nachbarländer Burmas und die grenzenlose Korruption in den Reihen der heimischen Politik und Verwaltung. Eigentlich klingt das alles zusammen sehr hoffnungslos. Trotz all dieser Probleme hatte Burma (heute heißt der Staat Union of Myanmar, nach seiner Umbenennung durch die Regimeführung) aber in den ersten Jahren nach der Unabhängikeit vom Britischen Königsreich eine aufstrebende Wirtschaft. Das Land konnte noch von der britischen Infrastruktur und den alten Geschäftsbeziehungen zehren. Das jähe Ende kam dann mit der Machtübernahme durch General Ne Win. Burma stürzte in den wirtschaftlichen Tiefschlaf. Tourismus gab es für viele Jahre überhaupt nicht und selbst nach der geringfügigen Öffnung in den 80er-Jahren war eine Reise in diesen Vielvölkerstaat teuer und durch das Regime sehr eingeschränkt.

Die burmesische Opposition und viele internationale Organisationen forderten jahrzehntelang zum Tourismusboykott gegen Burma auf. Ihre Argumente: Das Regime des Staates würde durch Tourismuseinnahmen finanziell nur noch weiter gestärkt. Devisenzwangsumtausch und die Notwendigkeit der Benützung staatlicher Einrichtungen unterstützten die Boykottforderungen lange Zeit kräftig. Beides ist heute jedoch Vergangenheit. Natürlich erwirtschaftet Burmas Militärregierung weiterhin durch den  Tourismus einen Teil ihrer Deviseneinnahmen. Die Realität sieht jedoch ganz anders aus. Der Großteil „harter Währungen“ für das Militärregime kommt nicht von Touristen, sondern vom Verkauf von Holz, Bodenschätzen, Erdgas und Fischereirechten, sowie von Burmesen, die in den Nachbarländern arbeiten und ihre Ersparnisse zurück ins Land bringen. Zu den Käufern der natürlichen Resourcen Burmas zählen nicht nur die ASEAN-Staaten und China, sondern auch viele westliche Nationen.

Der Bürgerkrieg hat Millionen zu Flüchtlingen gemacht

Der Bürgerkrieg hat Millionen zu Flüchtlingen gemacht

Die meisten ethnischen Minderheiten der Nation haben in den 90er-Jahren nach langen Partisanenkriegen unter militärischem Druck Waffenstillstände und Friedensverträge mit dem Regime geschlossen. Die neuerlangte Sicherheit gab den Machthabern in Rangoon zwar die Möglichkeit der Kontrolle und Ausbeutung der „befriedeten“ Regionen, führte aber auch zur touristischen Öffnung bis dahin gesperrter Zonen. Zur Zeit erscheinen jedes Jahr neue Destinationen auf der Liste bereisbarer Orte Burmas und das Verständnis der Regierung für die Entwicklung des Toursimus hat sich grundlegend geändert. Aber auch die Argumente der Tourismusgegner haben sich gewandelt. Es sind nicht mehr nur die finanzpolitischen Gründe, die gegen eine Reise ins Goldene Land propagiert werden, sondern auch der Boykott aus ideologisch-politischen Gründen.

Seit Jahren überlege ich schon, ob dieser Boykott überhaupt sinnhaft ist. Wenn ich ohne große Hindernisse individuell durchs Land pilgern könnte, meine Devisen ungehindert unters Volk bringen könnte und mit den Menschen unzensierte Gespräche führen könnte, was sollte dann so falsch sein an einer Reise nach Burma? Ja, ich bin ein Regimekritiker, aber ich würde nicht als Befreiungskämpfer ins Land kommen, sondern als Tourist und Vermittler. Ich würde auch nicht versuchen, den nächsten Aufstand auszubrüten, sondern mit den Leuten über ihr Land, ihre Geschichte und ihre Wünsche schwätzen. Ist das schlecht? Ich finde es auch sehr eigenartig, dass viele „Burmaverweigerer“ fraglos (gedankenlos?) nach Vietnam, Laos oder China reisen. In diesen Ländern gibt es unzählige politische Häftlinge, Menschen werden enteignet – sogar für touristische Projekte – und ethnische Minderheiten politisch und wirtschaftlich benachteiligt. Meine Argumente sehe ich nicht als Freibrief für burmesischen Massentourismus. Wer jedoch in ein diktatorisch geführtes Land reist, sollte sich bereits vorher Gedanken machen, unter welchen Voraussetzungen er/sie dorthin fährt und ob es der Lokalbevölkerung dienlich sein kann. Ist letzteres nicht gegeben, rate auch ich von einer Reise ab, egal ob Burma, Laos oder sonstwo.

Entschluss zur Reise nach Burma

In den luftigen Höhen des Doi Inthanon wurde die Fahrt beschlossen

In den luftigen Höhen des Doi Inthanon wurde die Fahrt beschlossen

Mitte August fuhr ich mit Freundin Janey nach Chiang Mai, um mit dem Ethnologen Reinhard Hohler über den Mekong zu sprechen. Daneben war auch ein Treffen mit weiteren Freunden aus Österreich geplant. Die beiden, Leone und Bernhard Hantke aus Klagenfurt, waren auf dem Weg von Laos nach Nordthailand und unsere Wege kreuzten sich zufällig in Chiang Mai.
Am zweiten Tag meines Aufenthaltes in der kulturreichen Metropole Nordthailands traf ich mich zunächst mit Reinhard. Unser spätabendliches Geschnatter driftete nach und nach vom Mekong in Thailand ab in Richtung Nordwesten in den Shan-Staat der Union of Myanmar. Reinhard schilderte mir seinen abenteuerlichen Ritt mit einem 35 Jahre alten Landrover von Mae Sai über Keng Tung nach Möng La an der chinesischen Grenze und wieder zurück nach Thailand. Ich war wie gefesselt von seinen Erzählungen über die Volksgruppen des Shan-Staates, die zerklüftete Bergwelt, unberührte Hilltribe-Dörfer und das freundliche Entgegenkommen der Menschen in dieser entlegenen Region. Wie vom Blitz getroffen entschloss ich mich, seine Reise nachzuvollziehen. Meine Begleiterin meinte zwar, ich sei verrückt, aber auch sie fand schließlich Gefallen an der Idee. Um für unsere Tour mehr Sicherheit zu gewährleisten und auch die Kosten zu senken wollte ich noch Freunde mitnehmen. Ich fragte daher am nächsten Tag Leone und Bernhard bei einem Ausflug auf den Gipfel des Doi Inthanon, Thailands höchsten Berg mit 2565 Metern, ob sie die Fahrt in den Eastern Shan State mitmachen würden. Ihre Entscheidung fiel in wenigen Minuten. Unter Sauerstoffmangel und Höhenstrahlung sagten sie zu und wir legten den nächsten Morgen als Abfahrtstermin fest.

Für die 7-tägige Fahrt hatte ich mir kurzfristig noch einige Grundsätze zurechtgelegt: So wenig Geld wie möglich den staatlichen Institutionen Burmas zu hinterlassen, in privaten Unterkünften zu übernachten und mit den Menschen über den Tourismus und die Sinnhaftigkeit des Boykotts zu diskutieren. Ich wollte nicht einfach nur in den Eastern Shan State reisen um mein Bedürfnis nach Abenteuer zu stillen. Die Fahrt musste einen Zweckhintergrund haben – Tourismus und Frieden. Dieses Thema hatte ich bereits vor ein paar Monaten mit respect in Wien besprochen und nun war eine großartige Gelegenheit entstanden, in Burma zu recherchieren und einen Beitrag dazu zu schreiben.

Der Eastern Shan State ist eingebettet zwischen Thailand, Laos und China

Der Eastern Shan State ist eingebettet zwischen Thailand, Laos und China

Meine Erwartungen waren trotz der überschwenglich positiven Erzählungen von Reinhard Hohler eher gelassen und nicht zu hoch. Ich befragte kurzfristig einige Thais in Chiang Mai und alle berichteten mir von Diebstählen, Sicherheitsproblemen und schlechten Straßen im Shan-Staat. Letzteres traf dann wirklich zu, das fürchtete ich aber am wenigsten.

Unvermeidlicher Papierkram

Den ersten Tag der Reise verbrachten wir noch in Thailand mit dem Einkauf notwendiger Kleinigkeiten, wie etwa einer wasserdichten Kunststoffplane für die Ladefläche meines Allrad-Pickups und Naschereien für die Fahrt. Bevor wir schließlich 7 km vor dem Grenzort Mae Sai im kleinen, hübschen Fai Nam Rim Resort übernachteten, konnte ich auch noch die thailändischen Zollpapiere schnell, billig (25 Baht = 50 Eurocent) und unkompliziert erledigen.

Am folgenden Tag brachen wir schon früh auf. Wir wollten gleich nach den Grenzformalitäten weiter nach Keng Tung, der Hauptstadt des Eastern Shan State (ESS), fahren. Die ersten Stunden in Burma waren aber trotz unserer Reiseeuphorie eher ernüchternd.

Miss Win von Myanmar Travel and Tourism half uns über die bürokratischen Hürden hinweg

Miss Win von Myanmar Travel and Tourism half uns über die bürokratischen Hürden hinweg

Der Einreisepapierkram gestaltete sich zermürbend und wäre ich nicht schon von Reinhard gewarnt worden, wer weiß, ob ich nicht auf der Grenzbrücke zwischen Mae Sai und Tachilek wieder umgedreht hätte. Zum Glück war da aber Miss Win vom Myanmar Travel and Tourism Office. Sie schlichtete nicht nur die gesamten Einreisepapiere, sondern half uns auch noch mit guten Ratschlägen, wie wir uns bei den Kontrollstellen entlang des Asian Highway No. 2 von Tachilek nach Keng Tung und auf dem Asian Highway No. 3 weiter nach Möng La zu verhalten hatten und wo wir uns überall melden mussten. Wenn man aus dem frei bereisbaren Thailand kommt, sind all diese Meldevorschriften und Checkpoints natürlich wie ein Dampfhammer. Was wir zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht kannten, war die Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit des gesamten Personals an jedem Checkpoint entlang der Strecke. Hoppla, nicht jeden Checkpoints… Da war auch noch der Schranken der ethnisch chinesisch besetzten Kontrollstelle der Special Region 4 of Eastern Shan State, einer Region, die seit 1989 von der National Democratic Alliance Army (NDAA) kontrolliert wird. Mehr über diesen Staat im Unionsstaat der Shan aber später.

Gut zwei Stunden liefen wir vier Abenteurer zwischen Einwanderungsbehörde, Tourismusbüro und Zoll hin und her, bis wir schließlich die Erlaubnis erhielten, mit Reisepass-Ersatzpapieren und 20 Kopien einer 3-Seiten-Reisegenehmigung ausgestattet unsere Fahrt anzutreten. Zu diesem Zeitpunkt waren wir bereits um 50 Dollar fürs Auto, 35 Dollar für die Haftpflichtversicherung, je 10 Dollar für Visa und noch insgesamt 300 Baht (8 Dollar) für 5 Tage Straßentaxen und Fahrzeugpassagiertaxen erleichtert. „Wenn das so munter weitergeht“, dachte ich mir, „sieht mich Burma nicht wieder…“ Mein Reisebegleiter Bernhard sprach nüchtern aus, was ich mir nur dachte: „Die schröpfen uns wie Goldesel…“ Es war nicht die Summe der einzelnen Beträge, die uns gleich am ersten Tag den Kopf schütteln ließ; es waren die Bezeichnungen der Gebühren und die Tatsache, dass solche von Touristen überhaupt eingehoben wurden. Fahrzeugpassagiertaxe, lächerlich… Burmas Behörden werden sich ernsthaft überlegen müssen, ob sie Touristen mit solchen Kleinigkeiten in Zukunft frustrieren wollen. Die Psychologie eines Reisenden ist nicht immer rational. Hätte man uns eine universelle Gebühr im Äquivalent der einzelnen Beträge abgeknackt, hätten wir vermutlich nicht einmal mit einer Wimper gezuckt. Stattdessen ließ uns der Staat aber die volle Ironie seiner schwerfälligen Bürokratie spüren.

Um etwa 11 Uhr vormittags verließen wir dann endlich den modernen, unattraktiven Grenzort Tachilek in Richtung Keng Tung. Wir hatten keine 5 km der 165 km langen Strecke hinter uns gebracht, als das muntere Schröpfen wirklich weiterging. Autobahngebühr. Auch diese Kleinigkeit war uns aufgrund eines informativen Reiseberichtes von Reinhard Hohler bereits bekannt. Wir bezahlten anstandslos die geforderten 1000 Kyat (1 Dollar) und mussten eigentlich nur darüber lachen, wie man für eine Rumpelpiste wie diese Straße eine Autobahngebühr einheben konnte. Es folgten dann noch zwei weitere Mautstellen und 4700 Kyat Gebühr. Der Asian Highway No. 2 wand sich zunächst sehr flach durch die Ebene hinter Tachilek, bis wir anschließend eine Hügelkette überquerten und nach knapp 50 km den ersten größeren Ort, Ta Lay, erreichten. Den ersten Kontrollpunkt hatten wir schon früher passiert. Dort widerfuhr uns auch die bereits erwähnte Freundlichkeit der Polizei- und Zollorgane. Hätten wir nicht immer auf die flotte Weiterfahrt gepocht, wir hätten vermutlich an jedem Checkpoint Tee trinken können und wären womöglich gar nicht bis Keng Tung gekommen. Daneben sei noch positiv vermerkt, dass bei den Kontrollpunkten niemand auch nur auf die Idee kam, uns weitere Dollar aus den Taschen zu locken. In einigen Reiseführern ist völlig unrichtig von Schmiergeldattacken an ahnongslose Touristen die Rede. Diese Erfahrung machten wir während der gesamten Fahrt nicht.

Buddha wacht über den Asian Highway No. 2 im Shan-Staat

Buddha wacht über den Asian Highway No. 2 im Shan-Staat

Nach Ta Lay, wo wir unsere Mittagspause einlegten, wurde die Landschaft immer spektakulärer. Die von regenzeitlichen Erdrutschen gesäumte Asphaltpiste führte nun durch enge Flusstäler und vorbei am Shan-Dorf Mong Phayak immer höher hinauf in die wilden Berge des Eastern Shan State. Die Region ist von verschiedensten ethnischen Minderheiten bevölkert und mit geübtem Auge erkennt man auch sofort die unterschiedlichen Baustile der Hütten. Auf Tai Lue Ortschaften folgen Lahu- und Akha-Dörfer und so weiter; die ethnische Mixtur des Shan-Staates ist faszinierend! Den höchsten Punkt der kurvenreichen Straße markiert der Loi Mwe Pass (1340m). Danach fuhren wir steil hinab in die Hochebene um Keng Tung. Es war bereits 5 Uhr nachmittags, als wir unser Tagesziel erreichten.

Keng Tung und der umkämpfte Shan-Staat

Metropole des Shan-Staates - Keng Tung

Metropole des Shan-Staates - Keng Tung

Keng Tung ist nicht klein. Geschätzte 20,000 Menschen zählt die Bevölkerung. Und dennoch hat die Stadt Dorfcharakter. Die meisten Häuser sind aus gebrannten Lehmziegeln gebaut, weiß gestrichen und mit dunklen, verwitterten Tonschindeln gedeckt. Zwischen den Wohnhäusern der Stadt ragen die roten Dächer und goldenen Pagoden der über 40 buddhistischen Tempel Keng Tungs empor. Auch viele Christen leben hier, ich fand in den folgenden Tagen fünf Kirchen. Sogar eine kleine Moschee dient den wenigen pakistanischen und burmesischen Moslems in Keng Tung als Ort des Gebets. Der Großteil der Bevölkerung der außergewöhnlich sauberen Stadt sind Tai Khoen. Sie sprechen ihre eigene Sprache, die mich an laotische Dialekte erinnerte. Trotzdem sind fast alle Menschen mit der thailändischen Sprache vertraut. Burmesisch hört man in Keng Tung kaum. Nur die zugewanderten Militärs, Angestellte der Behörden und wenige Geschäftsleute kommunizieren in dieser Sprache. Die vermutlich im 12. Jahrhundert gegründete Stadt Keng Tung war einst eines der frühen Thai-Königreiche, die sich vom heutigen Nordthailand bis ins südliche Yünnan erstreckten. Der letzte Versuch, Keng Tung wieder an das alte „Heimatland“ Thailand anzuschließen, wurde von der Thai-Armee mit japanischer Hilfe in den Jahren 1942-45 unternommen, am Ende des Zweiten Weltkrieges jedoch von den Siegermächten wieder rückgängig gemacht.

Was danach folgte war ein Chaos aus Drogenkriegen, Unabhängigkeitskämpfen und Versuchen Burmas, Chinas und Thailands, ihren Einfluss im Shan-Staat für die Nutzung der natürlichen Rohstoffe zu sichern. Leidtragende dieser Konflikte waren immer die einfachen Menschen der vielen Minderheiten. Die Stadt Keng Tung selbst blieb von den Kämpfen weitgehend unberührt, im gesamten Shan-Staat aber kam es zu enormen Flüchtlingstragödien, zwangsweisen Umsiedlungen und wechselnder militärischer Unterdrückung. Bis heute ist der Frieden nicht wiederhergestellt. Ruhe herrscht nur dort, wo Machtverhältnisse eindeutig geklärt sind. Trotz Waffenstillständen und Friedensverträgen des Regimes mit den ethnischen Gruppierungen brechen immer wieder neue Gefechte zwischen staatlichen Truppen und den Rebellenarmeen aus. Dabei geht es vorwiegend um Geld, Drogen und wirtschaftliche Kontrolle. Während unserer Reise durch den Eastern Shan State und die Special Area 4 wurde nur 200 km weiter nordwestlich zwischen Burmas Armee und Soldaten der Kokang-Rebellen gekämpft. Inoffizieller Grund: Einfluss im Kautschukhandel mit China.

Ist die touristische Öffnung so einer Region überhaupt erstrebenswert? Ich sage Ja. Mit wachsenden Touristenzahlen steigert sich auch die finanzielle Unabhängigkeit der Bevölkerung vom Staat und dessen Strategien. Natürlich profitiert auch das repressive Regime. Es wird mit wachsenden Einnahmen aus dem Tourismus aber mit großer Wahrscheinlichkeit auch seine Gesinnung langsam ändern und nicht kriegsfördernde, sondern friedensbringende Maßnahmen in Regionen wie dem Shan-Staat setzen. Betrachtet man die Broschüren und Poster des burmesischen Tourismusministeriums, fällt bereits auf, dass man sich in Kampagnien immer mehr der ethnischen Diversität der Union widmet. Der Tourismus bewegt in Burma also doch die langsamen Mühlen der Veränderung. Auch die Frage, ob es möglich ist, weitgehend die Lokalbevölkerung mit touristischen Ausgaben zu unterstützen, will ich mit einem klaren Ja beantworten.

Touristische Infrastruktur

Komfort aus Beton - das New Kyaing Tong Hotel

Komfort aus Beton - das New Kyaing Tong Hotel

Genau das war eines meiner selbstgesetzten Ziele für diese Reise: So wenig Geld wie möglich an den Staat zu geben. Unsere Unterkunftssuche in Keng Tung gestaltete sich auch dementsprechend. Leone, Janey, Bernhard und ich klapperten ein Gästehaus nach dem anderen ab, um uns einen Eindruck vom Angebot zu verschaffen. Unterkünfte sind nicht rar in Keng Tung. Neben dem riesigen staatlich geführten New Kyaing Tong Hotel gibt es mindestens 8-10 weitere Hotels und Gästehäuser. Die Preise der Gästehäuser sind ein wenig höher als in Nordthailand, das New Kyaing Tong Hotel im Verhältnis billig. Eine Nacht im klimatisierten Doppelzimmer kostet dort zur Zeit 18 Dollar inklusive einfachem Frühstück für zwei Personen. Meine Reisegefährten Leone und Bernhard erlagen hier der Versuchung und entschieden sich für den Komfort aus Beton. Ich nahm ihnen diese Wahl aber keineswegs übel. Keng Tungs Gästehäuser bieten im Vergleich viel weniger Luxus und sind teilweise sogar noch teurer. Die Strategie des großen Hotels ist klar – die Konkurrenz unterbieten. Profit kann der Betreiber damit aber wohl kaum erwirtschaften. Die ersten Anzeichen der langsamen Verwahrlosung sind bereits erkennbar: Ein thailändischer Gast erzählte mir von seiner Klimaanlage, die das Zimmer eigentlich mehr aufheizte als kühlte und bei anderen Gästen musste der Klempner spätabends ans Werk. Leone und Bernhard hatten mehr Glück und waren sehr zufrieden mit ihrer Unterkunft.

Meine Wahl: das Sam Yweat Guest House - Homestay im Shan-Stil

Meine Wahl: das Sam Yweat Guest House - Homestay im Shan-Stil

Meine und Janeys Wahl fiel auf das einfache Sam Yweat (sprich Saam Jood) Gästehaus unweit des lokalen Marktplatzes. Ein Zimmer im Holzhaus der Familie kostete dort 13 Dollar inklusive Frühstück. Klimaanlage hatten wir keine und brauchten sie auch nicht. Nachts kühlte es im 800m hoch gelegenen Keng Tung auf angenehme Temperaturen ab. Ein weiterer Vorteil der Nächtigung bei einer lokalen Familie ist der einfache Erhalt von Informationen über die Region und touristische Ziele. Frau Khan, die Besitzerin des Sam Yweat, nahm sich sehr viel Zeit für meine Fragen.

Neben unseren gewählten Hotels gab es noch das sehr saubere, neue Paradise Hotel um 29 Dollar, Harry’s Gästehaus am nördlichen Stadtrand mit 20 einfachen Zimmern für 6-12 Dollar ohne Verpflegung, das Private Resort an der Straße zum Flugplatz für 16 Dollar und noch weitere kleine Etablissements im Stadtzentrum unweit des Nong Tung Sees. Entlang dessen Ufer findet der Reisende auch ein paar Teehäuser und das Azure Restaurant, welches wir fast jeden Abend unseres Aufenthaltes in Keng Tung aufsuchten. Aufgekocht wurde unter einem Flugdach vor dem Haus der Besitzer und serviert wurden die örtlichen Leckereien auf schnell aufgestellten Tischen direkt neben den klaren Wassern des Nong Tung. Diese nahezu perfekte Idylle wurde nach Einbruch der Dunkelheit nur von jungen Leuten gestört, die mit ihren Mofas rund um den See flanierten – vor wenigen Jahren waren sie sicher noch per pedes oder mit dem Drahtesel unterwegs…  Große Gartenrestaurants wie überall in Thailand findet man in Keng Tung noch nicht. Die kulinarische Landkarte beschränkt sich auf simple Einrichtungen, die Qualität des Essens ist aber hervorragend und abwechslungsreich. Es gibt thailändische, chinesische, burmesische und indische Küche, sodass selbst dem verwöhnten Gaumen nicht langweilig wird.

Religion in Keng Tung

Zentrum und tiefster Punkt der hügeligen Stadt Keng Tung: der Nong Tung See

Zentrum und tiefster Punkt der hügeligen Stadt Keng Tung: der Nong Tung See

Den zweiten Tag in Burma verbrachten wir mit der Erforschung der Stadtlandschaft Keng Tungs. Ich stürzte mich gleich am Morgen in den bunten Markt und startete nach einem kurzen Regenguss zur Mittagszeit eine Fototour durch die alten Straßen und buddhistischen Tempel der Stadt. Ganz Keng Tung ist ungewöhnlich sauber und die religiösen Anlagen befinden sich in sehr schönem Zustand. Im Wat Keng Koom erzählte mir der Abt von vielen thailändischen Pilgern, die teilweise mehrere 10,000 Dollar für die Renovierung der Tempel Keng Tungs hinterließen. Ob das von den Behörden Burmas so ohne weiteres geduldet würde, fragte ich den Mönch. „Ja, solange man einen kleinen Betrag an Steuern abgibt…“, war die ehrliche Antwort. Schröpfung also auch hier. Naja. Ich hatte aber noch eine ganz andere, etwas peinliche Frage an den Abt: „Heute saßen wir beim Frühstück im Innenhof des Gästehauses, als zwei junge Novizen mit ihren Almosenschalen zum Tisch kamen. Ich gab ihnen einen von zwei Kokosnusskuchen, die ich am Vorabend in einer indischen Bäckerei gekauft hatte. Einer der beiden Mönchsnovizen verlangte plötzlich Geld! Ich wies ihn etwas erbost weg. Wie kommt es, dass Mönche auf diese Art Geld erbetteln?“

Wat Keng Koom, einer der über 40 Tempel Keng Tungs

Wat Keng Koom, einer der über 40 Tempel Keng Tungs

Der Abt des Wat Keng Koom klärte mich sofort auf: „Pass auf, wenn du Mönche in braunen Roben siehst. Sie sind Burmesen und oft nur Bettler oder Armeedeserteure. Die Burmesen im Shan-Staat sind arm. Kein Shan-Mönch würde auf diese Art Almosen erhaschen. Wir nehmen die Burmesen auch nicht in unseren Tempeln auf – da gibt es nur Probleme. Wenn du spenden willst, oder Gaben an Mönche reichen möchtest, komme am Morgen einfach direkt in den Tempel.“ Der Abt bedankte sich sogar für meine Frage. Es sei für ihn hilfreich, um ein Bild der religiösen Situation in Keng Tung zu erhalten. Diese sei sonst aber völlig ungestört, bestätigte er weiter. Am Sonntag läuten die Kirchenglocken, Freitags hört man den Gesang des Imam und zweimal täglich wird die klare Luft Keng Tungs von den Gongs der vielen Klöster erschallt. Religiöse Unterdrückung würde hier von der Armee oder den Behörden nicht praktiziert, lehrte mich mein Gesprächspartner. Dieser Eindruck bestätigte sich auch bei meinem Besuch in der katholischen Mission, wo ich mit ein paar zufällig anwesenden Schülern des angeschlossenen Internats diskutieren konnte. Lehrperson war keine zur Stelle, es war Feiertag. Die Schüler des Missionsgymnasiums waren ethnisch bunt gemischt – Shan, Akha, Lahu, Wa. Alle aus verschiedenen Distrikten des Eastern Shan State und alle gute Freunde. Ihre Bücher waren teils in Burmesisch, teils in Englisch gedruckt, wie beispielsweise die Skripten für Mathematik, Chemie und Physik. „Daher also die guten Englischkenntnisse der Jugendlichen Keng Tungs…“, dachte ich mir sofort.
Der Tag war schneller vorüber, als mir lieb war. Den Abend genossen wir vier dann gemeinsam in unserem Stammrestaurant Azure am Nong Tung See bei romantischem Mondschein und fernem Wetterleuchten.

Special Region No. 4 – der Kleinstaat im Unionsstaat

In der Regenzeit wird der Highway stellenweise zur Herausforderung

In der Regenzeit wird der Highway stellenweise zur Herausforderung

Tag 3 in Burma– nun befanden wir uns auf dem Asian Highway No. 3. Von Keng Tung bis Möng La an der chinesischen Grenze sind es zwar nur 85 km, aber die schlechten Straßenverhältnisse und ein 1300m hoher Pass machen den Trip zur Tagesreise. Schon nach wenigen Minuten hielten wir an einem Morastloch mitten im Highway an. Ein schwer beladener burmesischer Lastwagen steckte bis zur Achse im Dreck. Ein zweiter LKW schaffte es dann doch, den hängengebliebenen Wagen mit einem Stahlseil aus dem Schlammloch zu ziehen. Ich würde in Burma kein Lastwagenfahrer sein wollen. Etwa 20 km hinter Keng Tung begann die Straße dann anzusteigen und wand sich vorbei an kleinen Bergdörfern der Tai Lue und Akha bis auf einen 1300m hohen Pass. Die Aussicht auf die umgebende Bergwelt war dort oben grandios. Wir hielten neben einer Gruppe Shan-Motorradfahrer an und genossen die frische Bergluft. Nach einem kurzen „Hello – Sawadi Khap“ reichte uns der älteste Mann der Gruppe schon eine Wasserflasche. „Nein danke“, sagte ich kurz, „wir haben selbst Wasser mit.“ Der 49-jährige Reisbauer und ehemalige Shan-Soldat lachte laut auf und erwiderte: „Nein, das ist keine Wasser, junger Mann. Das ist Shan-Medizin. Reisschnaps vom Besten!“ Bernhard und ich konnten nun nicht mehr entkommen. Wir mussten kosten. Lecker war das Gebräu ja schon, aber ich musste noch an meine Weiterfahrt auf der herausfordernden Straße denken.

Wir trafen überall liebenswerte Menschen

Wir trafen überall liebenswerte Menschen

Bevor wir uns verabschiedeten, erzählte mir der stolze Herr noch von seinen heroischen Kämpfen gegen die burmesische Armee, und trank dabei einen Schluck Schnaps auf jeden Gefallenen. Na Prost, ich hoffte nur noch, dass der gute Mann sein Leben nach all den tapferen Gefechten nicht auf dem Asphalt verlieren würde.

Wieder unten im Tal passierten wir so unkompliziert wie am ersten Tag einen burmesischen Kontrollposten, bevor wir am Schlagbaum der Special Region No. 4 angehalten wurden. Hier saßen nicht mehr die Burmesen oder Shan – hier war alles unter Kontrolle der NDAA und ihrem Führer U Sai Lin. Wir betraten einen neuen Staat im Staat. 36 Yuan (6 Dollar) knöpfte man uns pro Person als „Zutrittsgebühr“ ab und weiter 40 Yuan für das Auto. Hätten wir unsere Baht, Dollar und burmesischen Kyat nicht schon in Keng Tung in chinesische Yuan umgewechselt, wären wir nicht durch den Checkpoint gekommen. In der Special Region No. 4 gibt es nur eine Währung – den Yuan eben. Und das, obwohl das Gebiet rechtlich noch immer zur Union of Myanmar gehört. Wir wussten von der ersten Minute an, wer hier das Sagen hatte – China.

Hässliche Hochburgen der Spielerei und Prostitution - Möng Las chinesische Hotels

Hässliche Hochburgen der Spielerei und Prostitution - Möng Las chinesische Hotels

Alles ist hier anders als im übrigen Eastern Shan State. Die Autos haben eigene Nummerntafeln, alles ist in Chinesisch beschriftet, es gelten andere Gesetze und selbst die Uhren sind auf China ausgerichtet. Bereits vor dem Erreichen der Stadt Möng La fiel uns auf, wie sehr das Reich der Mitte auf diese Region Einfluss nimmt. Riesige Bananen- und Kautschukplantagen dienen der chinesischen Versorgung und hässliche Einheitsbetondörfer mit Müll an jeder Ecke wurden für chinesische Einwanderer aus dem fruchbaren Boden der ehemaligen Reisfelder gestampft. Die Tai Khoen und Thai Lue wurden in ihrem eigenen Land zu Minderheit degradiert. Ihre Dörfer und Felder gibt es zwar nachwievor, ihre Kultur und Traditionen werden der chinesischen Bulldozer-Wirtschaft auf lange Sicht aber kaum standhalten können.

Auch die touristische Entwicklung läuft in Möng La gänzlich anders ab als in Keng Tung. Möng La ist ein Spielerparadies und eine Hochburg der Prostitution. In jedem Hotel stehen Spielautomaten, die Eingangshallen und Zimmer sind verraucht und muffig und bereits vor Sonnenuntergang flitzen chinesische Stundenmädchen durch die Korridore. Es gibt zur Zeit nur wenige Spiel- und Sextouristen in Möng La. Schuld daran ist ein weiterer Wirtschaftskonflikt zwischen Burma, der SR 4 – so nennt sich die Region allgemein – und China. Der chinesische Grenzposten Daluo, 200m vom SR 4 Checkpoint, ist momentan nur bedingt geöffnet. Wer ihn überschreiten durfte, konnte ich auch in einem Gespräch mit einem Grenzsoldaten der SR 4 nicht in Erfahrung bringen. Man wollte mir nichts sagen. „Ab November wird die Grenze wieder offen sein.“, sagte der Privatarmeeoffizier, der auch Thai sprach, nüchtern. Schön, dann kann das Spielen und Huren der großteils chinesischen Touristen wieder mit Volldampf weitergehen. Die Stadt sah auch wirklich verlassen und heruntergekommen aus. Sauberer wird sie aber mit chinesischen Touristen sicher nicht werden, da wette ich meinen letzten Yuan drauf.

Chinesischer Exportartikel Tourismus in Möng La - inklusive fragwürdigem Zimmerservice...

Chinesischer Exportartikel Tourismus in Möng La - inklusive fragwürdigem Zimmerservice...

Nach mehreren Versuchen, ein einigermaßen sauberes und nicht zu sehr stinkendes Hotel zu finden, landeten wir im Pa Lai. Auch hier war es muffig, aber noch immer besser als in vielen anderen Spielerunterkünften Möng Las. Das Zimmer im Pa Lai kostete 12 Dollar und war bis auf den Tabakgeruch recht sauber. Wie sehr Möng La auf das Wohl seiner Sextouristen bedacht war, sahen wir auch gleich am Abend, als wir vom einzigen Thai-Restaurant der Stadt zurückkamen: Unter der Tür des Hotelzimmers fanden wir eine Visitenkarte mit dem Bild einer leichtbekleideten Dame und einigen Telefonnummern. Was draufstand konnte ich nicht eruieren – es war lediglich in Chinesisch gedruckt. Beim näheren Inspizieren unserer Ruhestätte fanden wir auch noch eine Gratispackung Kondome, verteilt vom Malteser Orden – eine rücksichtsvolle Maßnahme zur Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten. Na immerhin.

Buddha streckt seinen mahnenden Zeigefinger auf das Treiben in Möng La

Buddha streckt seinen mahnenden Zeigefinger auf das Treiben in Möng La

Eine geplante Tour in die Umgebung der Stadt, sowie ein frühmorgendlicher Sonntagsgottesdienst in der katholischen Kirche Möng Las fielen leider beide ins Wasser. Die Kirche war geschlossen, obgleich wir eine Uhrzeit für die Messe in Erfahrung bringen konnten und zu allem Überdruss begann es vormittags auch noch aus allen Wolken zu schütten. Wir beließen unsere Sightseeing-Tour mit dem Besuch des lokalen „Museum in Commendration of Opium-Free in Special Region 4 ESS“. So nannte man das propagandistisch-informative Opium-Museum unweit der Grenze zu China. Mag sein, dass die Special Region No. 4 seit ein paar Jahren Opium-frei ist, das Nichtvorhandensein der Methamphetaminproduktion kaufe ich den Behörden jedoch nicht ab. „Yaa Baa“, die Idiotendroge, wie sie in Thailand genannt wird, hat in vielen Regionen Burmas das aufwendig herzustellende Heroin als cash cow abgelöst. Speziell Mitglieder der ethnischen Gruppen Kokang, Wa und der zugewanderten Chinesen im Shan-Staat sind massiv im Drogenhandel involviert. Neben den Erfolgen in der Ausrottung des Drogenhandels wird im Museum auch noch die positive wirtschaftliche Entwicklung Möng Las eindrucksvoll in Bildern und mit zwei 3-D-Reliefs der Stadt dargestellt. Ich erstarrte nahezu; nicht vor Ehrfurcht jedoch, sondern vor Missgunst. Wo soll der Erfolg liegen, wenn man ein Dutzend riesige Hotel und ein paar Spielhöllen baut und sich damit auch noch das Problem der unkontrollierten Prostitution eingehandelt hat. Den chinesischen Nutznießern ist diese Entwicklung sicher völlig egal – Chinas Böden bleiben „sauber“, verschmutzt wird nur das Nachbarland. Ich machte diese schmerzvolle Entdeckung auch schon in Nordlaos, wo China zwei riesige Kasinos inklusive (Stunden-) Hotels gebaut hatte.

Mit sehr gemischten Gefühlen und wertvollen Erfahrungen verließen wir Möng La im Regen und fuhren langsam wieder zurück nach Keng Tung, um dort weitere zwei Nächte zu verbringen.

Ein lehrreicher Ethno-Trip

Sai Win - Nachhilfelehrer für Mathe und Englisch, sowie Tour Guide

Sai Win - Nachhilfelehrer für Mathe und Englisch, sowie Tour Guide

Die hohen Berge zwischen Möng La und Keng Tung bilden eine Wetterscheide. Während es oben an der chinesischen Grenze unfreundlich nass war, schien in Keng Tung bei unserer Ankunft die Sonne. Grund genug, das schöne Wetter am nächsten Tag für eine Exkursion zu mehreren ethnischen Minderheiten der Region zu nützen. Ich bat das Sam Yweat Gästehaus, den Guide Sai Win anzurufen, damit er uns zu den zahlreichen interessanten Ortschaften begleiten würde. Sai Win war früher Mathematik- und Englischlehrer, hat sich aber vor einigen Jahren als lokaler lizensierter Reiseführer selbständig gemacht. Ich traf ihn bereits vor unserer Fahrt nach Möng La und er überzeugte mich mit seinem reichen Wissen. Zudem sprach Sai Win neben Burmesisch, Thai und Englisch auch noch die Dialekte der Akha, Änn und anderer Volksgruppen.

Vor unserer Abfahrt aus Keng Tung bat ich Sai Win noch schnell, ein paar nützliche Geschenke für die Dorfbewohner zu kaufen. Schulartikel wären nicht notwendig, sagte Sai Win, aber Seife. Also gut, ich ließ unseren Guide alleine in den Frischmarkt gehen um Seife und Waschpulver zu besorgen. Leider war das ein Fehler… Nicht die Entscheidung für die Seife, sondern ihn alleine einkaufen gehen zu lassen. Sai Win kam zwar mit dem gewünschten Waschpulver zurück, hatte aber auch noch Unmengen von kleinen Shampoo-Säckchen und in Plastik verpackte Schokoriegel und Luftballons gekauft. „Ich habe auch was für die Kinder dabei.“, sagte er stolz, als er mir die Naschereien zeigte. Es war mein Fehler, daher konnte ich ihm nicht böse sein. Ich nutzte aber die Gelegenheit, um Sai Win meine Gedanken zu Schokolade und Plastikmüll zu unterbreiten. Ich denke, es war eine lehrreiche Erfahrung für uns beide. Bei der nächsten Gelegenheit werde ich sicher selbst einkaufen gehen und offene Naturseifenblöcke erstehen. Und wenn schon Süßigkeiten, dann zumindest unverpackte Lakritze oder ähnliche traditionelle Leckereien.

Die Fahrt ging los. Erste Ziele waren das Lahu-Dorf Pin Tauk 20 km nördlich von Keng Tung, sowie ein kurz danach gelegenes Akha-Dorf und eine kleine Bergsiedlung der Änn. Ich hatte in den letzten Tagen immer wieder über den brüchigen Zustand der Asian Highways No. 2 & 3 genörgelt. Das werde ich in Zukunft nie wieder machen. Wir bewegten uns nun auf Wegen, die einer schlammigen Mondlandschaft mit tausenden kleinen Kratern glichen, obgleich sie auf lokalen Karten als befestigte Straßen eingezeichnet waren. Sai Win versuchte mich zu überzeugen, dass es weiter außerhalb von Keng Tung noch viel schlimmer um die Verkehrswege bestellt war. Dort würde in der Regenzeit ungeschriebene Allrad- und Kettenpflicht bestehen, wollte man sein Ziel erreichen. Ich dachte bereits sehnsüchtig an die Ketten und den Krampen, welche zuhause in Thailand wohlverwahrt im Haus lagen. Wir würden schon nicht hängenbleiben, munterte ich mich selbst auf.

Freude bei den Akha über unseren Besuch im Dorf

Freude bei den Akha über unseren Besuch im Dorf

Nach weit über einer Stunde erreichten wir auch heil Pin Tauk, fuhren aber gleich weiter in die nahe Akha-Niederlassung. Beide Dörfer waren ungemein gepflegt und sauber. Das kann man von vielen Bergdörfern in Thailand nicht behaupten. Unser Guide erklärte mir, dass in den Schulen ganz besonders auf Reinlichkeit und Müllentsorgung geachtet würde und die Kinder bei Missachtung dieser Regeln auch bestraft würden. War das der alte Einfluss britisch-kolonialer Erziehung? Schlecht war es keineswegs. Vor thailändischen und laotischen Schulen sieht es vergleichsweise ungepflegt aus und viele Regionen Kambodschas gleichen ohnehin mehr einer Müllhalde. Als wir zu Fuß durch das Akha-Dorf schlenderten, kamen auch ein paar Frauen mit Handarbeiten aus ihren Hütten. Die Art, wie sie ihre hübschen Waren anboten, war jedoch keineswegs aufdringlich oder gar lästig, wie es in anderen Ländern Südostasiens oft der Fall ist. Hier machte es Spaß, die Dörfer zu besuchen und die Menschen hatten auch sichtlich Freude mit uns Touristen. Es wurde viel gescherzt und gelacht.

Wir marschierten weiter zügig einen Berghang hoch und betraten nach einer halben Stunde ein namenloses Dorf der Änn. Auch hier war es sauber, die Hütten waren jedoch von sehr primitiver Bauweise. Die Änn sind ein uralter Mon-Khmer-Stamm, ein Überbleibsel der einst riesigen Königreiche, die vor über 1000 Jahren bis in diese Region reichten. Als ich die ersten Gesichter der Dorfbewohner sah, glaubte ich mich nach Kambodscha versetzt. Die Antlitze der Menschen glichen alten Khmer-Bildnissen in Tempeln und ihre Hautfarbe war sehr dunkel. Ihre Religion, sofern sie jemals  wie ihre Vorfahren den Hinduismus praktizierten, hatten die Änn vor langer Zeit verloren und waren nun Animisten. Sie haben heute nur noch einen Schrein mit einer heiligen Trommel, die niemand berühren darf. Ihren Kindern geben die Änn nicht einmal Namen und wie alt sie sind, wissen sie auch nicht. Ein weiteres untrügliches Zeichen ihrer Mon-Khmer-Abstammung ist die Sprache, deren Betonung sehr an das heutige Khmer erinnert. Der Wortschatz ist aber sehr, sehr eingeschränkt und Schrift kennen die Änn ohnedies nicht. Ihr Nachwuchs geht auch nicht in die Schule.

Die Kinder der Änn wachsen ohne Namen und Geburtstag auf

Die Kinder der Änn wachsen ohne Namen und Geburtstag auf

Wovon leben diese einfachen Menschen nun? Schweinezucht im Dorf, ein wenig Bergreis- und Erdnußanbau. Erforderliche Waren tauschen die Änn gegen ihre Produkte ein. Für die wenigen Touristen, die es bis hierher schaffen, fabrizieren die Frauen kleine Taschen und traditionelle Kleidungsstücke.

Es ist erstaunlich, wie so viele völlig unterschiedliche Volksgruppen im Shan-Staat nebeneinander leben können. Krieg haben diese Bergstämme offensichtlich selten gegeneinander geführt. Die großen Konflikte kamen mit den Briten, dem burmesischen Militär und Chinesen ins Land, und natürlich mit dem Drogenhandel. Im Shan-Staat werden die Änn, Palaung, Akha, Lahu, Lisaw, Akhue und alle anderen Völker wegen ihrer ethnischen Volkszugehörigkeit vom burmesischen Regime momentan nicht mehr wirklich unterdrückt. Die „Birmanisierung“ geht hier sanfter vonstatten als einst die „Thaiisierung“ der Bergstämme Nordthailands. So sieht es zumindest Sai Win, selbst ein Mitglied einer ethnischen Minderheit.

Hier wird aus Reis "Medizin" gemacht: Schnapsbrennerei außerhalb von Keng Tung

Hier wird aus Reis "Medizin" gemacht: Schnapsbrennerei außerhalb von Keng Tung

Im Anschluss an diese Bergdorfbesuche führte uns Sai Win in eine kleine Reisschnapsbrennerei in einer Tai Khoen-Ortschaft unweit von Keng Tung. 240 Liter des berauschenden Gebräus werden hier täglich destilliert. Das Ergebnis sind zwei unterschiedliche Qualitäten – die gute für die Lokalbevölkerung und die nicht ganz so gute für den Export nach China. Der Einkaufspreis der guten Ware liegt bei einem Dollar pro Liter! Kein Wunder, dass unsere Freunde, deren Bekanntschaft wir auf dem Pass zwischen Keng Tung und Möng La machten, den Reisschnaps wie Wasser schlürften.

Nach einem guten Nudelsüppchen im Schnapsdorf fuhren wir durch prächtig gelbgrüne Reisfelder weiter in eine Siedlung der Palaung. Dieser Stamm ist bekannt für seine Webereien und schöne Silberhandarbeiten. „Die Palaung sind reiche Leute!“, erklärte Sai Win im Dorf, „Sie kaufen alte Silbermünzen und Rohsilber und verarbeiten es zu schönen Schmuck, den sie an andere Ethnien verkaufen. Mit Touristen machen die Palaung bis heute praktisch noch kein Geschäft. Dafür kommen viel zuwenige Reisende hierher.“ Uns fiel beim Spaziergang auch auf, dass viele sehr alte Menschen in dieser Ortschaft lebten. Dieser Eindruck wurde uns auch wieder von Sai Win bestätigt: „Die Palaung werden sehr alt, weil sie sehr gesund leben. Hier im Dorf gibt es einige weit über 90-jährige Bewohner.“ Mit einer scherzhaft aufgelegten 96 Jahre alten Ururgroßmutter machten wir auch persönlich Bekanntschaft. Mir ging auch durch den Kopf, dass Schweinefleisch doch nicht so ungesund sein konnte, wenn ich die Menge der grunzenden Dorfbewohner hier bei den Palaung betrachtete. Vielleicht lag es daran, dass es Wildschweine waren, und keine rosaroten Hausschweine.

Den Abschluss des Tages bildete noch ein „Ritt“ durch knöcheltiefen Schlamm in eine kleine Siedlung der Akhue (nicht zu verwechseln mit den Akha), 15 km östlich von Keng Tung bei Möng Lan. In ihrem Dorf funktionierte die Müllentsorgung definitiv nicht. Seltsam. Es war der einzig ungepflegte Ort, den wir in all den Tagen zu Gesicht bekamen. Sai Win schob die Schuld an den Dorfvorsteher; das wird es wohl sein. Kurz vor Sonnenuntergang erreichten wir wieder Keng Tung, wo wir uns bei Sai Win bedankten und ihn auch finanziell für seine großartige Tour entschädigten.

Rückfahrt und Resümee

Erinnerung an die vielen Checkpoints: die x-fach gestempelte Reisegenehmigung der burmesischen Einwanderungsbehörde

Erinnerung an die vielen Checkpoints: die x-fach gestempelte Reisegenehmigung der burmesischen Einwanderungsbehörde

Bereits während der Rückfahrt nach Tachilek am Tag 7 unserer Reise diskutierten Leone, Janey, Bernhard und ich über Erlebtes, Gelerntes und positive wie negative Eindrücke. Die drei Kontrollposten der Immigration ließen uns wiederum schmiergeldlos passieren, die Autobahngebühr war gleich geblieben, bloß Tachilek begrüßte uns mit einem weiteren Schildbürgerstreich: Bei der Einfahrt in die Stadt mussten wir 1500 Kyat (1,5 Dollar) Straßenbenützungsgebühr für die zivile Stadtadministration berappen. Ich wusste zunächst nicht, ob ich heulen, lachen oder schreien sollte. Ein lächerlicher Betrag, der aber die letzten 5 km in Burma beinahe versauerte. Was die Stadtadministration nicht schaffte, gelang dann schließlich einer anderen staatlichen Behörde, die 20m vor dem Grenzbalken, als wir bereits alle Ausreiseformalitäten erledigt hatten, noch ein paar Dollar für die Staatskasse verlangte. Ich weiß nicht mehr wirklich wofür, vielleicht war es eine Taxe für den verursachten Gummiabrieb auf Burmas edlen Asphaltpisten.

Der Gesamteindruck der Reise soll aber durch diese Dummheiten der burmesischen Bürokratie nicht getrübt werden. Unerwähnt darf man jene Eseleien aber auch nicht belassen. Sie entscheiden mit, ob ein Tourist das Land wieder bereisen wird oder genug hat von unnotwendigen und psychologisch ungeschickten Hürden.

Zur Sicherheit während unserer gesamten Kurzreise kann ich nur vermerken, dass die ursprünglichen Aussagen vieler Thais entweder falsch oder einfach erlogen waren. Wir wurden weder bestohlen, angepöbelt, angebettelt (ausgenommen von den zwei Novizen) und schon gar nicht bedroht. Woher diese Gerüchte über schlummernde Gefahren stammen, weiß ich nicht. Es mag schon sein, dass dem einen oder anderen Touristen aus eigener Nachlässigkeit Geld oder die Kamera gestohlen wurde. Wo in der Welt passiert das nicht? Vielleicht in Nordkorea, wo man auf Schritt und Tritt bewacht wird. Die Gefahr, in einen bewaffneten Konflikt zwischen Rebellen und der Armee zu gelangen, ist praktisch auch gleich Null. Die Kontrollposten würden eine Weiterfahrt ohnehin nicht erlauben, wenn sich die Lage in einer Teilregion zuspitzen sollte. Viel größer ist da die Gefahr, aufgrund eines Erdrutsches am Asian Highway No. 2/3 in der Regenzeit für einige Tage festzusitzen.

Ich hoffe, den schönen Shan-Staat wiedersehen zu können

Ich hoffe, den schönen Shan-Staat wiedersehen zu können

Mein wichtigster Eindruck allerdings war, dass sich absolut niemand im Shan-Staat für einen touristischen Boykott aufgrund der politischen Lage in Burma aussprach. Die Menschen wollen Touristen. Und wenn ich das Verhalten der Polizei und anderer Organe mit eigenen Erfahrungen aus den 90er Jahren vergleiche, muss ich eingestehen, dass Burmas offizielle Seite viel freundlicher und höflicher geworden ist. Das ändert dennoch nichts an der komplizierten und repressiven politischen Lage im Land. Der Tourismus aber, und hier vor allem aufmerksame engagierte Individualreisende, können mithelfen, die gespannte Lage in vielen Regionen Burmas zu entschärfen. In grenznahen Regionen wie dem Shan-Staat besteht auch eine sehr aussichtsreiche Chance, die lokale Bevölkerung finanziell zu unterstützen, ohne das Regime in Rangoon grenzenlos zu bereichern. Ich spreche mich daher für eine Reise in einzelne Regionen, besonders den Shan-Staat, aus. Jeder sollte sich aber bemüht fühlen, seine Gedanken und friedenschaffenden Argumente auch bei den offiziellen Stellen zu deponieren, ohne diese zu kompromitieren und sich dabei in die Gefahr zu begeben, als Unruhestifter ausgewiesen zu werden. Ich stehe allerdings auch auf dem Standpunkt, dass organisierter Massentourismus in Burma abzulehnen ist, wenn dabei Einrichtungen benützt werden, die unter repressiven und sozial nachteiligen Bedingungen errichtet wurden. Ich habe im Shan-Staat in nur wenigen Tagen die Erfahrung gemacht, dass ein Gesamtboykott nichts bringt und man sehr wohl von den Behörden angehört wird. Die Summe der Stimmen und kritischen Berichte in allen Medien kann etwas bewirken. Um die Menschen im Land zu hören und ihre Situation zu verstehen, ist eine Reise dorthin unerlässlich. Ich möchte auch noch anmerken, dass diese Fahrt nicht mein erster Kontakt mit Burmesen war. Ich lebte bereits über 10 Jahre an der thailändisch-burmesischen Grenze und habe sehr viele Burmesen aller Klassen und Volksgruppen dort kennengelernt und ihre Sorgen und Wünsche schon vor Jahren vernommen. Gegen Tourismus in Burma sprachen sich auch damals nur sehr wenige Aktivisten aus, meist jene, die permanent als Polit-Flüchtlinge seit Jahren im Exil lebten. Ich freue mich schon auf den nächsten Besuch im Shan-Staat, wann immer er kommen wird. Dann werde ich aber sicher versuchen, mit gespendeten Hilfslieferungen wie Kleidung oder Decken für Bergdörfer ins Goldene Land zu fahren.

Bilderserie aus dem Shan-Staat:  Eastern Shan State

Zusatzinformationen für Selbstfahrer:
Motorräder werden für die Fahrt nach Keng Tung von den burmesischen Behörden nicht zugelassen.
Wer mit dem eigenen Auto in den Shan-Staat fährt muss beachten, dass nur Fahrzeuge vom Thai-Zoll die Ausreisepapiere bekommen, welche einen Zulassungsschein auf den Namen des Besitzers und gleichzeitig Fahrers haben. Leasingfahrzeuge, geliehene Fahrzeuge eines Freundes und Mietautos dürfen Thailand nicht verlassen! Der Zulassungsschein verbleibt beim Thai-Zoll. Das Ersatzpapier wird vom burmesischen Zoll aufbewahrt und dafür gibt es den Erlaubnisschein für sein Fahrzeug. Alle Papiere sind bei der Rückfahrt wieder gegen die alten Originale einzutauschen.
In Tachilek gibt es keine Mietfahrzeuge.
Wer mit seinem Auto nur einen Tages-Pass macht, darf sich nicht weiter als 5 km jenseits der Grenze bewegen. Nur wer die Zollabfertigung in Thailand und Burma macht, bekommt den Erlaubnisschein hinter die Windschutzscheibe geklebt, der für die Fahrt über Tachilek hinaus berechtigt.
Die Thai-Zollabfertigung (25 Baht bei Ausreise, 40 Baht bei Einreise) ist für 7 Tage gültig. Mehr auf Anfrage möglich. Werden die 7 Tage selbst überschritten, zahlt man 100 Baht Overstay pro Tag. Das burmesische Permit gilt für 14 Tage, die burmesische Haftpflichtversicherung sogar für 30 Tage…
Das burmesische Visum gilt für 14 Tage.
Die Fahrtroute muss vor Abfahrt beim Immigration in Tachilek angegeben werden (all dies wird von Myanmar Travel and Tourism koordiniert und erledigt), der Zeitraum des Aufenthalts in der jeweiligen Destination ist aber frei wählbar und kann jederzeit selbst entschieden werden. Man muss sich ohnehin bei jedem Immigration Office in den Städten Kengtung und Möng La melden und dort seine Reisepass-Ersatzpapiere bei einer Übernachtung abgeben. Die Reisepässe verwahrt das Myanmar Travel and Tourism Office für das Immigration. Man erhält sie bei der Ausreise auch problemlos wieder zurück.
Beim Myanmar Travel and Tourism Büro erhält man auch einen Satz Karten der Straßenroute bis Möng La und zwei Stadtpläne.
Wer in Kengtung eine Fahrt zu Dörfern und in die Berge plant, sollte dies nicht auf eigene Faust versuchen. Die Straßenkarte im New Kyaing Tong Hotel ist zwar übersichtlich und schön gemacht, im Gelände aber nutzlos! Es gibt im ganzen Shan-Staat keine Wegweiser (nicht mal in Burmesisch). Daneben würde man sich auf den unzähligen Feldwegen, von denen sich die Hauptrouten kaum unterscheiden, hoffnungslos verfahren. Nehmt euch einen Guide. Der kann dann auch bei Militärcheckpoints sprechen. Gedankenlose Abenteuer lohnen nicht!
Die Straße nach Taunggyi (420 km), Hauptstadt des gesamten Shan-Staates, ist nicht offen. Auch nicht die Straßen in die Special Areas 1, 2 und 3.
Fahrzeiten ohne Halt (ausgenommen Checkpoints):
Tachilek – Keng Tung, 165 km, 4-5 Stunden, 3 Tollgates, 3 Checkpoints.
Keng Tung – Möng La, 85 km, 3-4 Stunden, 2 Checkpoints, kein Tollgate.
Tankstellen gibt es in Tachilek und Keng Tung, wobei dort Diesel ca. 10-20% billiger ist, als in Thailand. In Möng La ist eine PTT-Tankstelle. Diesel ist dort 30 % teurer als in Thailand und nur in Yuan bezahlbar.
Gute Fahrt!

September 6, 2009

Homestay

Nach einem „Ausritt“ in den Eastern Shan State Myanmars (Bericht hier), bereise ich nun wieder den Mekong. Ich habe das letzte Teilstück meiner langen Tour in Angriff genommen – den Mekong entlang der nordostthailändisch-laotischen Grenze.

Unterwegs im "Isan", dem Nordosten Thailands

Unterwegs im "Isan", dem Nordosten Thailands

Mehr zufällig als gewollt übernachtete ich in den letzten Tagen in Homestay-Unterkünften. Das hat jedoch mehrere Vorteile: Es ist in der Regel billiger als im Hotel zu schlafen und man kommt viel leichter mit der lokalen Bevölkerung in Kontakt. Meistens erhält man von der Familie, bei der man wohnt, auch viel bessere Informationen über die Umgebung eines Ortes. Angestellte eines Hotels haben einfach nicht die Zeit für intensive Gespräche. Besonders hier in Nordostthailand, auch Isan genannt, wird Homestay immer populärer. Da der Tourismus in dieser Region aber noch immer ein Mauerblümchendasein fristet, ist Homestay in vielen kleinen Orten die einzige Möglichkeit, zu einem Gästebett zu kommen.

Was ist nun Homestay wirklich? Ich habe vor 5 Minuten den Begriff „gegoogled“ und bin bei Wikipedia auf folgende Definition gestoßen: Kostenpflichtige Aufenthalte bei Gastfamilien werden als Homestay bezeichnet.
Und: Eine Gastfamilie ist eine Familie, die einen ortsfremden jungen Menschen für eine bestimmte Zeit im Rahmen eines Schüleraustausches, Auslandsstudiums oder einer Großveranstaltung (z. B. Weltjugendtag) aufnimmt. Gastfamilien tun dies in der Regel unentgeltlich und freiwillig, um Personen aus anderen Kulturen und Sprachräumen kennenzulernen, ihren Kindern den langersehnten Bruder-/Schwesterwunsch (auf Zeit) zu erfüllen oder einfach nur aus gutem Zweck. Teilweise (z. B. in Ländern mit hohen Lebenshaltungskosten) wird den Gastfamilien auch ein Zuschuss bezahlt, als kleine Entschädigung, der jedoch die Auslagen meist nicht deckt.

Naja, eine typische Wikipedia-Definition eben, mit der ich nicht ganz zufrieden bin… Hier in der Mekong-Region gibt Homestay den Bewohnern von kleineren Dörfern endlich die Chance auch am Tourismus teilhaben zu können. Jahrzehntelang mussten Ortschaften zwischen Fluss und Reisfeld mit neidischen Augen das touristische Treiben in den großen Städten betrachten und konnten nur hoffen, dass manchmal ein Abenteurer auf ein Süppchen ins Dorf kam. Die Zeiten haben sich aber geändert. Mit der Unterstützung der lokalen Tourismusbehörden und einem guten Stück Selbstbewusstsein haben einige kleine Ortsgemeinschaften entlang des thailändischen  Mekongufers begonnen, ihre touristische Entwicklung nicht mehr dem Zufall zu überlassen.

Willkommen in Ban Si Gaai !

Willkommen in Ban Si Gaai !

Ein gutes Beispiel hierfür ist die Gemeinde Ban Si Gaai 18 Kilometer östlich der thailändischen Provinzhauptstadt Nong Khai. Ban Si Gaai liegt direkt am Mekong. Vor 5 Jahren hat das Dorf mit dem Homestay-Konzept begonnen und anfänglich auch Hilfe von der Tourism Authority Thailand (TAT) bekommen. Die behördliche Unterstützung ist mittlerweile eingeschlafen, aber es ist einer selbstlosen Dorfbewohnerin zu verdanken, dass man in Ban Si Gaai auch weiter an Homestay glaubt und daran arbeitet.

Selbstbewusst und immer lächelnd: Homestay-Lady Duangpaisri Nilkote

Selbstbewusst und immer lächelnd: Homestay-Lady Duangpaisri Nilkate

„41 von 300 Familien in zwei Katastralgemeinden beteiligen sich momentan aktiv an unserer Homestay-Initiative“, berichtet mir Frau Duangpaisri Nilkate. Sie ist Reisbäuerin und gleichzeitig Obfrau der Initiative in Ban Si Gaai. „Es ist oft nicht einfach, die Menschen im Dorf von der Sinnhaftigkeit des Homestay-Projektes zu überzeugen. Viele glaubten am Beginn, damit reich werden zu können. Als sie dann lediglich 2 oder 3 Nächtigungen pro Monat hatten, waren sie enttäuscht.“ Die tüchtige Obfrau hat es aber geschafft, fast alle Mitglieder der Homestay-Initiative bei der Stange zu halten und im Vorjahr begannen die Nächtigungen auch erstmals kräftig zu steigen. 2008 gab es in Ban Si Gaai fast 1000 Gäste, wobei manche mehrere Tage blieben. Der Preis für eine Übernachtung ist bei allen Familien gleich: 150 Baht (= 3 Euro) pro Person kostet die Unterkunft in einem Haus in Ban Si Gaai. Für die Verpflegung bezahlt der Gast noch weitere 50 Baht pro Mahlzeit, egal ob Frühstück, Mittag- oder Abendessen. In wirtschaftlich mageren Zeiten wie heuer sind diese Preise ein verlockendes Argument für eine Übernachtung bei einer Reisbauernfamilie.

Eines der hübschen Homestayhäuser in Ban Si Gaai

Eines der hübschen Homestayhäuser in Ban Si Gaai

„In der Trockenzeit ist der Wasserstand im Mekong sehr tief. Dann stellen wir am Ufer kleine Hütten auf und verkaufen Essen und lokale Waren, zum Beispiel Flechtkörbe oder Holzschnitzereien. Man kann in den Wintermonaten sogar im Fluss baden – der Mekong ist hier sehr ruhig und es gibt auch keine Strudel oder gefährliche Strömungen. Zwischen Jänner und April liegt auch ein alter Weg im Trockenen. Den können Touristen auf 5 Kilometern Länge mit dem Fahrrad befahren, gleich neben dem Wasser des Flusses.“ Frau Nilkates Schilderungen klingen einladend. Und sie fährt fort: „Für Kinder organisieren wir auch Wasserbüffelreiten und Ochsenkarrenfahrten. Die Sache mit den Büffeln ist aber nicht so einfach. Die Biester sind ganz schön stur und brauchen viel Training bis sie zum Reiten oder Karrenfahren geeignet sind. Wenn es mit den Büffeln nicht klappt, bleibt aber noch immer eine Fahrt mit einem Fischerboot auf dem Mekong.“ Selbst in der touristisch ruhigen Regenzeit gibt es Gründe, nach Ban Si Gaai zu fahren. Anfang September finden hier Bootsrennen auf dem Mekong statt. Dieses Highlight habe ich unglücklicherweise um zwei Tage verpasst. Schade.

Fast könnte man meinen, Ban Si Gaai sei die perfekte Welt für Homestay-Betreiber und Gäste. Leider kämpft die Dorfgemeinschaft in dieser scheinbar makellosen Idylle aber auch gegen das Monster der industriellen Zerstörung. Ich kann kaum glauben, was ich zu hören bekomme: „Zwischen Ban Si Gaai und Nong Khai gibt es eine riesige Schnapsbrennerei der Firma Thep Arunothai.“ erläutert Frau Nilkate, „Die lassen mit regelmäßiger Frequenz ihre Abwässer in den Mekong fließen. Das wiederum tötet die Fische in den großen Zuchtfarmen unseres Nachbardorfes. Dort lässt man die toten Fische zwar zu Dünger verrotten, aber wenn sie die stinkende Masse nicht loswerden, kippen sie sie ebenso gedankenlos in den Mekong.

Stein des Anstoßes am Mekong Fischfarmen und andere Industrie

Stein des Anstoßes am Mekong Fischfarmen und andere Industrie

Angeschwemmt wird das bestialisch riechende Zeug dann genau vor unserem Homestay-Dorf.“ Meine Gesprächspartnerin klingt nun richtiggehend zornig. Ich kann ihr den Ärger nicht übel nehmen. Ban Si Gaai ist nicht der erste Ort, in welchem ich mit der Bedrohung des Mekong konfrontiert werde. Die Schilderungen von Frau Nilkate lassen wieder meine Erinnerungen an die Probleme des Stromes in Chiang Saen, Chiang Khong, Luang Prabang, Kratie und all den anderen Orten wach werden. Ist es wirklich so schlimm um die Lebensader Südostasiens bestellt? Ich denke ja.

Homestay in Chiang Khan

Neben dem finanziellen Aspekt hat Homestay auch einen kulturellen Effekt auf Gast und Gastgeber.  Gastfamilien lernen andere Kulturen kennen und der Gast selbst lernt die lokale Kultur und das Leben und die Arbeit der Menschen kennen. In Thailand werden die meisten Homestay-Unterkünfte zwar von Einheimischen frequentiert, aber für einen Großstädter aus Bangkok ist das lokale Dorfleben oft genauso neu wie für einen ausländischen Besucher.

Als ich vor wenigen Tagen ein paar Nächte bei der Familie Hanthanom in Chiang Khan am Mekong verbrachte, lehrte mir die Frau des Hauses, wie man diverse thailändische Süßigkeiten und Nachspeisen zubereitet.

Immer am Backen - Frau Hanthanom in Chiang Khan

Immer am Backen - Frau Hanthanom in Chiang Khan

Die Hanthanoms verkaufen vor dem Haus jeden Tag am Morgen und Vormittag verschiedene Leckereien an Schüler oder Leute, die zur Arbeit gehen. Auf die Homestay-Idee kam Herr Hanthanom erst vor wenigen Monaten, als er sich überlegte, was er mit drei Zimmern im Obergeschoß des antiken Holzhauses der Familie machen könnte. Dass seine Gäste nun die Familienbilder im Stiegenhaus betrachten oder mit Zahnbürste und Badetuch durchs Haus rauschen, stört das Ehepaar Hanthanom keineswegs.

Einfach, aber gemütlich ist die Unterkunft bei den Hanthanoms im Huean Luang Prabang

Einfach, aber gemütlich ist die Unterkunft bei den Hanthanoms im Huean Luang Prabang

„Ich höre mir gerne die Reisegeschichten meiner Gäste an und erzähle ihnen von der Geschichte Chiang Khans“, sagt der 65-jährige Herr Hanthanom, „Meiner Frau macht es wiederum richtig Spaß, die Leute mit Leckereien zu verwöhnen“. Ich fühlte mich von der ersten Minute an wohl im Huean Luang Prabang, so nennt der Hausherr sein Heim, da seine Familie aus Luang Prabang in Laos stammt. Er war jedoch viele Jahre nicht mehr in Luang Prabang und freute sich ungemein, als ich ihm am Laptop meine kaum 2 Monate alten Bilder der Weltkulturerbestadt zeigte.

Herr Hanthanom diskutiert liebend gerne übers Reisen

Herr Hanthanom diskutiert liebend gerne übers Reisen

Homestay hat ungemein viele Facetten. Familien, die Homestay anbieten, machen dies neben ihrer alltäglichen Arbeit und als Gelegenheit für zusätzliches Einkommen. Andere wiederum sehen es als Hobby in ihrer Freizeit oder Pension, wie die beiden Hanthanoms. Natürlich kommt es auch vor, dass im Laufe der Zeit aus so manchem Homestay-Anbieter ein Gästehausbetreiber wird. Aus drei Zimmern werden zehn und irgendwann gibt die Familie ihre alte Arbeit auf und steigt professionell in den Tourismus ein. In vielen Ortschaften habe ich auch Gästehäuser mit über 20 Zimmern gesehen, die sich noch immer Homestay nannten. Ob sie dies taten, weil es ein neuer populärer Begriff in der asiatischen Tourismusindustrie ist, oder ihr ehemaliges Homestay-Haus in ein Gästehaus mutierte, kann ich nicht sagen. Einige  Reisende fragen sich dann verwirrt, was nun Homestay wirklich ist und ob ihre Unterkunft auch in diese Kategorie fällt. Gar nicht so einfach zu beantworten, oder? Für mich ist Homestay mehr als bloß ein kurzweiliger Trend. Homestay ist eine Chance für vernachlässigte Regionen, für Pro Poor Tourism und letztendlich auch eine Möglichkeit für den Reisenden, ein Land bewusster kennenzulernen. Man muss ja nicht den gesamten Urlaub mit Homestay verbringen. Ein paar Nächte würden aber so manche einseitige Reise ungemein bereichern und dem Touristen ungeahnte Einblicke in eine fremde Kultur geben.

August 17, 2009

ASA, Blende, Leitzahl und Co.

Fremde Menschen zu fotografieren ist nicht so einfach wie Blumen zu knipsen.

Blumen zu fotografieren ist einfacher als fremde Menschen abzulichten. Foto: Kannika Phuangklin

Marcus Bauer hat in seiner tourismlog-Geschichte “Bitte Lächeln” schon sehr schön und humorvoll die Probleme der Reisefotografie beschrieben. Menschen zu fotografieren ist eine Herausforderung. Es verlangt Respekt, Geduld und manchmal auch das Aufsichnehmen eines verärgerten „No photo, go!“ Nicht alle Menschen die lächeln, wollen auch fotografiert werden. Es macht da keinen Unterschied, ob man Tourist ist oder Journalist, ob die Kamera aus der Urzeit des Zelluloidfilms stammt, superklein ist oder ein 3-Kilo-Digitalmonster mit 20 Millionen Pixeln Auflösung. Das Ergebnis ist immer dasselbe. Wir dringen mit gezückter Touristenwaffe in die Privatsphäre unseres lebendigen Motivs ein und vergessen dabei allzuoft, dass es der auserkorenen Person vielleicht gar nicht so willkommen ist, als Musterbeispiel der Spezies Homo Fotogenensis im Archiv von flickr.com Berühmtheit zu erlangen.

Ich will den Beitrag von Marcus nicht mit anderen Worten wiederholen, sondern ein bisschen erweitern. Als ich vor wenigen Tagen mit einem Freund im Foreign Correspondents Club in Phnom Phen ein leckeres Angkor-Bierchen vom Fass schlürfte, wurde ich von ihm mit Nathan Horton bekannt gemacht. Nathan ist Brite und seit über 20 Jahren Fotograf und Weltreisender. Vor ein paar Jahren siedelte er nach Phnom Phen und organisiert seither Touren außergewöhnlicher Art: geführte Fotoexkursionen. Damit diese Trips aber nicht in planlosem Voyeurismus und Geknipse enden, beginnt jeder von Nathans Ausflügen mit ein paar Unterrichtsstunden. Die Intensität dieser Schulung richtet sich in erster Linie nach dem technischen Vorwissen seiner Gäste und natürlich auch am zeitlichen Ausmaß und dem Ort der Exkursion.

Wer höflich fragt und sich für die Kultur der Menschen interessiert, wird selten mit dem Wunsch eines Fotos abgewiesen.

Wer höflich fragt und sich für die Kultur der Menschen interessiert, wird selten mit dem Wunsch eines Fotos abgewiesen. Foto: Kannika Phuangklin

Nathan verfolgt mit seinen Fototouren drei Ziele: Er möchte die Hobbyfotografen bild- und kameratechnisch weiterbilden, die Freude am Fotografieren  fördern und seine Gäste in die Ethik der Tourismusfotografie einführen. „Die erste Aufgabe ist manchmal keine einfache.“ erklärte mir der Kameraprofi, „Viele Leute kommen mit teuren digitalen Spiegelreflexkameras bei mir an und kennen aber den Unterschied zwischen Blende und Belichtungszeit nicht. Ich versuche dann, es nicht zu kompliziert zu machen, damit niemand die Freude am Fotografieren verliert. Eine gewisse Basis technischen Verständnisses ist aber unerlässlich. Wer seine Kamera besser beherrscht, wird auch mehr Spaß am Fotografieren haben.“ erklärte mir der Profifotograf. Ich kann nur zustimmen.

Genauso wichtig ist Nathan Horton, dass sich seine Fotogäste auch mit dem Warum und Wofür der touristischen Fotografie beschäftigen. Er stellt dabei drei Fragen zur Diskussion:

  • Warum bist du Tourist und fotografierst?
  • Warum machst du Aufnahmen von fremden Menschen?
  • Was kannst du mit deinen Bildern bewirken?

Der nächste Schritt in seinem fotografischen Kurzlehrgang ist die Thematisierung der Aufnahmen. „Es bringt dir viel mehr, wenn ein paar Themen die Leitfäden deiner Reise bilden, nicht nur hunderte ziellos gemachte Schnappschüsse. Die interessieren daheim ohnehin keinen.“ Nathan ist ziemlich unverhohlen mit seinen Worten, aber ich muss ihm letztlich beipflichten. Kunterbunt zur Schau gestellte Bilder lösen bei Verwandten und Freunden spätestens nach Aufnahme Nr. 314 sattes Gähnen aus… Wer bei Bild 700 noch nicht schläft ist entweder besonders höflich oder hat in den Pausen ein paar Tassen schwarzen Kaffee getrunken.

„Jeder Tourist sollte neben der Freude an der Sache auch immer den Zweck seines fotografischen Handelns im Bewusstsein haben. “ sagt Nathan und schließt an die oben angeführten Grundfragen des touristischen Fotografierens an. Für ihn ist es nicht genug, das OK der Gemüsehändlerin am Frischmarkt zu bekommen, um dann ein tolles Bild im Kasten zu haben. Der Zweck ist für Nathan erst dann wirklich erfüllt, wenn die Bilder auch die  Aufmerksamkeit Dritter erweckt haben. „Wie soll das gehen, wenn ich keine Möglichkeit habe, meine Bilder zu publizieren?“ fragte ich Nathan daraufhin. „Kein Problem! Es reicht zunächst mal schon, wenn du deine Verwandten begeistern kannst. Glaub nicht, dass das so einfach ist.“ Oh ja, das weiß ich nur zu gut, seit ich versucht habe, einem Onkel von mir 400 Aufnahmen der syrischen Wüste schmackhaft zu machen. „Wenige ausgewählte Fotos können mit den richtigen begleitenden Worten eine lehrreiche Geschichte für die Betrachter bilden. Wenn diese Geschichte dann deren Bewusstsein erreicht und sie zum Denken bewegt, hast du schon einen großen Schritt getan. Deine Bilder sind von nun an mehr als bloß Schnappschüsse, die nur dich interessieren.“

Wer ohne Fragen fotografiert darf sich über schmollende Gesichter nicht wundern...

Wer ohne Fragen fotografiert darf sich über schmollende Gesichter nicht wundern...

Nathan Hortons tiefgründige Aussagen zur ethisch-verantwortungs-vollen Fotografie beziehen sich hauptsächlich auf das Fotografieren von Menschen – einen Sonnenuntergang kann man ja auch schwer entblößen, ausgenommen man bindet fremde Personen in den Motivausschnitt ein.
„Bilder von Bettlern, Kriegsopfern, hübschen lokalen Frauen und so weiter sind Voyeurismus, solange sie nur auf deiner Festplatte gespeichert sind oder du sie mit dem Trophäen-Stolz eines sensationshungrigen Fotoschützen präsentierst. Das ist nicht Ziel meiner Fototrips. Ich will Ethik und Ästhetik in der Fotografie verbinden.“ Nathan ist sehr forsch, aber immer bestrebt, dem Fotografieren einen tieferen, positiven Sinn zu geben und damit auch die Freude am Hobby zu nähren. Wer an seinen Touren teilnimmt lernt Fototheorie, Fotopraxis und zusätzlich noch fremde Kulturen kennen. Sicher aber nicht Sensationsfotografie.

Die Idee von Nathans geführten Fototouren am Mekong ist eine feine Sache. Sie hat auch für mich bereichernden Wert. Es ist eine weitere großartige Möglichkeit den gefährdeten Fluss als eigenständige Destination zu vermarkten. Als positiver Nebeneffekt werden auch wunderbare Impressionen aus dem Leben und den Traditionen der Menschen entlang des Stromes in unsere westlich orientierte Welt transportiert. Viele von Nathans Gästen haben nach ihren Touren Bilder und Texte im Internet veröffentlicht und helfen dadurch mit, den Mekong bekannter zu machen. Selbst wenn einzelne Blogs und Interneteinträge nur geringfügige Verbreitung erreichen, in Summe liefern sie einen wichtigen Beitrag zur Sache.

Wer mehr über Nathan Hortons Arbeit wissen möchte und seine tollen Aufnahmen bestaunen will, hier gehts lang: www.nathanhortonphotography.com